Winfried Kretschmann im Silicon Valley Schock über Vorsprung der US-Unternehmen

Von Arnold Rieger 

Die Südwest-Delegation mit Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat sich in Nordamerika über Entwicklungen in Sachen Mobilität informiert – und wurde überrascht.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann informiert sich in Nordamerika über aktuelle Entwicklungen und Trends in Sachen Elektromobilität. Foto: dpa
Ministerpräsident Winfried Kretschmann informiert sich in Nordamerika über aktuelle Entwicklungen und Trends in Sachen Elektromobilität. Foto: dpa

Toronto - Das gelobte Land der neuen Mobilität kommt reichlich altbacken daher. Kilometerlange Autoschlangen wälzen sich über die Highways des Silicon Valley, Spritfresser fährt hinter Spritfresser. Dass dies das weltgrößte Testfeld für autonom und mit Strom fahrende Pkw sein soll, fällt dem Laien nicht auf. Und doch sind auf Kaliforniens Straßen mehr als 300 000 Elektroautos unterwegs, auch eine Menge selbst fahrender Wagen kurven durch die Region der San Francisco Bay. Schon bald wird dieser Trend nach Ansicht von Experten die Mobilität revolutionieren.

In San-Francisco-Bay-Region sind viele Testwagen unterwegs

Einer davon ist Mario Herger, ein Unternehmensberater, der lange bei SAP tätig war. Er hat vor Kurzem ein Buch geschrieben („Der letzte Führerscheinneuling“), in dem es von Superlativen über die Dynamik auf diesem Feld nur so wimmelt. Winfried Kretschmann, zurzeit mit einer Delegation in Kalifornien und Kanada unterwegs, hat Herger zu einem Vortrag eingeladen – und die Schockwellen, die dessen Prognosen ausstrahlten, stecken den Zuhörern lange in den Knochen. Glaubt man dem Buchautor, sind US-Giganten wie Google, Tesla oder Uber von den Europäern nicht mehr einzuholen. „Software frisst Hardware“, sagt Herger. Nirgendwo würden so viele Testkilometer gefahren wie in der Bay-Region – und zwar auf ganz normalen Straßen, denn die Software der autonom fahrenden Wagen müsse alle realen Situationen kennenlernen.

Kretschmann wird später die Frage stellen: „Was ziehen wir da raus, damit wir uns nicht gleich erschießen müssen?“ Ein zweites Google sei ja nicht möglich, und man brauche gar nicht erst zu versuchen, die Amerikaner dort anzugreifen, wo sie führend sind. Zumal auch der deutschstämmige US-Unternehmer und Google-Investor Andreas von Bechtolsheim in seinem Vortrag den Eindruck erweckt, als sei schon alles gelaufen. Da tut es der Delegation gut, dass andere Referenten Wasser in den kalifornischen Wein gießen.

Sven Beiker zum Beispiel, ein ebenfalls in Kalifornien lebender Unternehmensberater, verweist darauf, dass der Staat und die Kommunen in den USA den Pionieren allmählich Grenzen setzen. New York City habe so die Zahl der Uber-Autos gedeckelt. Außerdem hat Audi seinen kurz zuvor in Richmond vorgestellten e-tron vor dem Hotel geparkt – die Delegation schaut ihn sich an. „Das ist die Antwort auf Tesla und zeigt, dass die deutsche Industrie mithalten kann“, glaubt Verkehrsminister Winfried Hermann. Dennoch reisen die Professoren, Unternehmer und Politiker mit dem Gefühl ab, dass die Deutschen sich mächtig sputen müssen.

Kretschmann setzt auf Vernetzung von Verkehrsmitteln

Einige Tage später in der kanadischen Stadt Toronto erhoffen sie sich Anregungen zur Mobilität insgesamt. Schließlich ist der viertgrößte Ballungsraum Nordamerikas ähnlich von Staus geplagt wie Stuttgart. Doch sie werden enttäuscht. Die Kanadier testen zwar vielerorts Elektrobusse, Brennstoffzellen und andere technische Neuerungen. Über das Thema Technologie kommen sie aber kaum hinaus. Das ist den Gästen zu wenig. Ein wesentliches Element ist für Kretschmann die Vernetzung des Autos mit anderen Verkehrsträgern. „Wir definieren Mobilität breiter“, sagt auch Franz Loogen, Chef der Landesagentur e-mobil BW. Auch der ländliche Raum scheint in der kanadischen Rechnung nicht vorzukommen – dabei hat das Land kontinentale Dimensionen.

Erfolgreiche US-amerikanische Unternehmen nicht einfach nur kopieren

Am Ende hat sich der anfängliche Schock dann gelegt. „Ich fühle mich bestätigt, dass wir uns technisch und konzeptionell nicht verstecken müssen“, sagt Hermann. Allerdings müsse man größer denken, es gebe zu viele kleine Projekte. EnBW-Chef Frank Mastiaux warnt davor, die Amerikaner einfach zu kopieren. Denn eigentlich sei das Silicon Valley „Hightech in einer Dritte-Welt-Infrastruktur“. Die in ihrer Blase lebenden Google-Entwickler blendeten den Rest der Welt aus: die Tausende Obdachlosen in San Francisco zum Beispiel, aber auch „die Grundschullehrerin, die nachts im Auto schlafen muss, weil sie die hohe Miete nicht bezahlen kann“. Sein Fazit: „Das Silicon Valley ist ein in sich geschlossenes System für wenige Leute.“