Eine Geburt ohne Hebamme ist für viele Eltern unvorstellbar. Deshalb sind sie in Stuttgart auf die Straße gegangen. Die Geburtshelferinnen bangen weiter um ihre Zukunft.

Stuttgart - Überall Ballons, Plakate, Kreideherzen und Kinderwagen: der Kleine Schlossplatz gehört an diesem Samstagnachmittag den Familien. Rund 250 Mütter, Väter und Geburtshelferinnen fordern: „Wir brauchen Hebammen!“

 

Mittendrin steht Anja Harnisch aus Esslingen. Sie hat ihren Mann und sechs Kinder mitgebracht. Fünf davon brachte sie selbst zur Welt: die älteren drei Jungs im Krankenhaus, die Zweitjüngste im Stuttgarter Geburtshaus und die Jüngste im Juni 2013 bei sich daheim. „Mit der Hebamme haben die Kinder den besten Start ins Leben. Gute Geburten brauchen Geborgenheit“, sagt die 39-Jährige. Ein vertrauter Mensch sei da wichtig. Auch beim Stillbeginn seien Hebammen oft wertvolle Hilfen.

Schon jetzt gibt es Engpässe in Ferienzeiten

Sorgen bereitet den Geburtshelferinnen die vorgeschriebene Haftpflichtversicherung. Nicht nur, dass sich deren Kosten in den vergangenen zehn Jahren etwa verzehnfacht hätten – auf rund 5000 Euro pro Jahr, wie der Deutsche Hebammenverband (DHV) beklagt. Jetzt habe die Nürnberger Versicherung verkündet, dass sie von Juli 2015 an aus dem bestehenden Versicherungskonsortium aussteigt. „Bis jetzt wissen wir nicht, wie die Hebammen dann überhaupt noch versichert werden können“, heißt es auf der Homepage des Verbandes. Derzeit gibt es noch etwa 21 000 Hebammen in Deutschland. Allein von 2008 bis 2010 hat laut DHV rund ein Viertel der Freiberuflerinnen die Geburtshilfe aufgegeben. Der Job werde unattraktiv, denn den hohen Versicherungskosten stehe ein Stundenlohn von im Schnitt rund 8 Euro gegenüber, sagt Hebamme Anna-Kathrin von Taboritzki aus Filderstadt. Schon jetzt fänden Mütter aus Stuttgart oder Umgebung in Ferienzeiten manchmal keine Geburtshelferin. Das Geburtshaus Mitte stehe vor der Schließung, weil Hebammen-nachwuchs fehle, sagt Bianca Stephan aus Böblingen. „In Schwäbisch Hall haben wir nur noch eine Hebamme für Hausgeburten“, berichtet Susanne Kischkat (42).

Taboritzki beklagt die Linie mancher Krankenhäuser: „Nur elf Prozent der Frauen brauchen wirklich einen Kaiserschnitt, die Rate in Kliniken liegt aber oft bei 30 bis 50 Prozent.“ Auf den Plakaten liest man immer wieder den Namen von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Die Regierung müsse mit einem Kostendeckel oder mit Zuschüssen dafür sorgen, dass die Haftpflicht für Hebammen finanzierbar bleibe, fordern mehrere. Anita Frank sagt: „Es muss dringend etwas passieren, sonst ist unser Berufsstand kaputt.“