Krimikolumne

Denise Mina: „Die tote Stunde“ Kriminalistische Zeitreise in die 80er

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Erneut schickt die schottische Krimiautorin Denise Mina ihre Polizeireporterin Paddy Meehan auf einen Parforceritt durch die Glasgower Unterwelt – und die Leser auf eine Zeitreise in die britischen Schmuddelecken der 80er Jahre.

Hat mit der Polizeireporterin Paddy Meehan eine echt schräge, aber liebenswert-chaotische Figur erschaffen: Denise Mina. Foto: Neil Davidson
Hat mit der Polizeireporterin Paddy Meehan eine echt schräge, aber liebenswert-chaotische Figur erschaffen: Denise Mina. Foto: Neil Davidson

Glasgow - Als die junge Polizeireporterin Paddy Meehan während einer ihrer Nachtschichten von einem gut angezogenen Geschäftsmann fünfzig Pfund in die Hand gedrückt bekommt, damit eine offensichtlich misshandelte Frau in ihrem Bericht für die „Scottish Daily News“ nicht erwähnt wird, nimmt Meehan den dicken Schein zunächst an. Ihre Familie ist arm und arbeitslos, auch Meehan selbst kann jeden Penny gebrauchen. Doch am nächsten Tag stellt sich heraus, dass die Frau am Ende der Nacht bestialisch ermordet wurde. Die Polizeireporterin wird von ihrem schlechten Gewissen geplagt, und bald muss sie feststellen, dass sie abgesehen von zwei Polizisten die einzige Zeugin des Geschehens ist – und die Polizisten wollen plötzlich nichts mehr gesehen haben.

Erstmals erscheint Denise Minas vor zehn Jahren zum ersten Mal im englischen Original veröffentlichter Krimi „Die tote Stunde“ auf Deutsch. Darin wird ihre Protagonistin, die Polizeireporterin Paddy Meehan, in ihrer Heimatstadt Glasgow zum vierten Mal in einen Strudel aus Verbrechen und Gewalt gezogen. Und wie es sich gehört, schleppt Meehan nicht nur ein paar Pfunde zu viel unter ihrem grünen Second-Hand-Ledermantel herum, sondern auch einen Haufen persönlicher Probleme, die in erster Linie mit der Depression der britischen Arbeiterklasse in der Zeit des rigorosen Thatcherismus tief in den 80er Jahren zu tun haben. Meehan kämpft nicht nur mit einem vertrackten Fall, sondern auch mit ihren Komplexen und den Untiefen der ungerechten und bigotten Gesellschaft.

Wie ein Sozialdrama von Ken Loach

Vor allem das Kolorit des Jahrzehnts macht Minas Krimi lesenswert. Da wird in der Redaktion noch auf mechanischen Schreibmaschinen eingehämmert, in den Gängen lungern noch die Copy Boys herum, deren Aufgabe vor allem darin besteht, geschriebene Artikel von einem Teil der Redaktion in den anderen zu tragen, und die Reporter hängen nicht an ihren Handys, sondern an den Whiskygläsern im Pub nebenan.

Die guten alten Zeiten also? Von wegen! Denise Minas Glasgow ist fest im Würgegriff der klirrenden sozialen Kälte, die mit der britischen Premierministerin Margaret Thatcher durchs Land weht. Ganze Straßenzüge kommen herunter, Fabriken stehen leer, Armut und Arbeitlosigkeit drücken die Menschen in die Depression. Auch Meehans Zeitung kommt unter die Räder, Auflagen sinken und Verluste steigen, der Chefredakteur mit dem Herzen auf dem rechten Fleck wird ersetzt durch einen schnöseligen Karrierecholeriker aus London.

Wie es damals zuging in den Unterschichten der britischen Insel, beschreibt Mina farbig, anschaulich und intensiv. „Die tote Stunde“ liest sich wie ein Sozialdrama von Ken Loach. Für 80er-Nostalgiker mit sozialem Gewissen lohnt sich der Krimi also in jedem Fall. Da verzeiht man Mina auch die eine oder andere Stilblüte („Er seufzte wie ein aufgeplatzter Reifen, als sie ihn küsste und leckte.“).

Denise Mina: Die tote Stunde. Aus dem Englischen von Heike Schlatterer. Heyne Verlag München 2016. 444 Seiten. 9,99 Euro, auch als E-Book 8,99 Euro.