InterviewDebatte ums Einfamilienhaus „Die Wohnformen müssen sich ergänzen“

Der IBA-Chef Andreas Hofer Foto: IBA’27 / Sven Weber 18 Bilder
Der IBA-Chef Andreas Hofer Foto: IBA’27 / Sven Weber

Um das Einfamilienhaus ist eine politische Debatte entbrannt. Andreas Hofer, Intendant der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027, hält von Kampfansagen gegen den Wohntraum der Deutschen wenig.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)
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Stuttgart - Hat das Einfamilienhaus ausgedient? Nachdem grüne Kommunalpolitiker in Hamburg künftig keine Einfamilienhäuser mehr genehmigen wollen, erhitzt diese Frage die Gemüter. Für den IBA-Chef Andreas Hofer stellt sich eine andere Frage: Welche Wohnformen braucht eine alternde Gesellschaft?

Herr Hofer, mehr als 60 Prozent der Deutschen träumen laut Umfragen vom freistehenden Einfamilienhaus. Was ist der Ursprung dieses Ideals?

Das hat historisch gerade hier in Baden-Württemberg mit dem unglaublich schnellen Wandel von einer agrarischen Gesellschaft in einen Metropolitanraum zu tun. Im ländlichen Raum war das Einfamilienhaus eine sehr nahe liegende Lösung, das eigene Wohnungsproblem zu lösen. Es war also, wenn man so will, eine Form der Selbsthilfe,

„Ich kämpfe nicht gegen das Einfamilienhaus“

Eine Art der Selbsthilfe stellt das Einfamilienhaus auf dem Land oder im Vorort in gewisser Weise auch heute noch dar, nämlich für diejenigen, die sich das Wohnen in der Stadt nicht mehr leisten können. Welche Vorstellungen sind mit dieser Wohnform verbunden?

Ich bin mein eigener Herr, das kann mir niemand wegnehmen, ich sichere meine Altersvorsorge, ich habe Gestaltungsspielräume, ich kann hier gut mit meiner Familie leben – das ist das Gesamtbild, das jedoch, und das sollte man nicht vergessen, auch vom Steuersystemen und von Förderinstrumenten stark beeinflusst wurde. Heute lebt man aber auch auf dem Land mehrheitlich in Kleinhaushalten, und wenn man an die achtzigjährige Witwe denkt, die allein im viel zu groß gewordenen Haus wohnt – einfach, weil es in ihrem vertrauten Umfeld keine Alternative gibt – dann stimmt dieses Bild eben nicht mehr.

Das Einfamilienhaus frisst viel Fläche, zersiedelt die Landschaft, es verbraucht Ressourcen, Energie und erzeugt Mobilität. Hat das Einfamilienhaus ausgedient?

Die Probleme, die Sie nennen, sind unbestritten. Aber die meisten Häuser stehen ja schon, und niemand will sie den Besitzern wegnehmen. Im Moment haben wir aber andere Aufgaben: Wie können wir eine Gesellschaft, die sehr fragmentiert ist und immer älter wird, gut behausen? Ich kämpfe dabei nicht gegen das Einfamilienhaus, aber ich kämpfe für Alternativen und dafür, dass sich die Wohnformen gut ergänzen.

Dem Dorf wieder annähern

Wie könnte das aussehen?

Vielleicht müsste man sich wieder dem Dorf annähern, das ja einmal durch sehr viel Nähe, Nachbarschaft und gemeinschaftliche Unterstützung geprägt war. Tatsächlich sehen wir in vielen Orten im ländlichen Raum, dass sich Menschen zusammenschließen, um im Dorfzentrum, nahe der Busstation ein gemeinschaftliches Mehrgenerationenprojekt zu realisieren, vielleicht mit einem Gemeinschaftsraum oder einem kleinen Laden im Erdgeschoss.

Wie könnte der Staat andere Wohnformen, die zu mehr Nachbarschaftlichkeit und Dichte in den Kommunen beitragen, fördern?

Ich bin gar nicht sicher, ob er das fördern muss. Sie zuzulassen wäre schon eine große Hilfe. Viele Dörfer haben in ihren Kernen beträchtlichen Leerstand. Doch baurechtlich ist es heute viel schwieriger, eine Erneuerungslösung im Ortskern zu finden, als am Dorfrand auf dem Acker Einfamilienhäuser zu bauen.

Wie unterstützt die Internationale Bauausstellung 2027 Wohnformen, die, wie Sie formuliert haben, eine „gute Behausung“ darstellen?

Wir führen genau diesen Dialog mit den Menschen vor Ort, mit Politik, Bauträgern und Planern und fragen: Wie verändert sich unsere Gesellschaft? Wie wollen wir in Zukunft wohnen? Es geht dabei nicht darum, eine Wohnform gegen die andere auszuspielen. Wir plädieren für Vielfalt, für Durchmischung, für mehrere Optionen, auch bei der persönlichen Wohnbiografie. Die Bilder von der glücklichen Familie im Einfamilienhaus sind in der Regel ja nur für rund zwanzig Jahre in einem Leben gültig.

Intendant Andreas Hofer und die IBA-Ziele

Chef Der 58-jährige Schweizer Architekt ist seit 2018 Intendant der Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart. Er ist als Juror und in der Hochschullehre tätig.

IBA Die Bauausstellung will dazu beitragen, die Stadtregion Stuttgart in einen lebenswerten, zukunftsfähigen Raum zu verwandeln, und Antworten auf den gesellschaftlichen, technologischen und ökologischen Wandel geben; dabei sollen Bauten und Infrastrukturen entstehen, die etwa „Funktionen und Lebensbereiche mischen und so Nähe zwischen Menschen schaffen“.




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