Demonstration gegen Atomkraft Japan bleibt Thema Nummer eins

Von und Kathrin Thimme 
Die Nachredner tun es ihr gleich. „Japan hat gezeigt, was für ein ungeheuerliches Vernichtungspotenzial in den Atomkraftwerken steckt“, sagt Nikolaus Landgraf, der Landesvorsitzende des Deutschen Gewerkschafts-Bundes, „den Ausstieg aus der Atompolitik haben wir bei der Landtagswahl selbst in der Hand.“ Diesem Appell verleiht auch der Journalist Franz Alt Nachdruck: „Das Motto am 27. März lautet Abwählen, Abtreten, Abschalten.“ Andere Regionen in Deutschland zeigten längst, dass es ohne Atomenergie gehe. Allen voran Ostfriesland, das seine Energie zu 90 Prozent aus Windkraft gewinne. „In Baden-Württemberg hingegen machen die erneuerbaren Energien weniger als ein Prozent aus“, sagt Alt und schimpft, dass die Landesregierung am Tropf der Atomwirtschaft hänge wie ein Junkie an der Nadel.

Neben Dahlbender, Landgraf und Alt sprechen auch der Campact-Geschäftsführer Christoph Bautz, der Pfarrer Ulrich Koring und Uwe Hiksch, Vorstandsmitglied der Naturfreunde Deutschland, zu den Demonstranten, die ihre grünen, schwarzen und gelben Luftballons in die Höhe halten und dem Stuttgarter Schlossplatz, auf dem es zeitweise kein Durchkommen gibt, einen farbenfrohen Anstrich verleihen.

Nicht schwarz und gelb, dafür grün und rot sind die Vertreter der Parteien, die sich auf dem Schlossplatz versammeln. Die Linken-Landtagskandidatin Marta Aparicio ist gekommen ebenso wie die Spitzenkandidaten von SPD und Grüne, Nils Schmid und Winfried Kretschmann, die bei der Menschenkette den Schulterschluss demonstrieren. Das Unglück von Japan hätte es dafür jedoch nicht bedurft. „Das Abschalten von Neckarwestheim war schon vor der Katastrophe in Japan angesagt“, betont Winfried Kretschmann.

Abwählen, Abtreten, Abschalten

Brigitte Dahlbender sieht das genauso. Sie hätte sich gewünscht, diese Katastrophe wäre nicht passiert – nicht einen Tag vor der größten Anti-Atom-Menschenkette, die es je im Südwesten gegeben hat, und auch sonst nie. Doch ist die Angst vor dem atomaren Gau, die den Menschen nun vor Augen geführt wird, auch ein Signal. „Die Katastrophe in Japan ist der endgültige Beweis dafür, dass Atomenergie gefährlich ist und jede Verlängerung eine weitere Gefahr darstellt“, sagt Dahlbender. Instrumentalisieren wolle sie das Schicksal der Bürger Japans nicht.

Doch das Geschehen bleibt das Thema Nummer eins. „Eigentlich hätte ich heute arbeiten müssen, aber die aktuellen Ereignissen haben mich hergeführt“, sagt Jürgen Beck-Bazlen. Und auch Christian Schad, Landesgeschäftsführer der Waldorfschulen, lässt die Katastrophe in Japan nicht los. „Ich wäre auch so gekommen, aber jetzt zeigt sich natürlich ein richtiges Horroszenario.“

Um eine Person bilden sich unterdessen immer wieder Grüppchen von Bürgern und Journalisten. Hiroko Steeb steht nicht weit vom verschlossenen Tor des Staatsministeriums und schwenkt die weiße japanische Fahne mit dem roten Punkt, dem Sonnensymbol, in der Mitte. Noch nie habe sie die Fahne mit auf die Straße genommen. Doch wenn nicht an diesem Tag, wann dann? „Das ganze Land ist geschockt“, sagt sie. Ihre Eltern und die Schwestern wohnen südlich von Tokio und haben die unmittelbaren Folgen der Katastrophe nicht mitbekommen. Doch weit genug weg, für ein sicheres Gefühl, seien sie nicht. „Es schockiert mich, wie sorglos und unverantwortlich mit Atomenergie umgegangen wird“, sagt Hiroko Steeb.

Japan sei wie Deutschland ein hoch industrialisiertes Land, das Energie braucht. Doch zu welchem Preis? „Ich bin nicht nur wegen der Geschehnisse in Japan hier, sonder weil ich Atomkraftgegnerin bin“, sagt Steeb. Und das nicht erst seit dem 11. März 2011 – und schon gar nicht wegen der Landtagswahl. Denn wahlberechtigt ist die Japanerin, die seit 13 Jahren in Stuttgart lebt, nicht. Für die Sache sei dies aber auch nicht relevant: „Atomenergie ist kein Wahlkampfthema, sie ist immer ein Thema.“