Die Gemeinde Denkendorf geht neue, zeitgemäße Wege des Gedenkens. Zusätzlich zur Kranzniederlegung gibt es zum zweiten Mal ein Friedenskonzert am Volkstrauertag.
Zuletzt war es nur noch eine Handvoll überwiegend betagter Menschen, die sich am Totensonntag zur traditionellen Kranzniederlegung am Mahnmal für die Toten der beiden Weltkriege an der Friedhofskapelle einfanden. Für den Denkendorfer Bürgermeister Ralf Barth Anlass, sich Gedanken über zeitgemäße Formen des Totengedenkens zu machen. „Wir brauchen ein anderes Format“, war er sich sicher.
Zumal immer weniger Menschen einen direkten Bezug zu den Auswirkungen der Weltkriege haben. „Dabei ist das Thema aktueller denn je“, meint Barth mit Blick auf den Krieg in der Ukraine oder die Diskussion über die Wiedereinführung der Wehrpflicht.
Denkendorfs Bürgermeister: Gedenken als Warnung verstehen
Als Bürgermeister sei es ihm wichtig, das Thema Gedenken hochzuhalten und mehr Menschen dafür zu gewinnen. Der 37-Jährige selbst hat aber auch einen ganz persönlichen Bezug zum Totengedenken. Als Mitglied einer Musikkapelle in seinem Heimatort sei die Gedenkveranstaltung am Volkstrauertag ein fester Termin im Kalender gewesen. „Und ich war ein politisch interessierter Jugendlicher.“ Zudem seien zwei Brüder seines Opas im Zweiten Weltkrieg umgekommen. „Ihre Bilder waren in unserer Familie immer präsent. All das hat mir vor Augen geführt, wer damals sein Leben gegeben hat.“ Barth selbst kann aber nachvollziehen, „dass dieses Thema viele in meiner Generation nicht interessiert, weil Krieg, Verlust, Trauer und Entbehrung einfach nicht mehr so im Bewusstsein sind“.
Für seine Generation sei nach so vielen Jahren des Friedens der Gedanke an Krieg oder der Notwendigkeit, sein Land zu verteidigen, abwegig. „Doch gerade, wenn man sich bewusst macht, was von Deutschland ausging, ist es unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass dies nie wieder geschieht.“ Deshalb könne Gedenken durchaus als Warnung dienen: „Es ist keine Selbstverständlichkeit, so wie es ist.“ Damit dieser Gedanke die Menschen aber in ihrer aktuellen Situation erreiche, müsse das Gedenken eine zeitgemäße Form haben.
Kollektives Erinnern durch Musik
Kollektives Erinnern funktioniere durch Gemeinschaft und vor allem gemeinschaftlich erlebte Emotionen, ist Barth überzeugt. „Musik ist solch ein Mittel, um Emotionen zu transportieren.“ Gemeinsam mit den Pfarrern der evangelischen und der katholischen Kirchengemeinde wurde so die Idee eines Friedenskonzerts mit örtlichen Chören in der Klosterkirche geboren, das alle zwei Jahre am Volkstrauertag stattfindet und die jährliche „stille Kranzniederlegung“ auf dem Friedhof ergänzt.
Weil nicht nur leise, sondern durchaus lauthals gedacht werden soll, lautet das Motto des Konzerts: „Gedenken aus voller Kehle und mit ganz viel Herz“. Bei den Denkendorfer Chören fiel das Konzept auf fruchtbaren Boden. 2023 fand das Friedenskonzert zum ersten Mal statt. „Es war ein richtiger Gänsehautmoment, als in der voll besetzten Klosterkirche 500 Menschen ‚Von guten Mächten‘ sangen“, erinnert sich der Bürgermeister.
Das Gedenk-Programm in Denkendorf
Vier Chöre gestalten auch in diesem Jahr wieder das Programm am 16. November um 17.30 Uhr in der Klosterkirche: Der Chor „Stimmgabel“ vom Liederkranz Eintracht Denkendorf, der Evangelische Kirchenchor, der Chor „ConCanto“ und der „Ukraine-Chor des Montags-Cafés“. Die Besucherinnen und Besucher sind zum Mitsingen eingeladen. Zu den musikalischen Beiträgen gibt es einen christlichen und einen politischen Impuls von Pfarrer i.R. Hans-Peter Ziehmann und Bürgermeister Ralf Barth.
Ziel von Erinnerungskultur ist es, Identität zu stiften. Doch dies gelinge nur, wenn sie helfe, gemeinsame Werte und Erfahrungen zu verstehen. „Durch das bewusste Erinnern etwa an historische Ereignisse, Opfer und Widerstand entsteht ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Verantwortung“, ist Barth überzeugt. „So kann die Vergangenheit hoffentlich Orientierung für eine gemeinsame, wertebasierte Zukunft geben.“ Mit dem Friedenskonzert will Denkendorf ein neues Kapitel der Erinnerungskultur aufschlagen.
Doch auch traditionelle Formen hätten in Denkendorf noch ihren Platz, so Barth: An staatlichen Gedenktagen werde im öffentlichen Raum beflaggt und in den Vereinen werde die Totenehrung als Zeichen der Wertschätzung aufrechterhalten.
Den Toten gedenken
Volkstrauertag
Der staatliche Gedenktag, der in diesem Jahr auf den 16. November fällt, erinnert an die Opfer von Krieg, Gewalt und Terror und wird zwei Sonntage vor dem ersten Advent begangen. Das Gedenken findet traditionell hauptsächlich auf Friedhöfen oder an Kriegerdenkmalen statt.
Totensonntag
Der Totensonntag oder Ewigkeitssonntag ist in der evangelischen Kirche ein Gedenktag für die Verstorbenen. Er ist der letzte Sonntag im Kirchenjahr vor dem ersten Advent. In der katholischen Kirche wird der Verstorbenen an Allerseelen, dem Tag nach Allerheiligen am 1. November gedacht.
Friedenskonzert
Das Konzert mit vier Chören findet am Volkstrauertag, 16. November, um 17.30 Uhr in der Denkendorfer Klosterkirche statt. Der Eintritt ist frei.