Debatte zur Kleiderordnung im Frauensport Das Ende der Fleischbeschau?

Als erste Turnerin hat Sarah Voss bei der EM einen Ganzkörperanzug getragen. Foto: dpa/Georgios Kefalas

Ganzkörperanzug statt nackter Haut: Die deutschen Turnerinnen haben bei der EM in Basel ein Signal gesetzt, das über ihre Sportart hinausgehen soll. Auch Athletinnen anderer Disziplinen wollen selbst entscheiden, was sie anziehen – auch wenn es sehr wenig ist.

Stuttgart - Den Gewinn der Bronzemedaille der deutschen 4x 100-Meter-Staffel bei den Leichtathletik-Europameisterschaften 2018 in Berlin bejubelte auch die Online-Redaktion des ZDF. Das Foto der vier jungen Frauen um Vorzeigesprinterin Gina Lückenkemper, das der Sender in den sozialen Netzwerken postete, trug die Aufschrift: „Unser flotter Vierer“. Ob die Schlagzeile wohl genauso ausgefallen wäre, hätten die Athletinnen auf dem Foto keine engen Bikinihöschen getragen, sondern ausgebeulte Jogginghosen?

 

Die Folge war ein veritabler Shitstorm für das ZDF – der allerdings wenig daran geändert hat, dass der Sexismus noch immer fester Bestandteil des Frauensports ist. Anzügliche Sprüche, von Trainern, der Konkurrenz oder dem Publikum, Stammtischdiskussionen über Äußerlichkeiten und genaue Erörterungen von Körpermaßen gehören auch im Jahr 2021 zum Alltag vieler Sportlerinnen – vor allem in Disziplinen wie Turnen, Leichtathletik oder (Beach-)Volleyball, in denen häufig viel Haut und wenig Stoff zu sehen ist.

Große Aufmerksamkeit haben daher die deutschen Turnerinnen bei den zurückliegenden Europameisterschaften in Basel erregt. Ein Jahr lang hatten sie sich Gedanken gemacht – dann ging die Kölnerin Sarah Voss (21) als erste Turnerin überhaupt nicht mehr im knappen, beinfreien Anzug, sondern in eleganter schwarzer Ganzkörperbekleidung an den Schwebebalken. Die Stuttgarterinnen Elisabeth Seitz (27) und Kim Bui (32) taten es der Teamkollegin gleich – und eröffneten damit eine neue Debatte, die zu einem Kulturwandel im Frauensport führen soll.

Wenn die TV-Kameras vor allem das Gesäß ins Visier nehmen

Noch keine Ewigkeiten ist es her, dass von Frauen nicht nur sportliche Erfolge erwartet wurden, sondern auch möglichst viel nackte Haut. Im Beachvolleyball galt bis zu den Olympischen Spielen 2012 die vom Weltverband erlassene Auflage, dass die Hosen der Spielerinnen an der Seite maximal sieben Zentimeter breit sein durften. Was dazu führte, dass im Beachvolleyball-Turnier der Sommerspiele 2004 fast 40 Prozent der Kameraeinstellungen auf Brust oder Gesäß fokussiert waren, wie danach eine Untersuchung der TV-Bilder ergab. Sexismus in Reinkultur. Bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2019 in Katar lösten Kameras im Startblock den Unmut vieler Athletinnen aus. „Wenn wir Frauen in den knappen Sachen beim Start darüber steigen müssen, fühlt sich das nicht so toll an“, sagte Gina Lückenkemper.

Lesen Sie hier: Der Saisonstart des Stuttgarter Beachvolleyball-Duos Karla Borger und Julia Sude

Im Beachvolleyball wurden die Kleidervorschriften auch aus religiösen Gründen geändert. Um Spielerinnen aus islamischen Ländern nicht zu benachteiligen, sind seit 2012 auch Shorts erlaubt, die erst oberhalb des Knies enden – in Ausnahmefällen auch noch längere Kleidung: Bei den Sommerspielen 2016 trafen die späteren Olympiasiegerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst in der Vorrunde im Bikini auf das ägyptische Duo Elghobashy/Meawad, das im Ganzkörperanzug antrat, eine sogar mit Kapuze. Es war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Entscheidungsfreiheit in Fragen ihrer Kleidung.

In Katar sollten kurze Höschen ursprünglich nicht erlaubt sein

Für Unverständnis sorgte daher die Vorschriften der katarischen Behörden beim World-Tour-Event im vergangenen März, die in eine andere Richtung gingen: Demnach sollten alle Spielerinnen nur in Shirts und knielangen Hosen an den Start gehen dürfen. Das deutsche Duo Karla Borger und Julia Sude erklärte daraufhin seinen Boykott – und erfuhr für diese Haltung viel Zuspruch: „Uns wurde sogar vorgeschlagen, uns in der deutschen Außenpolitik zu engagieren“, sagt Karla Borger mit einem Augenzwinkern, „weil sich in Katar etwas geändert, nachdem wir uns eingeschaltet haben.“ Zwei Wochen vor Turnierbeginn hoben die Veranstalter das umstrittene Bikiniverbot wieder auf.

Lesen Sie hier: Warum der Volleyball-Bundesligist Allianz MTV Stuttgart personell aufstockt

Ob knappe oder lange Hosen, ob im Beachvolleyball, Turnen oder anderen Sportarten – „diese Entscheidung muss bei den Frauen selbst liegen. Eine Grundvoraussetzung, um Leistung bringen zu können, besteht darin, dass man sich wohlfühlt“, sagt der Fellbacher Klaus Kärcher, seit 40 Jahren als Sportmanager tätig. Er kennt Athletinnen, denen das Outfit nicht knapp genug sein kann – aber auch solche, denen es viel lieber ist, mehr verhüllen zu können. „Es ist im Rahmen des Erlaubten das Grundrecht jedes Menschen, sich bei der Arbeit so anzuziehen, wie es seiner Persönlichkeit entspricht.“

Den Ganzkörperanzug findet Sarah Voss „cool und superbequem“

Im Turnen gestattet es die Kleiderordnung bereits seit 2013, auch im Ganzkörperanzug an die Geräte zu treten. „Viele wussten gar nicht, dass wir auch lang turnen dürfen“, sagte Bundestrainerin Ulla Koch bei der EM in Basel, als ihre Athletinnen ihr weltweit registriertes Zeichen für Selbstbestimmung setzten. Sarah Voss fand ihr ungewohntes Outfit nicht nur „cool und superbequem“ – sie verband ihre Premiere auch mit der Hoffnung auf eine Zeitenwende: „Wir haben erst mal den Anstoß gegeben. Wir freuen uns, wenn andere die Innovation aufgreifen und wir einen Trend gesetzt haben.“

Klaus Kärcher, als früherer Manager der Schwimmerin Franziska van Almsick oder der Sportgymnastin Magdalena Brzeska einer der Pioniere der Vermarktung von Sportlerinnen, kann diese Entwicklung nur begrüßen. Weil es auch als Vorbild für ganz junge Turnierinnen und deren Eltern dient. Und weil andererseits „mehr Freiheiten für mündige Athletinnen den ganzen Sport noch bunter machen“, wie der 63-Jährige sagt: „Abwechslung ist immer besser als Gleichförmigkeit.“

Jeder nach seiner Façon – das gilt auch für Kärchers frühere Klientin Alica Schmidt (22). Ihre Vorliebe für Bilder im knappen Sportdress haben der 400-Meter-Läuferin aus München 1,6 Millionen Follower bei Instagram beschert.

Weitere Themen