Denkendorfer Klosterschulen Wo Hölderlin die Schulbank drückte
Reinhard Mauz ist der Geschichte der beiden Denkendorfer Klosterschulen nachgegangen und hat die Verbindungen zwischen Dorf und Kloster untersucht. Und er räumt mit mancher Mär auf.
Reinhard Mauz ist der Geschichte der beiden Denkendorfer Klosterschulen nachgegangen und hat die Verbindungen zwischen Dorf und Kloster untersucht. Und er räumt mit mancher Mär auf.
Denkendorf schmückt sich gerne mit später berühmten Klosterschülern wie Friedrich Hölderlin und Karl Friedrich Reinhard oder dem bedeutenden Theologen Johann Albrecht Bengel. Doch Geschichten von Schülern, die im örtlichen Wirtshaus zechen, sind vermutlich frei erfunden. Die Klosterschule und das Dorf waren zwei Welten, die kaum Berührungspunkte hatten. Das legt Reinhard Mauz in seinem Buch „Die Klosterschulen in Denkendorf“ dar, für das er in Archiven, Kirchenbüchern und Datenbanken recherchiert hat.
Nach der Reformation suchte man in Württemberg nach einer adäquaten Verwendung der nicht mehr benötigten Klostergebäude. Es entstanden „niedere“ Klosterschulen wie Denkendorf und Blaubeuren und „höhere“ Klosterschulen wie Maulbronn und Bebenhausen, die vor allem der Ausbildung des dringend benötigten evangelischen Pfarrernachwuchses dienten. Denn die Klosterschüler (Alumnen) sollten nach dem Abschluss im Tübinger Stift Theologie studieren. Die Kosten für die Ausbildung trug der Herzog. Die Eltern der Schüler waren fast ausschließlich Pfarrer oder Beamte.
In Denkendorf entstand 1553 die erste Klosterschule in Württemberg; sie war quasi eine Musteranstalt, der die anderen insgesamt 13 Klosterschulen folgten. Die zweite Denkendorfer Klosterschule bestand zwischen 1713 und 1810. Prägend für die erste Schule, die bis 1584 existierte, war Bartholomäus Kaes, der erste evangelische Propst des Klosters. Unter ihm bekamen auch einige begabte Kinder aus dem Ort eine Chance, über die Klosterschule in den Pfarrberuf aufzusteigen. Dagegen war unter den Schülern der zweiten Klosterschule wohl kein Kind aus Denkendorf. „Die Bedeutung der Herkunft nahm im Laufe des 18. Jahrhunderts weiter zu“, erklärt der Denkendorfer Pfarrer und Kirchenhistoriker Rolf Noormann im Vorwort zu Mauz’ Buch.
Die Schüler blieben zwei bis drei Jahre in Denkendorf und wechselten dann nach Maulbronn. Die religiös fundierte und leistungsorientierte Ausbildung sei zweifellos erfolgreich gewesen, sagt Manfred Waßner, der Leiter des Kreisarchivs Esslingen. Dass einige Schüler unter der strengen Erziehung litten, verwundert nicht. Sie standen Tag und Nacht unter der Aufsicht streng religiöser Lehrer und mussten sieben Tage in der Woche Kirchen- und Schulübungen absolvieren, erläutert Mauz. Freizeit gab es kaum, das Klostergelände durften sie nicht verlassen. Dass den Jugendlichen dies nicht sonderlich zusagte, ist verständlich. In den Carentenbüchern sind die Vergehen und Strafen – etwa Entzug des Tischweins oder Karzer – festgehalten. So wurde Hölderlin bestraft, weil er sich im Chor der Klosterkirche herumtrieb. In örtlichen Wirtshäusern übrigens hätten die Alumnen nicht zechen können, sagt Mauz: „Der Wirt wäre sofort vors Dorfgericht gestellt worden.“
Auch wenn die Klosterschüler über ihre Situation schimpften, waren sie privilegiert gegenüber den Dorfschülern. Das zeigt der Bericht einer Visitation der Dorfschule von 1785. Während im Kloster rund 25 Schüler von zwei Lehrern und dem Prälaten unterrichtet wurden, hatte der Dorfschullehrer zusammen mit einem Hilfslehrer 160 bis 170 Schüler aller Altersstufen. Die Stipendiaten wurden mit allem versorgt, die Eltern der Dorfschüler dagegen mussten nicht nur Schulgeld zahlen, sondern auch für Papier und Tinte sorgen. Zudem mussten die Dorfkinder Feldarbeit erledigen, während den Alumnen Bedienstete zur Hand gingen.
