Demo in Stuttgart Kundgebung statt Unterricht an privaten Schulen

Von Sascha Maier und  

11 000 Teilnehmer haben für mehr Landesmittel an nicht-staatlichen Bildungseinrichtungen protestiert. Zweifel bleiben, ob alle Teilnehmer komplett freiwillig dort waren.

11 000 Teilnehmer nahmen an der Kundgebung teil. Foto: Andreas Rosar Fotoagentur-Stuttg 8 Bilder
11 000 Teilnehmer nahmen an der Kundgebung teil. Foto: Andreas Rosar Fotoagentur-Stuttg

Stuttgart - Es scheint so, dass alle Teilnehmer der Kundgebung unter dem Motto „Freie Bildung unter freiem Himmel“ am Donnerstagmittag auf dem Schlossplatz auf diesen Satz gewartet haben: „Ich werde mich dafür einsetzen, dass eine 80-prozentige Förderung von Schulen mit freien Trägern ins Landesschulgesetz aufgenommen wird.“ Damit hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) unterstrichen, dass sie es ernst meint, die Lücke an Fördermitteln zwischen staatlichen und privaten Schulen in Baden-Württemberg zu verkleinern. Auch wenn das allen nicht-staatlichen Schulen zugute kommen sollte: Es gibt Lehrer und Schüler, die sich unter Druck gesetzt fühlten, an der Kundgebung teilzunehmen.

Denn nicht alle der laut Polizeiangaben 11 000 Teilnehmer waren nach eigenen Angaben vollkommen freiwillig dabei. So berichtet eine Schülerin des Evangelischen Mörikegymnasiums in Stuttgart, sie habe auf Nachfrage von ihrem Lehrer die Antwort bekommen: „Wir gehen da alle hin.“ Über alternative Betreuungsangebote im Schulhaus sei erst am Tag der Veranstaltung informiert worden, betonen Eltern. Und zwar nur per Lautsprecherdurchsage.

Reine Infoveranstaltung?

Die Kundgebung hatte die Schulleitung in einem Brief an die Eltern der Realschule und des Gymnasiums angekündigt. „Als Schule in freier Trägerschaft vor Ort werden wir uns mit allen Schülerinnen und Schülern beteiligen und zu dieser Veranstaltung als einem außerschulischen Lehrgang einladen“, schrieb die Schulleitung. Gegenüber kritischen Eltern soll die Direktorin Sonja Spohn betont haben, dass es sich dabei nicht um eine Demonstration, sondern lediglich um eine Kundgebung handele. Man gehe also nur hin, um sich zu informieren.

Christian Schad, der Schulleiter des Campus Waldorf Fellbach, sieht das etwas anders. Er ballt die Faust zu einer Jubelgeste, als hätte seine Lieblings-Fußballmannschaft ein Tor geschossen, sowie er Eisenmanns Worte vernommen hat. „Das ist ein bedeutender Tag. Dafür haben wir Jahrzehnte gekämpft“, sagt er. Bisher mussten die Landeszuschüsse für Privatschulen alle drei Jahre neu verhandelt werden. Mit der Änderung des Landesschulgesetzes, 80 Prozent der Bruttokosten pro Schüler ersetzt zu bekommen, wäre dies hinfällig.

Klassenzimmer selbst renovieren

Was abstrakt klingt, schlägt sich zum Beispiel an der Rudolf Steiner Schule in Nürtingen nieder, wenn man den Worten der Lehrerin Angelika Löffler Glauben schenkt. „Diese Zusagen auf Dauer sind vor allem dann wichtig, wenn es darum geht, neue Lehrer einzustellen“, sagt sie. Mit mangelnder Planungssicherheit sei das schwierig. Im Endeffekt verteile sich so viel Arbeit auf wenige Schultern.

Auch die Familien spürten das vermeintliche Defizit an finanziellen Förderungsmaßnahmen, berichtet Lea Rebmann, die die 10. Klasse der Rudolf Steiner Schule besucht: „Es macht sich bei uns in der Familie schon bemerkbar, dass der Elternbetrag höher ist als bei staatlichen Schulen und auch mehr Zeit meiner Eltern in die Schule investiert wird.“ Klassenzimmer müssten selbst renoviert, der Spielplatz der Schule selbst gebaut werden. Bei Festen müssten die Eltern regelmäßig mithelfen – in höherem Maße, als es an staatlichen Schulen üblich sei.

Eingeschränkte Angebote

Obwohl sie eine andere inhaltliche Ausrichtung hat als Waldorfschulen, hat auch die Mädchen- und Jungenrealschule St. Elisabeth in Friedrichshafen offenbar mit ähnlichen Problemen zu kaufen. Die Schule, deren Träger die Franziskaner-nahe Sießener Schulen gGmbh ist, hat ihre Angebote – etwa in AGs – stark einschränken müssen. Das erzählt Stefani Starzmann-Walter, Lehrerin an der Realschule St. Elisabeth. „Seit zwanzig Jahren bin ich hier und wir leisten gute Arbeit“, sagt sie. Worte wie die von Susanne Eisenmann seien längst überfällig.

Laut Kultusministerium fließen aktuell jährlich etwa 900 Millionen Euro in die Förderung von Privatschulen in Baden-Württemberg. 65 Millionen, versprach Eisenmann, sollen künftig hinzukommen. Wann ein Antrag der Änderung im Schulgesetz und die Bereitsstellung zusätzlicher Mittel für Privatschulen umgesetzt werden, darüber hat Eisenmann am Donnerstag nichts gesagt.

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