Deep Purple in Winterbach Dritte Zähne, Sonnenbrillen und Gitarrensoli: Tiefes Purpurrot für die Ewigkeit

Deep Purple: Das Power-Quintett lässt es krachen – mit Sänger Ian Gillan als Anheizer (im hellen Sakko in der Mitte sowie auf der Videoleinwand im Hintergrund) Foto: Gottfried Stoppel

Von „Highway Star“ bis „Smoke on the Water“ und „Hush“: Die Veteranen von Deep Purple und ihr sagenhafter Abend in Saunaatmosphäre beim Winterbacher Zeltspektakel.

Die moderne Welt, bestimmt vom Jugendwahn? Welch ein Unsinn. Über dem großen Teich strebt ein Endsiebziger, nachdem er den 81-jährigen Amtsinhaber indirekt ausgebootet hat, die nächste Präsidentschaft an und womöglich mit bald Mitte 80 die Wiederholung der Wiederholung. Doch auch in einem weitaus spaßbetonteren Genre gibt es keine Altersmüdigkeit, nämlich in den weltweit anerkannten Rockgefilden: Erst vor wenigen Tagen lockten die Australier von AC/DC rund 90 000 Fans auf den Cannstatter Wasen.

 

Organisiert wird dass Ganze von der Kulturinitiative Rock

Doch was den Stuttgartern ihr Riesenfestplatz oder ihre Jazz Open sind, ist den Remstälern ihr Winterbacher Zeltspektakel – nur, dass hier keine große Eventagentur dahintersteckt, sondern ein Verein, die Kulturinitiative Rock, unter Kennern meist liebevoll „Kulti“ genannt. Getreu der vom Vereinsvorsitzenden Steffen Clauss vorgegebenen Maxime, „jedes Jahr eine Schippe draufzulegen“, war nun bei dem 13. Zeltspektakel auf der Wiese hinter Peter Hahn eine echte Combo der Superlative zu Gast: Deep Purple. Sicher, erklärte Clauss vor einigen Tagen, Joe Cocker konnte die „Kulti“ auch schon mal nach Winterbach locken, die Woodstock-Legende war durchaus eine echte Nummer – aber die purpurroten Briten seien „noch mal ein Stück größer“.

Ins Zelt unweit der Rems passen zwar keine 90 000 wie bei dem Wasen-Massenansturm, sondern eher etwa ein Zwanzigstel davon – aber die Karten für die Winterbacher Stargäste waren binnen zwölf Tagen nach Bekanntgabe weg. Doch in der intimen Atmosphäre bei Saunatemperaturen ist die Party von der ersten Sekunde an voll da. Gib Gas, ich will Spaß: „Highway Star“ peitscht ziemlich genau zum anvisierten Start um 21 Uhr als Opener von der Bühne. Der Schnellstraßenkönig kommt allerdings auf den ersten Blick eher gediegen daher: Falsett-Monster Ian Gillan hat stimmlich immer noch einiges drauf und überrascht mit seinem fast blütenweißen Jackett, das er offenkundig über dem nackten Oberkörper trägt, wie man auch auf den drei großen Videoleinwänden hinter sowie links und rechts der Bühne bestens erkennen kann – ein optischer Mehrwert auch für die etwas kleineren Besucher in den hinteren Bereichen des Zelts. Etliche Zuhörerinnen und Zuhörer – schwerpunktmäßig in der Alterskategorie zwischen 50 und Mitte 60 und mit einem unverkennbaren männlichen Übergewicht – haben sich vorsorglich ihre Gehörgänge mit Ohrenstöpseln versorgt, doch die Lautstärke bewegt sich in angemessenem Rahmen.

