Keine Lobby in der Stadt
Dorthin hatten Vertreter des Sexgewerbes und von Verbänden am Donnerstag geladen, um für ihr Anliegen zu werben. Aus Sicht der Prostituierten ist das auch bitter nötig. „Ich arbeite seit siebeneinhalb Jahren, habe Spaß an meinem Job“, sagte Miss Daria. Nie habe sie vorgehabt, politisch zu werden. Doch für Sexarbeit gebe es keine Lobby in Stuttgart, deshalb werde sie aktiv. Neben einer Pressekonferenz standen Führungen durch Laufhäuser und eine Kundgebung auf dem Wilhelmsplatz auf dem Programm.
Die Branche fühlt sich von der Politik ignoriert. Vertreter äußerten den Verdacht, die Politik nehme die Coronakrise zum Anlass, die Prostitution ganz zu verbieten. „Wir wurden übersehen, ins Abseits gestellt“, klagte Stephanie Klee vom Bundesverband Sexueller Dienstleistungen (BSD). Der Politik habe man Vorschläge für Hygienekonzepte unterbreitet, wie es sie in der Kosmetik- und Massagebranche gebe, doch ohne Resonanz. Dabei könne die Hygiene auch beim käuflichen Sex gewährleistet werden.
Hygienekonzept steht – und werde ignoriert
Kunden sollen demnach die Etablissements mit Maske betreten und wie in Restaurants ihre Daten hinterlassen. In den Zimmern sollen Desinfektionssprays bereitstehen. Kunden könnten vor dem Sex duschen, bekämen frische Handtücher. Zum Thema Maskenpflicht sagte Stephanie Klee: „Man kann auch mit Maske Sex haben!“
Beispiele aus der Schweiz, aus Holland und Tschechien zeigten zudem, dass Freier durchaus bereit seien, ihre Daten preiszugeben – ein Punkt, der von vielen in Frage gestellt werde. Bordellbetreiber John Heer, der auch das Messalina unterhält, sagte, man könne das in Piercing- und Massagestudios gängige Konzept übernehmen. Anfangs brauche man dafür eben mehr Personal. In Stuttgart hofft man darauf, dass Bordelle wie in Hamburg und Berlin ab September wieder öffnen dürfen. Table-Dance-Bars sind bereits jetzt wieder zugänglich.
„Die wollen die Prostitution anschaffen“
Johanna Weber, politische Sprecherin des Berufsverbands Sexarbeit (BesD), sagte, die Politik gehe pauschal davon aus, dass Hygienekonzepte beim Sex nicht funktionierten. Das sei ungerecht. Dahinter stecke politisches und auch moralisches Kalkül. „Die Stimmen derer, die Prostitution verbieten wollen, sind zurzeit sehr laut. Die Leute haben ein Problem mit Prostitution, wollen sie abschaffen, statt den Betroffenen zu helfen“, so Weber. Immer wieder würden Frauen im Sexgewerbe als „Superspreader“ dargestellt, dabei spiele sich alles im Rahmen eines Eins-zu-eins-Kontakts ab.
„Die Prostitution driftet in die Illegalität ab“
Auch Franz Kibler von der Stuttgarter Aidshilfe und Stadträtin Laura Halding-Hoppenheit warnten vor Versuchen, die Pandemie als Vehikel für ein Verbot der Prostitution zu nutzen. Das gehe sowieso nicht, sagte Kibler mit Verweis auf skandinavische Länder, in denen ein Verbot auf dem Papier besteht, Sexarbeit aber heimlich weiter bestehe. John Heer verwies darauf, dass viele Prostituierte aus Stuttgart ihre Dienste inzwischen auf Online-Portalen anbieten würden.
„Die Prostitution driftet in die Illegalität ab“, so Heer. Halding-Hoppenheit betonte das Recht, selbst über seinen Körper zu bestimmen. „Jeder soll frei darüber entscheiden, was er mit seinem Leben macht.“