Demokratiefestival in Sindelfingen Kreativ und engagiert gegen Rechts
Mit einem Kulturfestival auf dem Marktplatz haben sich Sindelfinger Akteure für Demokratie, Menschlichkeit und Vielfalt eingesetzt.
Mit einem Kulturfestival auf dem Marktplatz haben sich Sindelfinger Akteure für Demokratie, Menschlichkeit und Vielfalt eingesetzt.
Um gegen Menschenfeindlichkeit ein Zeichen zu setzen, haben sich gemeinnützige Vereine, Kirchen, Stiftungen, Gewerkschaften und Parteien in einem Bündnis für Zivilgesellschaft zusammengeschlossen. Gemeinsam veranstalteten sie am Mittwochabend ein Kulturfestival für Demokratie, Menschlichkeit und Vielfalt. Organisiert hat es die IG Kultur vom Pavillon Sindelfingen.
Muhammed Jallow, ein Trommler aus Gambia und Maichingen animiert die Leute, sich dem Spektakel auf dem Marktplatz anzuschließen: Mehrere Hundert versammeln sich bei angenehmen Temperaturen. Später schaut sogar die Sonne heraus. Auftritt der Moderatoren: Natalie Ahmadi-Nia spielte 2017 eine der Hauptrollen im Musical „Bühne der Träume“ der Jungen Bühne. Bennet Weber feierte voriges Jahr als Krabat in der Rockoper „Die schwarze Mühle“ Erfolge. Ahmadi-Nia hat armenische und iranische Wurzeln, ist 2004 nach Deutschland gekommen und weiß, wovon sie spricht, wenn es um Rassismus geht. Der Chor der Martinskirche war ihr Zugang zur deutschen Sprache.
„Wer hält Vielfalt für eine Bereicherung der Gesellschaft? Wer möchte mehr Begegnungsstätten für Kultur?“, fragen die beiden. Fast alle heben die Hand. Die zwei führen vor Augen, wie viele betroffen wären, wenn die AfD ihre Remigrationspläne umsetzen würde: „Das ist die Hälfte von Sindelfingen!“
Das Programm ist äußerst vielfältig: Der Chor der Jungen Bühne gibt einen Vorgeschmack auf die Gala „This is Musical“ am 23. November in der Stadthalle Sindelfingen. Die Sängerinnen und Sänger haben unter anderem Ohrwürmer aus „The Greatest Showman“ und „Tanz der Vampire“ im Gepäck. Der Gitarrist Alaa Hesso mit syrischen und Maichinger Wurzeln, der an der Musikschule unterrichtet und im Zupforchester Böblingen spielt, stimmt kurdische Lieder über verbotene Liebe und Freiheit an. „Komme, bevor ich noch nicht verhaftet bin“, lautet eine Zeile aus seinen berührenden Songs.
Das Aktionsbündnis quer durch die Sindelfinger Zivilgesellschaft hat sich nach der Demo gegen Rechts am 3. Februar gegründet. Eine Gruppe widmete sich der Bildung, die andere der Kultur. „Schnell kam die Kulturfestival-Idee auf“, sagt Hilmar Kallweit, von der IG Kultur. „Wir wollen die lokale Kulturszene sichtbar machen und die Botschaft rüberbringen, dass Kultur nur in einem Klima der Menschlichkeit und einem Bewusstsein der Vielfalt möglich ist“, sagt er. Jeder schlug Gäste vor, bald war das Programm komplett. Ein positiver Nebeneffekt – die Vernetzung der Sindelfinger Kulturschaffenden: „Das wollen wir auf jeden Fall ausbauen“, meint Kallweit.
Als einen weiteren Programmpunkt präsentiert Anna Baruzzi vom Theaterensemble Sindelfingen „Den Hügel, den wir erklimmen“ von Amanda Gorman, die das Gedicht 2021 bei der Amtseinführung von Joe Biden vortrug – und Mut machte für einen Neuanfang nach dem Sturm aufs Kapitol. Anna Baruzzi erinnert auch an den Messerangriff in Mannheim und kritisiert einseitige, negative Stimmungen, Spaltung und Schuldzuweisung in der Gesellschaft und die Rolle der sozialen Medien. „Unsere Kultur hat den Anspruch, Menschen zusammenzubringen“, sagt sie und plädiert für ein Miteinander statt Gegeneinander.
In einer Trio-Besetzung erleben die Zuschauer dann die Band Groove for Friends, die sich Jazz und Latin verschrieben hat (Birgit Vescovi: Vocals, Tobias Götzmann: Gitarre und Igor Petrov: Akkordeon). Dicht an dicht drängen sich anschließend die Musiker von Fonky Fonky, die zu zehnt antreten und Funk, Soul, Disco und Fusion covern. Sonnenbrillen, Anzüge und markante Stimmen sind ihr Markenzeichen. Sie bringen die Menge zum Tanzen. Den Abschluss machen Skin of Clazz, die Percussion mit Saxofon und leidenschaftlichem Gesang (Jule Borchhardt) kombinieren. Sie präsentieren eigene Songs, flechten in ihr Konzert Zitate gegen Rassismus ein und krönen mit ihrem Auftritt das vielfältige Festival.
Aktionsbündnis
Das Sindelfinger Aktionsbündnis quer durch die Zivilgesellschaft gründete sich in Reaktion auf die Demonstration gegen Rechts am 3. Februar „Nie wieder ist Jetzt“. Mitglieder des Aktionsbündnisses sind unter anderem die IG Kultur Sindelfingen, die Junge Bühne Sindelfingen, das Theater Ensemble Sindelfingen, der Sindelfinger Weihnachtssession e. V., der Förderverein AK Asyl Sindelfingen, der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Gemeinderatsfraktionen.
Festival-Finanzierung
Finanziert haben das Festival die Stadt Sindelfingen, der Landkreis, die Kreissparkasse, der Böblinger Bürgerverein und die Stadtwerke Sindelfingen. Außerdem kamen weitere Beteiligte, etwa aus dem Bereich der Veranstaltungstechnik (EMT aus Herrenberg), den Veranstaltern mit Rabatten entgegen. Zu Gunsten des guten Zwecks haben die Mitwirkenden auf Gagen verzichtet.
Ausblick
Die frisch vernetzten Partner wollen längerfristig kooperieren. Im Herbst ist eine Fortsetzung des Festivals geplant, im nächsten Jahr nochmals zwei Veranstaltungen.