Deichkind in Stuttgart „Mein Job ist nicht anstrengend. Euer Job ist anstrengend!“

Perfekt inszeniertes Chaos: Deichkind sind bekannt für ihre wilde Bühnenshow. Foto: Lennart Speer

Deichkind ist auf ihrer letzten großen Hallentour, bevor die Show in dieser Form erst einmal Geschichte ist. Frontmann Porky spricht über bekiffte Auftritte bei „Wetten, dass...?“, Klassismus und älter werdende Rapper.

Ekstase, Abriss und politische Statements: Die Liveshows der Hamburger Hip-Hop-Techno-Formation Deichkind sind ein Gesamtkunstwerk. Im Interview erzählt der Rapper Porky weshalb es nun Zeit für eine Veränderung ist und was er ohne Deichkind machen würde.

 

Porky, Sie sind mit Deichkind auf großer Hallentour. Wird etwas anders als gewohnt?

Vom Look her ist es gefühlt seit zehn Jahren gleich. Aber im Ablauf ändern wir eigentlich immer etwas. Wir basteln an den Kostümen, an der Bühne, und es gibt unsere neuen Songs, die eingebaut werden. Es soll auch für alle, die die Show schon gesehen haben, etwas dabei sein.

Sie haben in Punk- und Funkbands gespielt, waren auch als Musiker für Popstars auf der Bühne, bevor Sie 2004 neben Philipp Grütering Frontmann bei Deichkind wurden. Damals eine Band, deren Liveauftritte Exzess und Chaos waren. Weshalb wollten Sie Teil davon sein?

Ich hatte zu dem Zeitpunkt quasi schon eine Popmusikkarriere hinter mir. Ich habe etwa bei Matthias Reim gespielt oder stand als Bassist bei „Wetten, dass…?“ völlig stoned mit Ronan Keating auf der Bühne und habe einen Song gespielt, den ich mir vorher nicht mal angehört hatte. Dann hatte ich mit Bands Plattenverträge, die dann wieder gefloppt sind. Ich hatte oft das Gefühl, als Musiker das letzte Glied in der Kette zu sein. Und da war Deichkind und hat mit seiner „Fuck Off“-Attitüde einen Punkfunke versprüht. Da dachte ich: Scheiß aufs Popgeschäft, das hier fühlt sich lebendig an.

Irgendwann hat sich der Exzess auf der Bühne gewandelt, er ist heute Show und genau inszeniert. Weshalb der Wandel?

Ich habe mich erst dagegen gesträubt! Ich mochte das Chaos. Doch unser Bandkollege Henning Besser hat, nachdem wir ein Theaterstück im Hamburger Theater Kampnagel hatten, angefangen unsere Liveshows zu strukturieren, weil er gesehen hat, dass wir das sonst nicht durchhalten. Ein oder zwei Jahre wäre es vielleicht noch so weiter gegangen, aber dann wären wir fertig gewesen.

Viele Bands merken die Inflation. Die Hallenmiete und Personalkosten sind gestiegen. Beeinflusst Sie das?

Unsere Kosten sind auch enorm gestiegen. Wir könnten unsere Show locker zwanzig Euro teurer machen. Es gibt Gitarrenbands, die spielen seit dreißig Jahren die gleichen Songs, hinten weht eine große Flagge, und die Tickets kosten das Doppelte! Es ist auch eine Kettenreaktion. Wenn die Leute hunderte von Euro für Taylor Swift ausgeben, dann haben sie für kleinere Bands kein Geld mehr. Klassismus ist da ein Wort, das gut passt. Wir versuchen unsere Shows erschwinglich für alle zu machen. Klar, ist es verlockend, die Tickets zwanzig Euro teurer zu machen, aber das sind eben die zwanzig Euro, die uns zu einer linksgrün versifften Band machen, die aus St. Pauli kommt. Wir wollen unser Publikum nicht leer melken.

Ihre Texte sind oft recht gesellschaftskritisch. Hat sich die Art Texte zu schreiben geändert angesichts der Weltlage?

Das fließt automatisch mit rein. Manche Songs wie „In der Natur“ sind aber weiterhin einfach schrullig. Philipp und ich schreiben – manchmal gemeinsam mit Gereon Klug als Gastautor – die Texte, und da ist uns vor allem die Ironie wichtig, die knapp am Zynismus vorbei schrammt. Zynismus hat etwas Verbittertes, Passiv-Aggressives, da sind wir nur kurz davor. Wir haben auch schon mal versucht, für andere Künstlerinnen und Künstler zu schreiben. Das hat nicht funktioniert. Das klang immer so, als wenn die versuchen würden, einen Deichkind-Song zu machen.

