Demenz-Projekt in Kirchheim/Teck „Gemeinsam statt einsam“ startet Verständnisschule mit 155.000 Euro

Bei alltäglichen Arbeiten können alle in den Demenz-WGs mitmachen. Foto: Gemeinsam statt einsam

Der Verein „Gemeinsam statt einsam“ startet in Kirchheim/Teck ein innovatives Demenz-Projekt mit 155.000 Euro Förderung. Wie die Verständnisschule das Quartier verändern könnte.

In der Demenz-WG im Steingauquartier klingelt das Telefon. Jemand ruft aus dem türkischen Supermarkt um die Ecke an und berichtet, dass eine offenbar desorientierte alte Dame im Laden sei. In der WG kann man sich denken, um wen es geht; eine Mitarbeiterin holt die Bewohnerin ab. Das alles geht ohne Aufregung vonstatten – wo man sich kennt, sind auch Menschen mit Demenz gut aufgehoben und sicher. Der Verein „Gemeinsam statt einsam“ arbeitet daran, dass dieser Zustand zur Normalität wird. Deshalb startet er jetzt ein großes, von der Fernsehlotterie gefördertes Projekt.

 

2006 hat „Gemeinsam statt einsam“ die erste Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz in Kirchheim eröffnet und war damit Vorreiter in Baden-Württemberg. Vor vier Jahren kam ein zweiter Ableger dazu, im Steingauquartier, das mit seinem gemeinschaftlichen Ansatz prädestiniert für solche Projekte ist. Jeweils acht Bewohnerinnen und Bewohner leben in den WGs zusammen, betreut von Alltagsbegleitern, die mit ihnen den Tag gestalten. Für die Pflege kommt morgens und abends ein ambulanter Service vorbei – „so, wie es daheim auch wäre“, sagt Silvia Oberhauser, die stellvertretende Vereinsvorsitzende. Die Gründerinnen vor 20 Jahren hatten Vorbilder für Demenz-WGs in anderen Bundesländern, vor allem aber hatten sie betroffene Angehörige, die nicht mehr zu Hause betreut werden konnten, aber im Pflegeheim unglücklich waren.

„Die Idee ist, wir öffnen uns ins Quartier“

Ähnlich war es bei Cornelia Freys Mutter, die seit mittlerweile drei Jahren in einer der Wohngemeinschaften lebt. Sie ist gern draußen im Viertel unterwegs und geht morgens, nach dem Aufstehen, mit zum Brötchenholen. In der Wohngemeinschaft sei die Tür offen, „eigentlich kann man raus und rein, wie man möchte“, sagt Cornelia Frey. Aber trotz des sehr guten Personalschlüssels ist nicht immer jemand vom Team abkömmlich, um die Bewohner zu begleiten. Trotzdem möchten alle Beteiligten deren Freiraum erhalten. Dazu soll das neue Projekt beitragen, das den Titel „Die Verständnisschule – mit Demenz im Einklang leben“ trägt und auf ein sicheres und aufmerksames Umfeld zielt. „Die Idee ist, wir öffnen uns ins Quartier“, sagt Cornelia Frey.

Auf der Website schreibt der Verein von der Vision einer Stadtgesellschaft, „in der niemand verloren geht“ und von Quartieren, in denen die Menschen sich kennen und unterstützen. Angehörige, Nachbarn, Engagierte, offene und hilfsbereite Menschen sollen geschult und sensibilisiert werden. Denn im alltäglichen Umgang mit Demenz sind noch immer viele Menschen unsicher. „Ich weiß aus Erfahrung, wie viele Ängste und Vorbehalte es bei diesem Thema gibt“, sagt Charlotte Löffler, die seit dem ersten April als Koordinatorin für das Projekt beschäftigt ist und davor als Kulturreferentin im Seniorenzentrum Augustinum in Stuttgart tätig war. „Und ich glaube, dass man da noch sehr viel bewegen kann.“

Löffler vernetzt Demenz-WGs für ein lebendiges Kirchheim

Das ist ihre neue Aufgabe, denn dank der Förderung durch die Fernsehlotterie kann das Projekt für drei Jahre eine 50-Prozent-Stelle besetzen. Löffler möchte die Demenz-WGs vernetzen: im Quartier und in der ganzen Stadt, mit Vereinen und Arztpraxen. Sie plant Info-Veranstaltungen zum Thema Demenz, möchte aber auch einfach Menschen zusammenbringen. Zum Beispiel bei „kulturellen Häppchen“ für alle, bei denen „die WG-Bewohner, soweit sie können und möchten, einfach mittendrin sind“, erklärt sie. Es geht um lebendige Quartiere, die auch für Menschen mit Demenz sicher sind, die Verständnisschule sei aber auch „ein Projekt für die ganze Stadt“, sagt die Kulturmanagerin, die für Kooperationen offen ist.

Die Unterstützung durch die Fernsehlotterie macht noch mehr möglich. So saniert der Verein derzeit mit viel Eigenleistung von Vorstand und Mitgliedern seine neuen Büroräume, die er für drei Jahre gemietet hat. Hier wird neben Charlotte Löffler auch die bisherige Geschäftsführung der beiden einziehen – auch das solle, zumal die Räume direkt an der belebten Dettinger Straße liegen, neue Kontakte und mehr Austausch bringen, sagt Silvia Oberhauser.

Die Förderung ist allerdings an die Bedingung geknüpft, dass der Verein selbst 40 000 Euro an Eigenmitteln aufbringt. Dafür muss er öffentlich präsent sein und Spenden sammeln. So ist „Gemeinsam statt einsam“ demnächst, bei der offiziellen Einweihung des Steingauquartiers, mit einem Stand und einem Demenz-Parcours vertreten.

Teilhabe am öffentlichen leben

Zuhause für 16 Menschen
Die beiden Demenz-WGs des Vereins „Gemeinsam statt einsam“ sind in der Hindenburgstraße und im Steingauquartier angesiedelt. Neuigkeiten aus dem Verein erfährt man auf dessen Webseite gemeinsam-statt-einsam-kirchheim.de unter „Aktuelles“. Von hier aus kommt man auch zur Spendenseite für die Verständnisschule.

Quartiersfest
Bei der offiziellen Einweihung des Steingauquartiers am Wochenende, 8. bis 10. Mai, von 14 bis 17 Uhr ist der Verein „Gemeinsam statt einsam“ dabei. Direkt vor dem Café Mittendrin steht sein Infostand samt dem Demenz-Parcours, auf dem man eine Vorstellung von den Alltagsnöten von Menschen mit Demenz bekommt – ebenfalls ein Schritt zu besserem Verständnis.

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