Dekan betrügt Kirche Der Dekan als Hütchenspieler

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Das Mannheimer Landgericht hat sein Urteil gesprochen: Ein Geistlicher hat die Diözese über Jahre hinweg um hohe Summen betrogen und muss nun für vier Jahre in Haft. Hat die Kirche zu lange weggeschaut?

Ein Priester (zweiter von links) vor Gericht: das öffentliche Interesse an dem Fall ist groß. Foto: Schabel
Ein Priester (zweiter von links) vor Gericht: das öffentliche Interesse an dem Fall ist groß. Foto: Schabel

Mannheim - Ein katholischer Pfarrer greift jahrelang mit beiden Händen in die Kassen von Kirche und Caritas – und keiner merkt das? Das fragen sich nicht nur Katholiken nach dem Urteil des Mannheimer Landgerichts gegen Markus E., den ehemaligen Dekan der katholischen Kirche in Lahr (Ortenaukreis). War es wirklich die Raffinesse eines geschickten Betrügers, der die Kontrollgremien ausgetrickst hat – und dafür nun vier Jahre ins Gefängnis muss? Oder hatten die Gläubigen einfach zu viel Gottvertrauen? „Er hat quasi eine Spielzeugeisenbahn aufgebaut“, sagt ein ehemaliger kirchlicher Mitarbeiter, „erst ein Kreis, dann eine Abzweigung, dann weitere Strecken. So lange, bis keiner mehr wusste, wie der Zug fährt, nur noch er selbst.“ Klar ist: Die Richter sahen es als erwiesen an, dass der Geistliche die Kirche mit fingierten Rechnungen um etwa 228 000 Euro betrogen hat. Bereits vor dem Urteil am Montag hatte der 54-Jährige die Vorwürfe eingeräumt.

Der Mann erschlich sich 228.000 Euro

Der Schock nach der Verhaftung des Dekans am 12. Dezember 2017 war in Kirchenkreisen groß. Denn noch hatten die Lahrer im Ohr, was auf der Abschiedsveranstaltung im Juli 2017 über den überraschend und angeblich aus Gesundheitsgründen aus dem Amt geschiedenen Geistlichen gesagt wurde. Ein „Visionär, Stratege und Vernetzer“ sei er, fasste die Lokalzeitung die Reden des Lahrer Oberbürgermeisters Wolfgang G. Müller und weiterer Lobredner aus Politik, Kirche und Caritas zusammen. Seine Fähigkeiten und seine Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, wurden in den Himmel gehoben.

Nur ein paar Wochen später war der „leutselige und sympathische Seelsorger“ eine Unperson in U-Haft. Geistliche, Laien und Pressestellen schwiegen – auch auf Weisung aus der Erzdiözese Freiburg. Immer mit Verweis auf das laufende Verfahren. Erst nach Beginn der Gerichtsverhandlung in Mannheim im September 2018 lösten sich die Zungen ein wenig. Doch immer noch fürchten auskunftsbereite Mitarbeiter von Kirche und Caritas sowie frühere Mitglieder von Gremien Konsequenzen, wenn sie namentlich genannt werden. Sie haben erlebt, dass der Dekan und kirchliche Stellen harsch auf Nachfragen und Kritik reagiert haben. So mancher grämt sich, nicht drängender insistiert zu haben. „Er hat sich selbst überall zum Chef gemacht“, lautet ein Erklärungsversuch. Der Mann habe eine enorme Überzeugungskraft und Durchsetzungsfähigkeit an den Tag gelegt. „Er hatte ohne mit der Wimper zu zucken immer eine Antwort parat.“ Wohl auch, wenn es eine glatte Lüge war.

Die Rechnungen waren fingiert

Denn viele der Projekte des Geistlichen waren Luftschlösser, aber die Caritas-Buchhaltung beglich brav seine Rechnungen. E. hatte dabei verschleiert, dass er selbst der Empfänger war. Das Geld habe er für private Zwecke ausgegeben, zum Beispiel für Reisen. „Warum braucht man für ein Pilgerprojekt Zigaretten? Das hätte auch der Buchhaltung auffallen können“, meinte vor Gericht Tobias Biendl, der Leiter des Rechnungshofs des Freiburger Erzbischöflichen Ordinariats. „Es ist vielen etwas­ aufgefallen“, sagen ehemalige Caritas- und Kirchenmitarbeiter. „Aber der Dekan­ hat immer gesagt: Das ist mit Freiburg abgesprochen.“ Und wer traut sich, dem Pfarrer zu widersprechen? Viele Kritiker haben die Gremien verlassen, weil sie auf Granit bissen oder resignierten.

Gutgläubigkeit und Vertrauen in die Kirchenhierarchie waren wohl der Boden, auf dem der durchsetzungsstarke ehemalige Jesuit agieren konnte wie ein Hütchenspieler. „Man wusste nie, in welcher Rolle er sprach, aber immer als Vorgesetzter“, sagt ein ehemaliger Kirchengemeinderat. Er habe auch Schwachstellen erkannt: „Er wusste, mit wem er es machen konnte.“ Und wen er als potenzielle Gefahr einschätzte, den stellte der Dekan kalt.

Diözese will den Fall aufarbeiten

Wie soll es nun weitergehen? „Wir werden die Vorgänge aufarbeiten“, verspricht Martin Wichmann, Pressesprecher von katholischer Kirche und Caritas in Lahr. „Wir mussten aber auf das Urteil warten. Das ist die sachliche Basis, auf der wir handeln.“ In welcher Form die Aufarbeitung geschehen wird, ist noch ungeklärt. Welche Rolle die Erzdiözese Freiburg dabei spielen wird, ist ebenfalls unklar.

„Freiburg hat geschlafen“, glauben viele kirchliche und Caritas-Mitarbeiter. Geschlafen oder weggesehen? Die Freiburger Erzdiözese wusste zumindest über die Nebentätigkeiten des Geistlichen Bescheid, als er 2004 in deren Dienste trat. Der Dekan war auch als Unternehmensberater tätig. Laut Berechnungen des Landeskriminalamts belief sich sein monatliches Einkommen aus Gehalt, Beratertätigkeit und den erschlichenen Geldern auf bis zu 15 000 Euro brutto. Personalchef Robert Zollitsch, der spätere Erzbischof, hatte dem ausgetretenen Jesuiten, der das Armutsgelübde nicht erfüllen wollte, bedeutet, er dürfe bestehende Geschäfte noch abwickeln, aber keine neuen beginnen. Weit über ein Jahrzehnt hat dies dann wohl niemand mehr kontrolliert.