Demografischer Wandel „Die Bevölkerung wird weiter schrumpfen“

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Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland rund 22 000 Kinder mehr geboren als 2014. Die Berliner Demografie-Expertin Franziska Woellert sieht darin jedoch noch keine grundsätzliche Wende.

Lichtblick: 2015 sind mehr Kinder auf die Welt gekommen als in den Vorjahren. Foto: dpa-Zentralbild
Lichtblick: 2015 sind mehr Kinder auf die Welt gekommen als in den Vorjahren. Foto: dpa-Zentralbild
Stuttgart – - Familie und Beruf seien in Deutschland mittlerweile besser vereinbar als noch vor ein paar Jahren, sagt Franziska Woellert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Allerdings stünden andere Länder in puncto Kinderfreundlichkeit nach wie vor besser da.
Frau Woellert, seit Jahren sind die Geburtenzahlen in Deutschland rückläufig. 2015 wurden jedoch rund 22 000 Kinder mehr geboren als im Jahr davor. Ist das eine Trendwende?
Es ist schön, dass wir wieder etwas mehr Geburten haben. Von einer Trendwende kann man aber nicht sprechen. Die aktuell wieder etwas höheren Geburtenzahlen hängen vor allem damit zusammen, dass die Altersgruppe der Frauen von Anfang bis Mitte 30 derzeit relativ groß ist – also jene Gruppe, die am ehesten Kinder bekommt. Zudem stieg 2014 auch die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau zum ersten Mal seit den 70er Jahren wieder leicht an und liegt nun bei 1,47 Kindern. Ob diese Entwicklung anhält, ist aber schwer zu sagen.
Warum gibt es aktuell mehr Frauen im Familiengründungsalter?
Es handelt sich um ein demografisches Echo. Die jetzigen Mütter sind die Kinder der Babyboomer und bekommen jetzt selbst wieder Kinder – zwar nicht so viele wie ihre Eltern, aber genug, um die Geburtenzahl steigen zu lassen. Der etwas höheren Geburtenzahl stehen allerdings deutlich mehr Sterbefälle gegenüber. Und deren Zahl wird noch stärker steigen, wenn die Babyboomer ins Sterbealter kommen.
Welchen Anteil haben staatliche Hilfen für Familien an der jüngsten Entwicklung?
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurde erleichtert, das hat sicher einen Effekt. Die Betreuungsmöglichkeiten sind heute zahlreicher und qualitativ besser. Ein weiterer Faktor ist das Elterngeld, das Müttern und Vätern erleichtert, eine Auszeit im Beruf zu nehmen und dann wieder einzusteigen. Das macht es Frauen um die 30 tatsächlich einfacher, sich für ein Kind zu entscheiden. Wie es aussieht, ist die Politik hier in die richtige Richtung unterwegs. Allerdings ist die Vielzahl familienpolitischer Leistungen selbst für Experten kaum noch zu überblicken.
In Frankreich hat eine Frau im Schnitt fast zwei Kinder. Was läuft dort besser?
Die haben ein anderes System der Familienförderung – etwa höhere Steuererleichterungen. Was sie aber vor allem haben, ist ein anderes Bild von Familie. Den Franzosen ist es nicht so fremd, Arbeit und Familie zusammenzudenken – auch den Firmen nicht. Dort hat das frühe Abgeben der Kinder eine ganz andere Tradition als in Deutschland. Allerdings ist mittlerweile auch in Frankreich die Kinderzahl wieder rückläufig. Derzeit haben skandinavische Länder die Nase vorne. Die haben ihre Firmenkultur viel stärker auf Familien ausgerichtet. Da gibt es zum Beispiel kein Meeting nach 16 Uhr.
Wirkt sich auch die große Zahl der Flüchtlinge – rund eine Million Menschen – im vergangenen Jahr auf die Geburtenzahlen aus?
Nein. Die große Menge der Flüchtlinge ist ja erst im vergangenen Herbst gekommen – und von denen sind 80 Prozent Männer. Die wenigen Frauen, die gekommen sind, hatten häufig schon Kinder.
Auch wenn die Flüchtlinge kaum zur Geburtenzahl im vergangenen Jahr beigetragen haben – sie haben immerhin zu einem Anstieg der Gesamtbevölkerung geführt.
Natürlich. Allein nach den Geburten- und Sterbezahlen hätten wir schon seit den 70er Jahren eine rückläufige Bevölkerung. Das sie stattdessen gewachsen ist, hat schon immer mit Migration zu tun. Das Statistische Bundesamt geht für seine Bevölkerungsvorausberechnungen bis 2020 von einem Zuwanderungssaldo von 500 000 Menschen im Jahr aus, danach je nach Szenario von einer Nettozuwanderung von 100 000 oder 200 000 Menschen pro Jahr. Doch selbst bei der optimistischsten Variante wird die Bevölkerung schrumpfen. Um sie stabil zu halten, bräuchten wir 600 000 Zuwanderer im Jahr.
Zuwanderung allein kann den Negativtrend also kaum stoppen. Sind wir darauf ausreichend vorbereitet?
Schrumpfen an sich ist nicht unbedingt etwas Negatives. Viele Probleme rühren daher, dass wir nicht gleichmäßig schrumpfen – dass es hier Boomregionen und dort Gebiete mit Bevölkerungsschwund gibt. Das zweite Problem ist, dass unser Sozialsystem auf einem Ausgleich zwischen den Generationen basiert. Doch das wird in der heutigen Form nicht mehr funktionieren.