Deep Purple in Stuttgart Verdammt lang her

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Es war schon mal mehr los in der Schleyerhalle. Siebentausend Besucher sind zum Konzert von Deep Purple gekommen. Woran liegt’s? An der unzeitgemäßen Musik? Gewiss auch.

Deep Purple haben in Stuttgart gespielt. Foto: Martin Stollberg 23 Bilder
Deep Purple haben in Stuttgart gespielt. Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - Es war schon mal mehr los in der Schleyerhalle. Siebentausend Besucher sind am Donnerstagabend laut Veranstalterangaben gekommen, das weite Rund ist hinten dezent abgehängt, es sieht eher noch nach ein bisschen weniger Zuschauern aus, aber das ist ja auch egal, denn die doppelt so viele Zuschauer fassende Arena sieht nun einmal so oder so halb leer aus. Obwohl im Vorprogramm eigens Peter Frampton aufgeboten worden ist, dessen legendäres Album „Frampton comes alive“ doch immerhin mustergültig vorführt, was für eine feine Sache so ein Livekonzert doch sein kann.

Woran liegt’s? An der unzeitgemäßen Musik? Gewiss auch. Klar, Klassiker kann man all die Songs aus dem Repertoire dieser Band nennen, die Verdienste sind unbestritten, dass musikalische Könner am Werk sind, wird ebenfalls niemand in Abrede stellen wollen. Aber dass sich wegen „Now what“, dem ersten Album der britischen Band seit acht Jahren, auch nur ein einziger Besucher mehr in die Schleyerhalle gewagt hätte als bei den Gastspielen zuvor, darf man wohl auch bezweifeln.

Ordinäre Gewöhnlichkeit

Die Band spielt zwar pflichtgemäß vier Songs von diesem Album, tut allerdings nicht viel, um den Eindruck der ganz ordinären Gewöhnlichkeit aufzubrechen. Das Konzert währt exakt die berühmt-berüchtigte Strecke von neunzig Minuten inklusive einer einzigen Zwei-Song-Zugabe. Es gibt außer zwei semigroßen Videowänden, ein paar spärlichen Einspielungen und einer sehr überschaubarer Lichtregie keinerlei bemerkenswerte visuelle Effekte. Der Sänger Ian Gillan wendet sich erstmals nach drei Songs an die Besucher, drischt die landläufigen Phrasen, spricht hernach noch zwei-, dreimal und verlässt ansonsten bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Bühne, genauer gesagt steht er etwa die Hälfte des Konzerts nicht auf selbiger, sondern gönnt sich backstage Auszeiten.

Gestrig wirkt der Habitus der Band. Sie tut das, was ansonsten nur noch im Klischee als „ordentlich abrocken“ und „dem Publikum tüchtig einheizen“ verbrämt wird. Sie pflegt Riten, die allerdings überhaupt nicht mehr zünden. Denn keine Frage: natürlich ist Steve Morse, längst zum Nukleus gewordenes Mitglied dieser Band, ein extraordinärer und hoch talentierter Saitenkünstler. Aber beim gefühlt siebzehnten Gitarrensolo dieses Abends. . . puuh, um ein Haar hätten wir gegähnt.

Aufgelockert wird die Geschichte mit nahezu ähnlich vielen Keyboardsoli, dargebracht von Don Airey, dem Nachfolger des vor einem Jahr verstorbenen Jon Lord. Dessen Antlitz wird zur Mitte des Konzerts zum Stück „Above and beyond“ auf den Leinwänden eingeblendet, Gillan erinnert an den Mann, der diese unzeitgemäße Bandbesetzung einst salonfähig machte. Den klassischen Rock-Vierer zuzüglich Tasteninstrumentalist, was einen Sound ergibt, der gelinde gesagt raumgreifend, uncharmant gesagt überfrachtet klingt, selbst wenn er in der Schleyerhalle zugegebenermaßen recht luzide ertönt. Chopin und Rachmaninow sprengseln in die glissandierenden Kaskaden hinein, die Finger huschen über die Tasten, alles ist in Ordnung. Doch eine Zurschaustellung der Virtuosität – die gab es eben nur bei Jon Lord zu bewundern, und zwar nicht bei seiner Zeit mit Deep Purple, sondern in seiner nachfolgenden Solistenkarriere.

Eine ordentliche Rockshow

Am Ende des Konzerts dauert es etwa zwanzig Sekunden, ehe sich die Band vom bemerkenswert ruhigen Publikum zur keinesfalls stürmisch eingeforderten Zugabe zurück auf die Bühne „bitten“ lässt. Es folgen „Hush“, der erste Nummer-Eins-Hit, den Deep Purple vor 45 (!) Jahren in den USA landen konnte, endlich darf dann – nachdem zuvor selbstredend auch der Schlagzeuger Ian Paice dran war – der Bassist Roger Glover sein Solo vollführen, sodann ertönt zum Kehraus „Black Night“. Und weil aller guten Dinge bekanntlich drei sind, gibt es vor der Zugabe noch den Klassiker aller Klassiker, „Smoke on the Water“, verblüffend statisch vorgebracht.

Irgendwas à la „Too old to die young“ prangt als Slogan auf dem T-Shirt des Sängers Gillan, der zwar mit seinen 68 Lenzen längst dem Alter erwachsen ist, in dem man spruchbedruckte Hemden trägt. Eingelöst hat er die Weisheit immerhin trotzdem. Selbst wenn also nicht mehr alles glänzt, bietet die Band nach wie vor eine ordentliche Rockshow der ganz alten Schule. Und verdammt viele Bands wären froh, vor siebentausend Menschen spielen zu dürfen. Aber dennoch: der Grat, auf dem diese Herren balancieren – er wird nicht breiter.