Debatten in Meßkirch War der Erzbischof ein „brauner Conrad“?

Von Stefan Jehle und  

Conrad Gröber, der Erzbischof von Freiburg in der NS-Zeit, hatte eine Nähe zum Nationalsozialismus. Ein Beitrag des Historikers Wolfgang Proske sorgt für neue Diskussionen.

Das Foto zeigt Gröber 1934 vor dem Münster in Freiburg. Foto: Erzbischöfliches Archiv
Das Foto zeigt Gröber 1934 vor dem Münster in Freiburg. Foto: Erzbischöfliches Archiv

Meßkirch/Freiburg - Er war der Sohn eines Schreinermeisters und hatte bereits mit 26 Jahren einen Doktortitel der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom – doch die Rolle des früheren Freiburger Erzbischofs Conrad Gröber im Nationalsozialismus ist immer auch Anlass für Diskussionen. Am Leben und Wirken des Theologen scheiden sich bis heute die Geister. Gröber sagte 1933, die Katholiken dürften „den neuen Staat nicht ablehnen, sondern müssen ihn bejahen“ und mit „unbeirrbarer Mitarbeit“ gestalten. Auch in Gröbers Geburtsort Meßkirch (Kreis Sigmaringen) hat es jetzt aufgrund neuer Quellen wochenlang emotionale Diskussionen gegeben. Eine Fachtagung soll bald die Rolle des „braunen Conrad“, wie Gröber im Volksmund genannt wurde, näher beleuchten.

Aus seiner „deutschnational“ geprägten Gesinnung hat der langjährige Stadtpfarrer von Konstanz nie einen Hehl gemacht. Gröber wirkte als Erzbischof im Juli 1933 aktiv am Zustandekommen des Konkordats des deutschen Reiches mit der römischen Kurie mit. Seine öffentliche Unterstützung der NS-Regierung und seine zeitweilige Fördermitgliedschaft im Freundeskreis der SS sind auch ein Anlass für den neuesten Schlagabtausch, den der Historiker Wolfgang Proske ausgelöst hat.

Erzbischof denunziert eine jüdische Jurastudentin

Dessen Aufsatz in der Reihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer: NS-Belastete in Südbaden“ dokumentierte erstmals das Mitgliedsbuch Gröbers als SS-Fördermitglied seit März 1934. Das Buch sei 2008 im erzbischöflichen Archiv in Freiburg wiederentdeckt worden, bestätigte jetzt eine Sprecherin des Ordinariats. Proske thematisiert zudem die Denunziation einer jüdischen Jurastudentin aus Konstanz 1936 beim Gauleiter Robert Wagner – mit dieser habe Gröber als Stadtpfarrer angeblich „eine Liaison“ gehabt, was die Nazis erpresserisch gegen Gröber ausgeschlachtet hätten.

Für seine Forschungen hatte der Historiker Proske Zugang zu den Archiven des Erzbistums. Er veröffentlichte die wichtigsten Thesen seiner Arbeit bereits im März auch in einem Beitrag der Zeitschrift „Freiburger Diözesan-Archiv“. Anfang Juni wolle sich der Archivdirektor des Bistums in der Ausstellung „Nationalsozialismus in Freiburg“ zum Fall Gröber äußern, sagt die Sprecherin der Erzdiözese.

„Nichts unter den Teppich zu kehren“, das ist auch das Anliegen des Meßkircher Bürgermeisters Arne Zwick. Das war nicht immer so. Zwei Biografien über Gröber, eine davon veröffentlicht 1982 von einem katholischen Geistlichen, haben wichtige Aspekte des Lebenslaufs verschwiegen. Dabei war wohl schon damals einiges bekannt.

Vorwurf der fehlenden Differenzierung

Der Leiter des örtlichen Museumsvereins in Meßkirch, Armin Heim, wirft dem Historiker Proske nun „fehlende Differenzierung in der Gröber-Debatte“ vor. Von einem „Historikerstreit“ berichtete fortan eine der beiden Lokalzeitungen. Auch ein Firmkind des Erzbischofs, ein heute 87-Jähriger, verteidigte den Bistumshirten.

Ganz knapp hat nun der Meßkircher Gemeinderats aber eine Fachtagung befürwortet. Mit neun zu acht Stimmen, darunter die des Bürgermeisters Zwick, und gegen die Stimmen der CDU-Fraktion, soll unter der Leitung des Kreisarchivars aus der benachbarten Kreisstadt Sigmaringen über das Wirken des einstigen Erzbischofs öffentlich diskutiert werden. Allerdings erst zu Beginn des kommenden Jahres. An den Straßennamen „Conrad-Gröber-Straße“ nahe dem Meßkircher Schloss soll laut Zwick „umgehend“ ein Zusatzschild mit Erläuterungen angebracht werden. Der Blick sei schon jetzt geschärft geworden, sagt der Bürgermeister. Der örtliche Caritasverband will den Neubau eines Altenpflegeheims nun nicht mehr, wie geplant, Conrad-Gröber-Heim nennen.

Bis heute Ehrenbürger in Meßkirch und Freiburg

Im vergangenen Jahr wurde auch in Freiburg wieder über Gröber debattiert. Nach einem Gutachten wurde jedoch von einer Umbenennung eines Gässchens hinter dem Freiburger Münster abgesehen. Bis heute wird Gröber in Meßkirch wie Freiburg als Ehrenbürger geführt. Zusammen mit dem ebenfalls in Meßkirch geborenen Unirektor Martin Heidegger und dem Freiburger Bürgermeister Franz Kerber gehörte Gröber zu Beginn der Diktatur 1933 zu einem „Dreigestirn“ wichtiger Amtsträger, die den Nationalsozialismus förderten.

So hielt Gröber am Karfreitag 1941 eine Predigt, dessen Wortwahl stark geprägt war vom antisemitischen Vokabular der Nazis: Die Juden entpuppten sich in seinen Augen „immer mehr als Christi Erz- und Todfeinde“, sagte er im Freiburger Münster. Er betete im Gottesdienst bis zuletzt für den Endsieg der Wehrmacht an allen Fronten. Den Schopfheimer Pfarrer Max Josef Metzger, den der „Volksrichter“ Roland Freisler wegen angeblichen Landesverrats zum Tode verurteilt hatte, ließ Conrad Gröber im Stich. Er empfahl der Gestapo, der Pazifist solle „zur Sühne“ an die Front geschickt werden. Max Josef Metzger wurde im Oktober 1944 hingerichtet.

Nach dem Krieg hat sich Gröber laut dem Artikel des Historikers Proske für seine Rolle im Naziregime im „Konradsblatt“, der Kirchenzeitung des Bistums, „selbst Absolution erteilt“. Für ihn bleibt er zumindest ein Trittbrettfahrer.