Orte, die bestimmte Gruppen von vornherein ausschließen, ihnen den Platz verwehren und sich feindselig anfühlen, sind so normal geworden, dass sie kaum noch auffallen – oder sie sind so subtil angelegt, dass man einen geübten Blick braucht, um sie zu entdecken. Nicht so am Karlsplatz. Dort wurde für rund 50 000 Euro neues Stadtmobiliar angeschafft: Die mittlerweile berühmten Sitzkiesel (sie haben es 2023 in das jährlich erscheinende Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler geschafft) und ihre nicht minder besonderen Gitterbänke schafften es kürzlich auch in ein Wahl-Reel des FDP-Kandidaten Michael Conz, der beim Versuch einer Parcours-Übung recht wenig Eleganz an den Tag legte. Das umstrittene Mobiliar wurde im Zuge des Projekts Lebenswerte Innenstadt angeschafft und soll die Fußgängerzone auf die bisherigen Kurzparkerplätze an der Dorotheenstraße ausweiten.
Parken wäre gemütlicher, lautet das Fazit des Stadtrats. Unser Tipp: Parcours kann man super rund um den Marienplatz üben, für das Auto gibt es unter dem Dorotheen Quartier sogar eine Garage, in die man einfach so reinfahren kann. Ein paar Meter weiter gibt es außerdem noch das Parkhaus Schillerplatz mit insgesamt 190 Stellplätzen.
Bleiben die Kiesel?
Nach Auskunft der Stadt sollen die Sitzkiesel erst mal nur probeweise bleiben, um Erkenntnisse für die künftige Gestaltung der Dorotheenstraße zu gewinnen. Wenn weder Kiesel noch Gitterbänke die Stuttgarter:innen erfreuen, kommt etwas anderes an die Stelle, so die offizielle Erklärung der Stadt zum Parkours- beziehungsweise Skateboard-Spot neben der Markthalle, denn die Steine wurden bereits nach kurzer Zeit von Skater:innen in Mitleidenschaft gezogen.
Gratis Bodycore-Workout
Wer weder Parken noch Parcours üben oder Skaten will, sondern einfach nur sitzen und sein Leben einigermaßen ertragen möchte, ist in Stuttgarts Innenstadt immer noch häufig zum Konsum in Gastronomien verpflichtet. Schlendert man mittags mit seinem Salat-to-go durch Mitte, muss man stark sein, beziehungsweise eine starke Mitte haben. Wer Lust auf ein gratis Bodycore-Workout hat, kann auf den Gitterbänken ohne Rückenlehne auf der Königstraße Platz nehmen. Am besten ist man dabei alleine, denn zu zweit oder in einer größeren Gruppe kann man dort nicht recht sitzen.
Zum Glück ist Stuttgarts grüne Lunge nicht weit entfernt. Rund und um den Eckensee gibt es zwar etliche Bänke, einladend sind die aber meistens gar nicht: Müll neben den Eimern, Nilgänse- und Entenkot, seltsame Absperrbänder und immer wieder riecht’s nach Urin. Zum Glück überdecken die blühenden Pflanzen so manchen Duft.
Ein paar Meter weiter beim Dorotheen Quartier dann mal etwas Positives: Die Baumtröge mit integrierten Sitzbänken und bienenfreundlicher Bepflanzung verbreiten etwas Sommerstimmung im urbanen Betondschungel. Apropos urban: Es geht weiter auf den Marktplatz, dessen Umgestaltung rund 12,58 Millionen Euro gekostet hat. Hier toben Kinder im Sonnenschein durch das Fontänenfeld, alle Bänke sind besetzt. Ein voller Erfolg trotz negativer Stimmen vorab? „Für eine kurze Pause ist der Ort hier ideal, weil man alles schön überblicken kann“, sagt Christa, die mit ihrem Mann einen Platz auf einer der Bänke mit Blick auf das Stuttgarter Rathaus ergattern konnte. Mehr Schatten im Sommer wäre natürlich wünschenswert, da sind sich die beiden einig, aber jetzt im Mai geht es noch. „Im Hochsommer will ich hier nicht sitzen“, stellt Christa fest.
Schattenplätze und Brunnen gewünscht!
Nicht nur Spikes und unbequeme Bänke sind defensiv und tragen zur Vertreibung im öffentlichen Raum bei – auch Hitze wird immer mehr zum Problem. Blickt man auf die kürzlich eröffnete, 80 Meter breite Freitreppe vor dem Stadtpalais, fragt man sich, wer sich hier im Sommer gern aufhalten möchte. Vor einem die B14 und eine der Mega-Kreuzungen Stuttgarts, unter dem Hintern heiße Steine. Aus kühlendem Wasser an dem Platz wurde leider nichts, wie Marc Oei, Mitinhaber des Büros Lederer Ragnarsdóttir Oei, unserer Zeitung erklärt. „Ein Brunnen wäre noch schön gewesen“, findet er, „auch zur Überspielung des Verkehrslärms.“ Dafür soll aber der Platz der benachbarten Landesbibliothek noch einen Brunnen bekommen.
Acht Plätze sollen beschirmt werden
Städte wie Wien, Paris oder Zürich haben die Herausforderungen des Klimawandels erkannt und stellen ihren Bewohner:innen und Tourist:innen mobiles Stadtmobiliar wie Stühle, Sessel oder Liegen zur Verfügung, das nicht fest verankert ist. Dieses kann man dann innerhalb eines Parks, eines Platzes oder in verkehrsfreien Zonen selbst platzieren und in den Schatten oder unter Bäume stellen. Andere Städte, darunter auch Kleinstädte unter 100 000 Einwohner:innen, planen grüne Achsen durch die Innenstadt und pflanzen sogenannte Schwammstadt-Bäume. Das Schwammstadt-Prinzip verschafft dem Baum Wurzelraum unter der befestigten Oberfläche, die Bäume bleiben trotz Hitze am Leben.
Auch Stuttgart will mehr Schattenplätze in der Stadt schaffen. Es wird sogar rund eine Viertelmillion Euro investiert, um 20 Sonnenschirme, ein Sonnensegel und 19 Sitzgelegenheiten anzuschaffen. Acht Plätze sollen so besser von der Sonne abgeschirmt werden. Wir sind gespannt ob die Sitzkiesel dann auch noch die Stadt zieren.