Sie sind seit vielen Jahren mit der großen Bühnenshow unterwegs. Diese Tour soll erst einmal die letzte dieser Art sein. Weshalb?

Wir fangen nach der Tour mit der neuen Platte an, und dann wollen wir die alte Show einstampfen und mal etwas ganz Neues machen. Wir werden natürlich die alten Hits spielen, aber irgendwann ist so was auserzählt. Das soll uns ja auch noch Spaß machen! Ich würde das nicht aushalten, wenn es immer das Gleiche wäre, man muss es auch für sich selbst etwas frisch halten. Uns gibt es schließlich auch schon mehr als 25 Jahre.

Sie und Ihre Bandmitglieder sind jetzt um die fünfzig Jahre alt.

Das klingt grauselig (lacht). Ich habe vorhin ein Youtube-Video von Lenny Kravitz gesehen. Er reitet auf einem Pferd über seine Ranch in Brasilien und sieht mit seinen sechzig Jahren aus wie aus dem Ei gepellt. Ich wünsche ihm viel Glück, aber ich möchte auch irgendwie alt werden. Ich habe meinen ersten Zahn jetzt verloren. Und ich finde es irgendwie geil! Vergänglichkeit muss auch sein. Ich bin 47, für einen Rocker ist das das beste Alter! Aber für Hip-Hopper ist das noch neu, wir sind erst die zweite Generation, die da altert.

Die Hamburger Rapper von Fettes Brot haben sich schon verabschiedet. Könnten Sie sich auch vorstellen, in Rente zu gehen?

Keine Tour mehr, nur noch aus Spaß Musik machen? Ich bin leidenschaftlicher Hobbykoch, ich hätte dann wahrscheinlich einen kleinen Foodtruck. Aber nein, ich kann meine Bandkollegen nicht im Stich lassen. Philipp ist mein ältester Gefährte, wir hatten in der Vergangenheit schon so viel Schwund.

Wird die neue Show etwas weniger intensiv, weniger körperlich anstrengend?

Unser Job ist nicht anstrengend. Euer Job ist anstrengend! Ich werde oft gefragt, wie haltet ihr so eine Tour durch, ich frage mich eher: Leute, wie haltet ihr das durch? Ich bin seit dreißig Jahren Berufsmusiker, ich kann mir nichts anderes vorstellen. Mein Vater hat bis Mitte siebzig als Handwerker gearbeitet, weil er einfach keine Rente gekriegt hat. Ich bin sehr gut bezahlt, habe ein top Catering, einen klimatisierten Bus mit Boxspringmatratze. Neunzig Minuten mache ich Work-out auf der Bühne und bewege mich, und nach der Tour habe ich wieder ein halbes Jahr Luft, wo ich nur zu Hause bin und mich regenerieren kann.

Wie kommen Sie nach so einer Tour wieder runter?

Spazierengehen! Wenn ich wieder zuhause bin und abends um acht wie ein dressiertes Zirkuspferd denke, jetzt müsste es doch losgehen, dann gehe ich spazieren. Ich habe es noch nie erlebt, dass ich spazieren gegangen bin und es mir danach schlechter ging. Da rückt sich alles wieder gerade.

Deichkind

Band
Deichkind besteht aus Porky, bürgerlich Sebastian Dürre, Kryptik Joe, bürgerlich Philipp Grütering, sowie Henning Besser alias DJ Phono, der hauptsächlich für die Kreation der Shows verantwortlich ist. Das aktuelle Album heißt „Neues vom Dauerzustand“ und ist im Februar vergangenen Jahres erschienen. Derzeit ist die Band mit der aktuellen Show auf ihrer letzten großen Hallentour. Am 14. Dezember spielen Deichkind live in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart.

Musiker
Porky hat 2005 als Bassist bei Deichkind angefangen. Davor hat er in Punk- und Funkbands gespielt. Er war außerdem als Musiker für verschiedene Künstler*innen im Studio und auf Tour tätig. Bei Deichkind schreibt er gemeinsam mit Kryptik Joe die Texte. Der 47-Jährige hat zwei Kinder und lebt in Schleswig-Holstein.

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