Nicht nur die Lebensumstände lagen meilenweit auseinander. Eine Verbindung zum Ort war vom Kloster nicht gewünscht. Den Klosterschülern war der Umgang mit der Dorfbevölkerung bei Strafe verboten, schreibt Mauz. Und auch Bengel hatte kaum Bezug zum Ort. Ab und zu predigten Theologen der Klosterschule vor der Dorfbevölkerung. „Doch den Pietismus hat er in Denkendorf sicher nicht eingeführt“, betont Mauz.
Das Dorf profitierte also kaum von der Klosterschule. Auch die meisten Beschäftigten kamen von außerhalb und verließen den Ort wieder, als die Klosterschule 1810 aufgelöst wurde. Dies sei nicht aus herzoglicher Willkür geschehen, betont Mauz. „Die Denkendorfer haben sich überhaupt nicht um einen Weiterbetrieb bemüht, und so wurde alles ins Kloster Schöntal verlegt.“
Bezeichnend ist laut Mauz, dass die beiden berühmtesten Stipendiaten – Friedrich Hölderlin und Karl Friedrich Reinhard – sich dem Pfarrerberuf verweigerten. Hölderlin widmete sich der Literatur, Reinhard machte in Frankreich Karriere im diplomatischen Dienst. Die meisten Absolventen schafften jedoch den Schritt in die höchste soziale Schicht des Staates und wurden Pfarrer, Prälaten oder hohe Beamte.
Während Mauz mangels Schülerverzeichnissen nur 16 Alumnen der ersten Klosterschule ermitteln konnte, sind die Schüler der 46 Jahrgänge der zweiten Klosterschule lückenlos erfasst. Auch wenn mancher sich später einen Namen machte: „Die Klosterschüler haben in Denkendorf nichts Bleibendes geschaffen oder hinterlassen“, lautet Mauz’ Fazit. „Wie hätten sie auch, waren sie doch 13- bis 15-jährige Jugendliche.“
Johann Albrecht Bengel
Der Theologe wurde 1687 in Winnenden geboren. Er gilt als der wichtigste württembergische Pietist des 18. Jahrhunderts. 1713 wurde er Lehrer an der neu eingerichteten zweiten Denkendorfer Klosterschule. Dort hatte er 28 Jahre lang prägenden Einfluss auf die Schüler. Er wurde zum Begründer der Textkritik der Bibel. Außerdem errechnete er die Wiederkunft Christi für den 18. Juni 1836. In Denkendorf erinnern eine Steintafel an der Klosterkirche und ein Porträt an ihn.
Klosterschulen
Nach der Reformation wurden 13 ehemalige Klöster für die Ausbildung des Pfarrernachwuchses in evangelische Klosterschulen umgewandelt. Darunter waren neben Denkendorf Bebenhausen, Maulbronn, Blaubeuren, Lorch und Hirsau. Sie waren in niedere und höhere Klosterschulen gegliedert. Später hinzu kamen Schöntal (1810) und Urach (1818). Bis heute erhalten sind die evangelischen Seminare Maulbronn und Blaubeuren.
Buch
Reinhard Mauz, „Die Klosterschulen in Denkendorf“, Cardamina-Verlag, 2022, 39 Euro.