Debattenbeitrag zur Baubürgermeister-Wahl Grüne, findet den Besten!

Auf den Nachfolger  von Matthias Hahn warten gewaltige Aufgaben, wie an dieser Ansicht der Stuttgarter City zu sehen. Foto: Peter Petsch
Auf den Nachfolger von Matthias Hahn warten gewaltige Aufgaben, wie an dieser Ansicht der Stuttgarter City zu sehen. Foto: Peter Petsch

Stuttgart braucht einen neuen Baubürgermeister. Die Grünen im Gemeinderat sind am Zug und wollen einen der Ihren auf den Schild heben. Dringend nötig ist aber ein offenes Bewerbungsverfahren. Ein Debattenbeitrag von Amber Sayah.

Kultur: Amber Sayah (say)

Stuttgart - Die Stelle des Baubürgermeisters ist ein politisches Amt. Wenn die Grünen im Stuttgarter Gemeinderat nun für die Nachfolge des vorzeitig sich in den Ruhestand verabschiedenden Amts­inhabers Matthias Hahn von ihrem Vorschlagsrecht Gebrauch machen, dann ist dagegen gar nichts einzuwenden. Ihre Weigerung allerdings, über einen anderen Kandidaten als den eigenen Fraktionsführer auch nur nachzudenken, schlägt alle Bräsigkeitsrekorde in dieser an politischen Bräsigkeitserfahrungen nicht gerade armen Stadt. Selbst die laue Schein­debatte, ob der Posten nicht doch vielleicht einer Frau zustünde, macht dieses unsägliche Geschacher nicht besser. Denn ob nun eine Besetzung nach Parteibuch oder nach Quote – an der Sache geht das eine wie das andere meilenweit vorbei.

Auf dem Spiel steht nichts weniger als die Zukunft der Stadt, ihr Erscheinungsbild, ihre soziale, wirtschaftliche, kulturelle, demografische und ökologische Lebenswirklichkeit heute und morgen, die in jeder Hinsicht mit ihrer baulichen Entwicklung untrennbar verbunden ist. Dass junge Familien in Stuttgart keinen bezahlbaren Wohnraum finden, wie der noch amtierende Baubürgermeister in einem Gespräch mit dem Fachmagazin „Bauwelt“ unlängst freimütig eingeräumt hat, dass der Einzelhandel in der Innenstadt nach der investorenhörigen, in zwei Mega-Shoppingcentern kul­minierenden Schuster-Ära aus­zubluten droht, dass Stuttgart im Feinstaub erstickt, sind nur einige wenige von vielen schwierigen Problemen, die der neue Baubürgermeister anzupacken hat. Mit ein bisschen Kosmetik, das zeigen die paar Beispiele aber deutlich genug, kommt man nicht weit. Der beste Mann oder die beste Frau wäre für den freiwerdenden Posten folglich gerade gut genug, und um den oder die zu kriegen, braucht es ein Bewerbungsverfahren – so wie es in ­anderen Städten selbstverständlich längst praktiziert wird.

In Hamburg beispielsweise hatte der Senator Willfried Maier, ein Grüner übrigens, eine sechsköpfige Findungskommission eingesetzt, als es den Posten des Oberbaudirektors neu zu besetzen galt. Diese entschied sich unter zwanzig Bewerbern für den Stadtplaner Jörn Walter, einen hochqualifizierten Beamten, der bundesweit von Architekten und Kollegen in den Rathäusern für seinen Weitblick und seine Durchsetzungsfähigkeit gerühmt wird. Die Hafen-City und die Internationale Bauausstellung, mit der 2014 der „Sprung über die Elbe“ zum abgehängten Stadtteil Wilhelmsburg gelang, wären ohne sein Wirken nicht denkbar. Walter rechnet es sich, nebenbei bemerkt, auch als Erfolg an, ein ECE-Center in Hamburg ver­hindert zu haben, während man sich in Stuttgart – Gipfel der politischen Debattenkultur – um die Anzahl der Parkplätze im Milaneo stritt.

Ulm macht es besser

Man muss aber gar nicht so weit nach Norden schauen. Es reicht der Blick nach Ulm, wo an diesem Mittwoch der Nachfolger/die Nachfolgerin des langjährigen Baubürgermeisters Alexander Wetzig gewählt wird. Unter anfänglich siebenundzwanzig Kandidaten sind dort nach zwei Vorauswahlrunden im Gemeinderat nun drei Bewerber im Finale. Wer das Rennen am Ende auch macht, er oder sie tritt in große Fußstapfen. Denn Wetzig war ein ebenso starker wie engagierter Baubürgermeister, der das Bild der Stadt entscheidend beeinflusst hat. Unter anderem geht die neue Ulmer Mitte, eine der erfolgreichsten Stadt­reparaturen in Deutschland, die aus der Verkehrsschneise Neue Straße, einem Relikt der autogerechten Stadt der Wiederaufbauzeit, ein urbanes, die Stadträume um Münster und Rathaus verknüpfendes Zentrum gemacht hat, auf sein Konto. Muss man an dieser Stelle erwähnen, dass Stuttgart noch immer ein abgasgeschwängertes Stück Stadtautobahn schönfärberisch „Kulturmeile“ nennt? Muss man nicht. Diese wahrhaft antike Altlast erbt der nächste Baubürgermeister auch.

Mit all dem, sowohl der Neubesetzung des Baubürgermeisterpostens als auch der städtebaulichen Entwicklung, „liegt Stuttgart weit hinter dem zurück, was selbst Klein- und Mittelstädte auf die Reihe kriegen“, kritisiert der Stadtplaner Franz Pesch. „Stadtentwicklung geht anders.“

Zum nicht geringen Teil gehen die heutigen Defizite darauf zurück, dass Matthias Hahn, vormals Fraktions­vorsitzender der SPD im Stuttgarter Gemeinderat, den seine Partei 1996 auf die Baubürgermeister-Stelle wählte, sich hauptsächlich als die schlimmsten Übel verhinderndes Korrektiv der großprojektvernarrten Ober­bürgermeister Rommel und Schuster sah. Ansonsten, so bestätigte er im Interview der „Bauwelt“ , habe er eine Strategie „der kleinen Schritte“ verfolgt.




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