Demonstration in Herrenberg Bekenntnisse für Demokratie und Vielfalt
Rund 270 Menschen setzen am Sonntag in Herrenberg ein Zeichen gegen die zunehmende Bedrohung durch rechte Strömungen.
Rund 270 Menschen setzen am Sonntag in Herrenberg ein Zeichen gegen die zunehmende Bedrohung durch rechte Strömungen.
Mitte Januar waren in der Gäustadt mehrere Tausend Menschen auf der Straße, um ein Zeichen gegen das weitere Erstarken rechtsextremer Kräfte zu setzen – fast auf den Tag genau ein Jahr nach der ersten Demonstration für Demokratie, Vielfalt, Toleranz und Menschenrechte.
Nach der diesjährigen Demo dauerte es lediglich vier Wochen, bis das Bündnis „Herrenberg gegen rechts“, dem rund 20 Vereine und Organisationen angehören, zur nächsten Aktion aufrief – dieses Mal zu einer Kundgebung auf dem Marktplatz am Sonntagabend.
Rund 270 Menschen trotzen der Kälte und dem leichten Schneefall, um Herrenbergs „gute Stube“ mit Kerzen, Laternen, batteriebetriebenen Lichterketten und Handyleuchten gemäß dem Veranstaltungsmotto in ein „Lichtermeer für Demokratie und Vielfalt“ zu verwandeln.
Gleich zu Beginn der rund einstündigen Versammlung, bei der Lars Unger mit einem eigens geschriebenen Protestsong sowie John Lennons „Imagine“ und „Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel den musikalischen Part übernimmt, berichtet Moderator Anastasios Petridis, der auch Mitglied des Orga-Teams ist, dass ihre Gruppe und Unterstützer „Zielscheibe rechter Hetze und massiver Einschüchterungsversuche“ geworden seien. Fast täglich hätten sie sie „beleidigende, hasserfüllte und zu Gewalt aufrufende Nachrichten“ erreicht – die sogar so weit gingen, „dass sich jemand eine Amokfahrt am Tag der Demo gewünscht hat“.
Nach einer Schweigeminute, in der aller Opfer extremistischer Gewalt gedacht wurde, ergreift Greta Birnbaum, ebenfalls Mitglied des Orga-Teams, das Mikro, und kritisierte, dass es der AfD im Wahlkampf gelinge, die Themen so zu setzen, dass die Klimakrise, die Demokratie, Wirtschaft und Sicherheit gleichermaßen gefährde, beim Kanzlerduell nicht thematisiert worden sei. Mit Blick auf einige Stimmen aus der CDU zu den aktuellen deutschlandweiten Demonstrationen betonte sie: „Wir sind nicht linksextrem, wir sind die Mitte der Gesellschaft!“
Nach einer wütenden Rede der „stopGEAS-Aktivistin“ Karina Wasitschek, die unter anderem betonte, dass Mauern Menschen noch nie von der Flucht abgehalten hätten, insbesondere wenn neben der Klimakrise auch Kriege und Umweltzerstörung als Brandbeschleuniger wirken, ergreift der Herrenberger Oberbürgermeister Nico Reith (parteilos) das Wort.
Wer heute an der Demokratie zweifle, sagt er, dem helfe ein Blick in die Geschichtsbücher: So müsse der Terror, den eine jüdische Familie in der NS-Zeit erlitt, ebenso „immer Mahnung sein“, wie die freiheitsliebenden Menschen in der DDR. Er ruft dazu auf, „zu schätzen, was wir in unserem Land haben“ – denn: „Demokratie stirbt, wenn nicht mehr ausreichend viele Menschen sie mit Leben füllen“, weshalb das Engagement der Zivilgesellschaft so wichtig sei. Zuletzt richtet Reith einen Appell an alle demokratischen Parteien im Bund, sich nach der Wahl zusammenzuraufen.
Als letzte Rednerin erinnert Ida Bühler als Vertreterin der Lebenshilfe an die unter der NS-Herrschaft ermordeten Menschen mit Behinderung. Diese Verbrechen seien „ein Mahnmal für die Gefahren von Diskriminierung und Entmenschlichung“. Abschließend ruft Petridis dazu auf, am kommenden Sonntag demokratisch zu wählen: „Die Demokratie zu verlieren ist einfacher, als sie zurückzubekommen“.