Demonstration in Göppingen Ohne Naziaufmarsch bleibt alles friedlich

Von kew 

Ohne Neonazis-Aufmarsch ist der zweite Oktobersamstag wieder ein ganz normaler Tag in Göppingen gewesen. Rund 250 Menschen zeigten Flagge gegen Rechts. Und auch die Antifa blieb bei ihrer Demonstration friedlich.

300 Antifa-Aktivisten demonstrieren  diesmal friedlich gegen Rechts. Die Stadt und die Polizei bekamen allerdings verbal ihr Fett weg: „Till, der Schweiger“ stand auf Plakaten. Dazu wurde skandiert: „Göppingen ohne Polizei wär schon längst nazifrei.“ Foto: Horst Rudel
300 Antifa-Aktivisten demonstrieren diesmal friedlich gegen Rechts. Die Stadt und die Polizei bekamen allerdings verbal ihr Fett weg: „Till, der Schweiger“ stand auf Plakaten. Dazu wurde skandiert: „Göppingen ohne Polizei wär schon längst nazifrei.“ Foto: Horst Rudel

Göppingen - In gelassener Stimmung, mit Musik und einer Leistungsschau des Bauhofs haben 200 Göppinger auf dem Marktplatz Flagge gegen Rechts gezeigt. Von der gespenstischen Atmosphäre der vergangenen beiden Jahre, als im Oktober jeweils 150 Neonazis, abgeschirmt von 2000 Polizisten, durch die Stadt marschierten und ihre dumpfen Parolen verbreiteten, war nichts zu spüren. Nachdem im Februar vier Rädelsführer der Göppinger Autonomen Nationalisten verhaftet worden waren, hatten die Rechtsextremisten ihren jährlichen Aufmarsch abgemeldet.

„Wir haben ein breit aufgestelltes Bündnis zusammengebracht“, sagte zufrieden der Vorsitzende des Vereins Kreis Göppingen nazifrei, Alex Maier. Augenfällig wurde dies zu Beginn der Kundgebung bei einem ökumenischen Friedensgebet, bei dem zehn Geistliche, die von den großen christlichen Kirchen, den orthodoxen Gemeinden, aber auch von zwei Moscheevereinen gekommen waren, gemeinsam in ihrer jeweiligen Amtstracht auf der Bühne standen. Auch der DGB und Migrantensprecher meldeten sich zu Wort.

Gemeinderat zeigt sich zerrissen

Die Stadtpolitik scheiterte allerdings dabei, ein ähnlich geschlossenes Bild wie die Religionen abzuliefern. „Wir sind – fast – alle da“, sagte Wolfgang Berge als Vertreter der Freien Wähler und spielte damit auf den Umstand an, dass außer ihm noch die SPD, Grüne und Linke/Piraten zu einem Grußwort auf die Bühne kamen, die FDP/FW und die CDU aber fehlten.

Der CDU-Fraktionschef Felix Gerber habe wegen eines wichtigen dienstlichen Termins leider absagen müssen, sagte Maier. Tatsächlich hatte Gerber im Vorfeld seine Unterstützung für die Demonstration und das Bündnis Kreis Göppingen nazifrei deutlich gemacht. Damit vertrat er innerhalb seiner Partei und Fraktion aber offenbar eine Minderheitenposition. Ein Vertreter für Gerber ließ sich nicht finden. Der Stadtrat Achim Fehrenbacher hatte als bekannter Vertreter des rechten Flügels bereits vor Wochen im Amtsblatt dazu aufgefordert, nicht an der Antinazidemo teilzunehmen. Sie diene nur der Eigendarstellung der Organisatoren.

In der vergangenen Woche hatte sich dann auch noch die Kreisvorsitzende Nicole Razavi zu Wort gemeldet: Nachdem erwiesen sei, dass Göppingen keine Wohlfühlstadt für Autonome Nationalisten sei, so die Landtagsabgeordnete, müsse man nun darauf achten, dass Göppingen nicht zur Wohlfühlstadt für Antifaschisten werde. Nicht wenige werteten dies als klaren Affront gegen Gerber. Dieser hatte öffentlich erklärt, auch er sei ein Antifaschist, „weil jeder Demokrat ein Antifaschist ist“.

„Jeder dritte Göppinger ist Migrant“

Der Göppinger Oberbürgermeister Guido Till (ebenfalls CDU) erteilte in seinem Redebeitrag „jeder Form von Extremismus eine Absage“. Er verwies darauf, dass ein Drittel der Göppinger Bevölkerung einen Migrationshintergrund aufweise. Beim städtischen Bauhof, dessen Leistungsschau ursprünglich dazu dienen sollte, den Nazis den Weg zum Marktplatz zu versperren, und der mit einem Hubwagen einen besonderen Blick auf die Menge bot, würden Kollegen aus 20 Ländern arbeiten, sagte Till.

„Im Landkreis gibt es keinen Platz für Fremdenfeindlichkeit“, erklärte der Landrat Edgar Wolff (Freie Wähler). Dies zeige sich auch daran, dass den vielen Flüchtlingen, die in diesen Tagen in den Kreis Göppingen kämen und die Schlimmes durchgemacht hätten, offen begegnet werde. Im Gegensatz zu manchen Regionen Ostdeutschlands sei die rechte Szene im Kreis nicht prägend. „Wir müssen darauf achten, dass es so bleibt“, sagte Wolff.

Die größte Demonstration des Tages fand erst am späten Nachmittag statt. Viele der mehr als 300 Antifa-Aktivisten hatten zuvor an einer Demonstration gegen die Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada in Stuttgart teilgenommen und zogen nun vom Bahnhof bis zur Nordstadt und zurück durch die Hauptstraße. Auch diese von einem starken Polizeiaufgebot begleitete Demonstration blieb friedlich. Im Gegensatz zu den beiden vergangenen Jahren seien diesmal keine Straftaten verzeichnet worden, sagte ein Polizeisprecher. Ob gegen die Veranstalter wegen kleinerer Verstöße gegen die Auflagen vorgegangen werde, müsse die Stadt entscheiden.

Entgegen der Absprache hat die Demonstrationsleitung in der Nordstadt eine Kundgebung abgehalten. Dort wohnt einer der Rädelsführer der Autonomen Nationalisten. Er ist zwar im Februar verhaftet worden, befindet sich mittlerweile aber wieder auf freiem Fuß. Der Aufforderung der Demonstranten herauszukommen, folgte er übrigens nicht, wie sich überhaupt am ganzen Samstag keine Neonazis in Göppingen blicken ließen.




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