Viele lassen sich in ihre Jugend zurück katapultieren

Das Energielevel könnte kaum höher sein – und als den Musikern nach jedem Song frenetischer Jubel entgegenschlägt, wirkt die Freude auf der Bühne echt und keineswegs gestellt. Ach, was für eine Freude ist es auch für viele im Auditorium, sich zurück in die eigene Jugend katapultieren zu lassen, als man Deep Purple entdeckte und vom Kumpel die neueste Scheibe auf Musikkassette überspielte. Und dass die Band sich zurecht Deep Purple nennen darf, steht außer Frage: Mit Sänger Gillan (demnächst 79 Jahre alt), Gründungsmitglied und Drummer Ian Paice (seit kurzem 76) und Bassist Roger Glover (78) gehören immer noch drei Fünftel zur legendären Mark-II-Besetzung, die sich 1969 formierte und Alben wie „Deep Purple in Rock“ und „Machine Head“ produziert hat.

Nach einigen Songs nimmt die Combo das Tempo dann doch ein wenig raus; Frontmann Gillan, der während der Soli seiner Kollegen gerne die Bühne Richtung Backstagebereich verlässt, wechselt alsbald zum Jeanshemd. Die Band streut derweil immer wieder ganz neue Songs der erst zwei Tage vor dem Winterbacher Konzert veröffentlichten CD „=1“ ein. Ein Album übrigens, das in Fachkreisen besonders hohen Stellenwert genießt; „Deep Purple in Bestform“, titelte unsere Zeitung erst in der vergangenen Woche. Denn, so die Erkenntnis des Kritikers: Der neue Gitarrist Simon McBride, seit 2022 dabei und mit seinen 45 Jahren rund 30 Jahre jünger als die alten Herren neben ihm, bringt „neue Energie“ in den Purple-Laden. Auf der Winterbacher Bühne darf er ebenso wie Don Airey (76), nach der Erkrankung und dem späteren Tod von Jon Lord seit 22 Jahren als festes Mitglied an der Hammond-Orgel zugange, immer wieder Soloeinlagen einstreuen – mit einer kurzen Einlage „Rhapsody in Blue“ und dann vermeint man gar „Uff dr schwäbsche Eisebahne“ herauszuhören.

Und irgendwann kommt das Riff, nach dem alle verlangen

Dritte Zähne, Sonnenbrillen zum Schutz gegen Scheinwerferlicht oder zur Vertuschung der Faltenkrater im Gesicht – mag alles sein. Aber was soll’s, so jung sehen wir uns nicht mehr wieder. Dann erschallt jenes Riff, das sich jeder Gitarrenanfänger als Erstes draufschafft und das in den Tournee-Jahrzehnten bisher fast nie gefehlt hat, wie man lesen konnte: „Smoke on the Water“ – und auch in Winterbach singt die Menge in Dezibelstärke mit, dass keine Fischer-Chöre mithalten könnten: „A Fire in the Sky“.

Nach rund eindreiviertel Stunden intoniert der Seniorenclub die Schlussakkorde, die Zeitreise endet mit „Hush“ und „Black Night“. Klar, nicht alle Wünsche werden an diesem Abend erfüllt. Ein Fan Mitte 30 hätte sich gerne auch „Perfect Stranger“ und „Child in Time“ reingezogen – aber ehrlich, diese stimmbandzerstörenden Kreischhöhen sollte man vielleicht einem bald Achtzigjährigen nicht mehr zumuten.

Ian Gillan „springt auf der Bühne wie ein 30-Jähriger“

Ein euphorisierter Besucher auf dem Heimweg zu seinem Kumpel: „Der Ian Gillan ist der Hammer, springt auf der Bühne rum wie ein 30-Jähriger.“ Ein „Konzert für die Ewigkeit“ hatte Kulti-Chef Clauss hoffnungsfroh angekündigt – für Winterbach gilt das Fazit: Versprechen klar eingelöst.

Programm beim Zeltfestival

Ausverkauft
Etliche der noch folgenden Abende beim Winterbacher Zeltspektakel sind bereits seit Längerem ausverkauft – so „Pop und Poesie“ am Dienstag, 23. Juli, Jan Delay am Donnerstag, 25. Juli, und Michael Patrick Kelly zum Abschluss am Samstag.

Im Angebot
Noch Tickets gibt es für diesen Montag, 22. Juli, mit Gerhard Polt und den Well-Brüdern, für Mittwoch, 24. Juli, mit The Boss Hoss und Kiefer Sutherland im Vorprogramm sowie am Freitag, 26. Juli, für LaBrassBanda.

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