Stuttgart - Man wähnt sich in einem lange vergangenen Jahrzehnt, wenn Celeste Waite ihren Song „Beloved“ anstimmt, in einem mondänen Tanzsalon mit Terrasse und Meerblick vielleicht oder in einem schummrigen Jazzclub. Celeste säuselt und tönt, ein geschmeidiger Kontrabass schiebt, eine Gitarre setzt sparsam Akzente, Streicher flackern. Man kann sich dazu geschmackvoll gekleidete Nachtschwärmer an Tischchen vorstellen, die an Celestes Lippen hängen oder paarweise durch den Raum gleiten, während an der Bar ein einzelner Herr im Smoking an Wodka Martini nippt, geschüttelt, nicht gerührt.
Celestes Stimme umschmeichelt sanft die Ohren und brennt sich zugleich heftig ein. Sie intoniert geschmeidig und entwickelt dabei großen Charakter. Ihre Songs sind nicht ausgefallen, sondern einprägsam und für ein großes Publikum gut hörbar: zeitlos schön – ganz alte Schule – und doch sehr gegenwärtig komponiert, interpretiert und produziert.
Der Co-Komponist: ein Filmmusiker
Alles dreht sich auf Celestes soeben erschienenem Debüt-Album „Not your Muse“ um Beziehungen, um die Liebe und ihre Tücken. Sie sei keine „Ideal Woman“, haucht sie im gleichnamigen Song, in der knackigen Tanznummer „Tonight tonight“ vibriert ihre Stimme förmlich vor frischer Verliebtheit. Nachdenklich klingt Celestes Stimme in „Tell me something I don’t know“ auch in luftigen Höhen, „Love is back“ umfängt das Publikum als dunkler, synkopierter Energiestrom.
Die Musik erzeugt durchweg Bilder im Kopf, und ein Grund dafür liegt auf der Hand: Celeste hat alle zwölf Neo-Soul-Pop-Songs auf dem Album mit dem britischen Filmkomponisten Daniel Pemberton verfasst. Der war schon dreimal für Golden Globes nominiert für „Steve Jobs“ (2016, beste Filmmusik), „Gold“ (2017, bester Originalsong) und „Motherless Brooklyn“ (2019, beste Filmmusik).
Großbritannien ist hin und weg
Celeste ist 26 Jahre alt, und ihre Karriere war kurz davor abzuheben, als Corona sie ausbremste. Bei den Brit Awards am 18. Februar 2020 bekam sie den Rising Star Award, der erstmals 2008 an die damalige Nachwuchskünstlerin Adele verliehen wurde. Celeste interpretierte im Rahmen der Gala in einer umwerfenden Robe, mit umwerfenden Edith-Piaf-Gesten und ihrer umwerfenden Stimme die Superballade „Strange“ – Großbritannien war hin und weg.
In der Folge tauchte sie im Jahr 2020 immer wieder an prominenter Stelle auf: Ihr Song „Hear my Voice“ schmückt Aaron Sorkins Studentenbewegungs-Filmdrama „The Trial of the Chicago 7“, „A little Love“ wurde zur Melodie einer Weihnachtskampagne, die schwebende Dancefloor-Nummer „Stop this Flame“ untermalt die britische Premier-League-Fußballshow von Sky am Samstagabend.
Und für den Pixar-Trickfilm „Soul“ sang sie mit dem Filmkomponisten Jon Batiste im Duett den Abschluss-Song „It’s alright“ ein.
Sie schrieb und produzierte ihre Songs selbst
Celeste wurde 1994 in Kalifornien geboren als Tochter einer englischen Mutter und eines jamaikanischen Vaters. Aufgewachsen ist sie im englischen Brighton, was ihren britischen Akzent erklärt. Mit 16 schrieb sie einen Song zum Tod ihres Vaters, der auf Youtube Aufmerksamkeit erregte. Sie beschäftigte sich mit Musikproduktion, nahm eigene Stücke auf und kam 2018 auf Empfehlung von Michael Kiwanuka zu einem richtigen Plattendeal.
Celestes Gesang erinnert ein wenig an die große Jazzsängerin Billie Holiday – doch es geistert bereits ein anderer Vergleich durch die Welt. Musikstil und Akzent erinnern an eine Künstlerin, die 2006 mit ähnlich stimmigem Portfolio und dem Album „Back to black“ die Welt eroberte: Amy Winehouse. Anfangs, bevor der Ruhm ihr zusetzte und sie schließlich im Rampenlicht verglühte, war sie ein nettes Mädchen von nebenan – genau wie Celeste eines zu sein scheint.
Sie wirkt bescheiden und bodenständig
Es kommt nicht selten vor, dass das Marketing-Image einer Künstlerin und ihr Auftreten auseinanderklaffen, in diesem Fall ist es besonders offensichtlich. Auf Pressefotos wird Celeste auf sexy getrimmt, und sie macht auch leicht geschürzt „bella figura“. Videomitschnitte auf Youtube vermitteln einen anderen Eindruck: Celeste ist modebewusst, sie gilt bereits als Stilikone, sie enthüllt sich aber nicht; sie konzentriert sich ganz aufs Singen, gestikuliert allenfalls wie eine Chansonnière; beim Applaus lächelt sie gern mädchenhaft, als würde sie gleich erröten. Da wirkt nichts verstellt oder einstudiert, Celeste scheint noch weitgehend identisch zu sein mit ihrer Bühnen-Persona.
Dieser Eindruck verfestigt sich beim Vorabhören in einer Zoom-Pressekonferenz, in die sich die Künstlerin für ein paar Minuten einklinkt. Sie wirkt bescheiden und bodenständig und beantwortet Fragen ganz ungeschminkt. Sichtlich stolz auf ihr Album strahlt sie auf sympathische Art: „Ich bin so erleichtert, dass es endlich erscheint und die Leute es hören können“, sagt sie. Wobei: „Ich muss mich erst noch daran gewöhnen, dass ich jetzt überall so viele Fans habe.“ Und dann kommt ein entscheidender Satz: „Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu sehr darauf achte, was andere denken, sondern darauf, was mir wichtig ist.“
Im Moment scheint alles möglich – auch der nächste „Bond“-Song, sofern der aktuelle, wegen Corona um eineinhalb Jahre verschobene Film endlich aufgeführt und ein neuer gemacht werden kann. Nach allem, was man weiß, könnte es der erste Song sein, der nicht einem einzelnen, Wodka Martini nippenden Herrn im Smoking gewidmet ist, sondern einer Frau. Da käme Celestes magische Stimme gerade richtig.