Demografie und Erfahrung Wir Babyboomer

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In keinem Jahr sind in Deutschland so viele Kinder auf die Welt gekommen wie 1964. Heute, fünfzig Jahre später, stützen sie – am Höhepunkt ihrer Arbeitskraft angelangt – mit den anderen geburtenstarken Jahrgängen die Gesellschaft. Für die Nachgeborenen nicht unbedingt Grund zum Feiern.

Grundschulklasse in den frühen Siebzigern Foto: Achim Zweygarth
Grundschulklasse in den frühen Siebzigern Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Wie war das noch, als wir geboren wurden? Der erste Weg der Recherche führt zum babyblauen Album, das die Mutter damals gewissenhaft angelegt hatte. Aufschrift: „Unser Kind“. Es ist prall gefüllt: mit der Geburtsanzeige im „Kreisblatt“, mit vielen Schwarz-Weiß-Bildern und wenigen rotstichigen Farbfotos, mit Haar­locken, bräunlichen Zeitungsschnipseln über Kindergartenfeste und dergleichen.

So in etwa war das damals. Ziemlich bescheiden nahm uns die Menschheit 1964 in Empfang – gewöhnlich noch in Gestalt einer Hebamme. Trotz der schlichten Lebensverhältnisse dominierte die Zuversicht. Anders ist es nicht zu erklären, dass die Bundesrepublik und die DDR in jenem Jahr zusammen auf weit über eine Million Geburten, genau 1 357 304, kamen. 1964 war die Krönung der Babyboomerphase. Nie wurden in einem Jahr mehr Kinder in die Welt gesetzt. Von da an verlief die demografische Kurve zunächst steil, dann sanfter abwärts. Für 2012 verzeichnen die Bundesstatistiker nur noch halb so viele Geburten, nämlich 673 544.

In Deutschland hatte der Boom Mitte der fünfziger Jahre eingesetzt, später als in Nachbarländern wie etwa Frankreich. Die Männer der Verlierermächte mussten erst aus der Gefangenschaft zurückkehren, und die Frauen waren direkt nach dem Krieg noch mit der Beseitigung der Trümmer beschäftigt. Schon damals gab es daher viele Spätgebärende, wenn auch eher unfreiwillig und nicht aus freien Stücken wie heute.

Neuer Lebensmut im Wirtschaftswunder

Die Wirtschaftswunderjahre hatten den Menschen eine Perspektive gegeben. So geschah – aus Sicht eines Wissenschaftlers – das Unvermeidliche. Stets, wenn sich die Menschen wegen eines Kriegs oder einer Krise bei der Fortpflanzung zurückhalten, stellen sich danach die Nachholeffekte ein. „Die Delle nach unten wird im Anschluss immer durch die Delle nach oben kompensiert“, sagt Reiner Klingholz, der Chef des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. So hätten die Frauen vorher vielleicht mit 25 Jahren das erste Kind bekommen und nach dem Krieg erst mit 30 Jahren. Ähnliches sei nach der Wende in Ostdeutschland zu beobachten gewesen, und Ähnliches deute sich nun in den Krisenländern Südeuropas an.

Das Gefühl, nie allein zu sein, hat uns ein Leben lang begleitet. Bei der Einschulung durften wir froh sein, eine eigene Tischhälfte zu ergattern. Auf dem Konfirmationsfoto versammelten sich gleich 64 Jugendliche. Bei der Abiturfeier wollte die Verleihung der Urkunden kein Ende nehmen, weil mehr als 120 Schüler zu verabschieden waren. Die Hörsäle der Universität platzten aus allen Nähten; das Proseminar glich einer Vorlesung. Glücklich war, wer einen Ausbildungsplatz erhielt. Und auch auf dem Arbeits- wie dem Wohnungsmarkt galt: stets übertraf die Nachfrage das Angebot. Wo wir waren, war es immer schon voll.