Demografie Italiens Wirtschaft ruft nach Einwanderung

Die italienische Regierungschefin Giorgia Meloni kennt die Klagen der Wirtschaft über den Mangel an Arbeitskräften. Foto: AFP/Tiziana Fabi

In vielen Bereichen – von der Gastronomie bis zur Bauwirtschaft – wird händeringend nach Arbeitskräften gesucht. Italiens Premierministerin Giorgia Meloni reagiert – sie spricht aber nicht gern laut darüber.

Angetreten ist Italiens Rechtsregierung unter Premierministerin Giorgia Meloni 2022 mit dem Versprechen, die Flüchtlingszahlen massiv zu reduzieren. Die Realität spricht eine andere Sprache.

 

Zwar sind die Ankünfte in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr um fast zwei Drittel gesunken. Doch 2023 gab es Rekordzahlen. Viele Italiener wollen weniger Einwanderung. Die Wirtschaft dagegen fordert angesichts der dramatischen demografischen Entwicklung mehr legale Einwanderung.

Und Meloni liefert. Sie spricht aber nicht so gern darüber. Zwar bemüht sie sich in Abkommen etwa mit Tunesien, die Flüchtlingswelle einzudämmen und Hot Spots in Afrika einzurichten. Auch hat sie die Strafen gegen Schleuser verschärft und ein bilaterales Abkommen mit Albanien getroffen, wo Aufnahmezentren für Asylbewerber eingerichtet werden. Doch gleichzeitig hat sie die legale Einwanderung deutlich erhöht – auf insgesamt 452 000 bis 2025.

Meloni steckt in einer Zwickmühle: Vor allem Gastronomie und Hotels, Landwirtschaft, Transport, Fischfang, Lebensmittelindustrie, der Bausektor, der Pflegesektor und viele industrielle Sektoren suchen händeringend Arbeitskräfte. „Ohne Einwanderung könnte fast ein Drittel der Ernte nicht eingebracht werden“, sagt Ettore Prandini, Chef des Landwirtschaftsverbandes Coldiretti. Die Landwirtschaft beschäftigt 362 000 Ausländer als Saisonarbeitskräfte. Die meisten kommen aus Nicht-EU-Ländern, hauptsächlich aus Indien, Marokko, Albanien, dem Senegal, Pakistan, Tunesien und Nigeria.

Meloni hat die Zahl der legalen Saisonarbeitskräfte in der Landwirtschaft aus Nicht-EU-Ländern bis 2025 gegenüber 2021 auf 89 000 verdoppelt. Da Italien als eines der ganz wenigen EU-Länder keinen Mindestlohn kennt, schuften sie oft zu Hungerlöhnen von zwei oder drei Euro die Stunde und ohne wirksamen Arbeitsschutz – ausgebeutet von mafiaähnlichen Strukturen afrikanischer Gruppen. Angesichts solch geringer Löhne, vor allem im Vergleich zu den großzügigen Hilfen in Österreich oder Deutschland, ziehen die meisten Einwanderer ohnehin lieber gleich nach ihrer Ankunft in Italien in den Norden weiter. Die Zahl der Einwohner mit Migrationshintergrund im Verhältnis zur Bevölkerung ist in Italien nur etwa halb so hoch wie in Deutschland.

Italien ist relativ reich, die Italiener sind vermögend, der Export boomt. Doch der Erfolg der Wirtschaft beruht zum Großteil auf den niedrigen Löhnen.

Die Journalistin Charlotte Matteini hat sich, wie jedes Jahr, fingiert auf Arbeitssuche begeben. Die Ergebnisse sind erschütternd. Für Saisonjobs etwa in der Gastronomie, in Hotels oder anderen Sektoren, werden teilweise nur 600 Euro im Monat gezahlt, ohne dass eine Unterkunft gestellt oder auch nur ein freier Tag in der Woche gewährt wird. Durchschnittlich sind es 1200 bis 1600 Euro monatlich bei Arbeitszeiten von 7 bis 19 Uhr oder verteilt auf Mittag und Abend. Häufig werden ein eigenes Auto, englische Sprachkenntnisse, Berufserfahrung und Flexibilität verlangt.

Auch deshalb leben in einem Land – in dem nur 1,2 Kinder pro Frau zur Welt kommen und 20 Prozent der 18 bis 24-Jährigen weder arbeiten noch studieren – , 60 Prozent der unter 34-Jährigen noch bei den Eltern. Viele von ihnen lassen sich von denen was zustecken – statt für ein Taschengeld zu arbeiten.

Das Jammern der Wirtschaft über den Mangel an Arbeitskräften ist teilweise wohlfeil – genauso wie die Forderung nach mehr Einwanderung. Denn Italien vertreibt viele gut ausgebildete jüngere Arbeitskräfte. Zwischen 2019 und 2021 haben beispielsweise mehr als 21 000 gut ausgebildete Mediziner, darunter 14 000 Spezialisten, das Land gen Israel, USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien oder die Schweiz verlassen.

Die Entwicklung hat sich laut Filippo Anelli, Präsident der Vereinigung der Chirurgen und Anwälte, seit 2022 beschleunigt. Inzwischen seien es doppelt so viele, schätzt er. Nur in Portugal und in Griechenland verdienen Mediziner im EU-Vergleich weniger. Aber die Auswanderer gehen nicht nur wegen der schlechten Bezahlung, sondern auch wegen fehlender Karrierechancen. Das gilt für andere hoch qualifizierte Jobs ebenso.

Obwohl die Flüchtlinge in der Regel alles andere als hoch qualifiziert sind, sieht der renommierte Ex-IWF-Ökonom Carlo Cottarelli, Professor an der Katholischen Universität Mailand, keine Alternativen zur Einwanderung. „Viele Unternehmen, vor allem in wirtschaftsstarken Regionen, finden kein qualifiziertes Personal mehr“, sagt er. Die Ankommenden müssten ausgebildet werden. Dass die Regierung die Kontingente für die legale Einwanderung erhöht hat, findet er gut. Es reiche aber nicht: „Wir brauchen zwischen 200 000 und 250 000 Zuwanderer im Jahr, um unsere Rentenausgaben finanzieren zu können.“ Das scheint unrealistisch zu sein. Vielleicht würde es erst mal helfen, bessere Löhne zu zahlen. Dann würden nicht so viele gut ausgebildete Italiener abwandern.

Italiens Bevölkerung schrumpft

Statistik
Laut Statistikamt Istat wird die Bevölkerung in Italien von 59,2 Millionen 2021 bis 2070 auf 47,7 Millionen zurückgehen. Das Verhältnis der erwerbsfähigen Bevölkerung zu Nicht-Erwerbsfähigen (Rentner, Kinder) wird von heute 3:2 bis 2050 auf 1:1 sinken.

Rente
Dennoch gibt es noch immer sehr großzügige Vorruhestandsregelungen, die es vielen Italiener erlauben, mit 60 oder noch früher in Rente zu gehen.

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