„Demokratielabor“ in Stuttgart Wann interessiert die Jugend Politik?

Von Siri Warrlich 

In Stuttgart geht ein „Demokratielabor“ an den Start. Zwölf Jugendliche haben für eine schwierige Aufgabe ein Jahr lang Zeit: Sie sollen andere in ihrem Alter für politische Themen begeistern. Wie kann das gehen?

Eigentlich hätte der Start des  Stuttgarter „Demokratielabors“ eine physische Veranstaltung werden sollen. Wegen der Corona-Pandemie fand das Ganze nun per  Videokonferenz statt. Foto: S.Warrlich
Eigentlich hätte der Start des Stuttgarter „Demokratielabors“ eine physische Veranstaltung werden sollen. Wegen der Corona-Pandemie fand das Ganze nun per Videokonferenz statt. Foto: S.Warrlich

Stuttgart - Frank Nopper, der Stuttgarter OB-Kandidat der CDU, ist an diesem Abend trotz Home Office sehr ordentlich gekleidet. Über einem rosa Poloshirt trägt er einen weißen Pullover. Sein Parteikollege Stefan Kaufmann vertritt den Wahlkreis Stuttgart-Süd im Bundestag und hat vor seiner Bücherwand mit integrierter Sektglas-Vitrine Platz genommen. Im Zimmer von Thjis Lucas, dem Mitbegründer des Stuttgarter „Radentscheids“, hängt – natürlich – ein Fahrrad an der Wand. Und Thorsten Puttenat, Stuttgarter Gemeinderat der Stadtisten, lässt es sich nicht nehmen, ab und an eine Zigarette anzuzünden. Er sitzt schließlich zu Hause – genau wie die anderen rund 50 Menschen, die sich an diesem Donnerstagabend über die Videoplattform „Zoom“ treffen.

Die Veranstaltung markiert den Start des Demokratielabors Stuttgart vom Verein „Unsere Zukunft“. In den kommenden zwei Jahren soll das Labor zu einem Testfeld dafür werden, wie sich junge Menschen für Politik begeistern lassen. Die Ideen sollen von Jugendlichen selbst kommen. Als „Demokratiebotschafter“ haben zwölf junge Erwachsene aus dem Raum Stuttgart ein Jahr Zeit, ein konkretes Vorhaben umzusetzen – etwa einen Projekttag an der Schule, einen Podcast, eine Diskussionsveranstaltung oder ein Planspiel, in dem zum Beispiel ein Parlament nachgestellt wird.

Abgeordneter macht „Insta Talk, Insta live“ – gucken die Kids das?

Guilherme Olveira – „nennt mich Gilli“ – aus Renningen ist einer von ihnen. Als die Teilnehmer beim Auftaktabend gesplittet werden, landet der 16-Jährige in einer Gruppe mit Stefan Kaufmann von der CDU. Der Politik-Profi will von Gilli wissen, wie er Jugendliche erreichen kann. „Insta Talk, Insta Live, Facebook Talk, Facebook Live“ – er mache ja schon alles Mögliche, sagt Kaufmann. Nur: Gucken Gilli und seine Kumpels da überhaupt rein?

Gilli glaubt, dass ein lokaler Bezug wichtig ist. In Renningen solle ein Neubaugebiet entstehen, dafür müsse Wald weichen. „Darüber diskutieren wir schon“, sagt Gilli. Kaufmann ist überrascht, dass ausgerechnet dieses Thema bei Jugendlichen für Gesprächsstoff sorgt.

Die Grünen hoch im Kurs

Die 17-jährige Renée Clerc rät dem Abgeordneten, statt zu viel Social Media-Arbeit lieber mehr Schulen zu besuchen. Direkter Kontakt sei effektiver. Das habe sie gemerkt, als sie letztes Jahr ein Planspiel für die Oberstufe an ihrem Gymnasium in Stuttgart-Möhringen organisiert hat. Die Schüler teilten sich entsprechend der großen Parteien auf und diskutierten auf dem Podium. Zum Abschluss gab es eine Wahl. „Die Grünen haben gewonnen“, sagt Clerc, „das war vorhersehbar“. Überrascht hat sie der zweite Platz: FDP. „Das lag vor allem an den Schülern in dieser Gruppe. Die haben das sehr lebhaft gemacht.“ Als Demokratiebotschafterin will die Abiturientin ein Konzept erarbeiten, mit dem sich solche Rollenspiele leicht an anderen Schulen umsetzen lassen.

Zwar sind nicht alle zwölf Demokratiebotschafter Gymnasiasten. Zwei machen eine Ausbildung. Dennoch gibt Projektleiterin Tomma Profke zu: Die „zündende Idee“, um auch Real- oder Hauptschüler zu erreichen, fehle noch. Womöglich hat sie einer der Demokratiebotschafter. „Ihr könnt gespannt sein, was diese jungen Menschen so drauf haben“, so Profke. Um ihre Ideen wahr zu machen, sollen sie als Team arbeiten und Hilfe von Mentoren bekommen. Es ist geplant, dass mehr Jugendliche hinzukommen. Die Stadt Stuttgart fördert das Projekt laut Profke über zwei Jahre mit je 120 000 Euro. Mehr Informationen gibt es auf der Website www.team-tomorrow.org




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