Für Anja Peck (v. l.) , Mathias Allgäuer und der Historiker Christoph Morrissey ist der Schönbuch ein Freiluft-Archiv. Foto: Eibner/Michael Memmler
Der Historiker Christoph Morrissey kartografiert im Auftrag der Naturparkverwaltung die Kleindenkmäler im Schönbuch. Eine Sisyphos-Arbeit – denn er entdeckt immer wieder neue. Die Denkmäler erzählen von Handel, Wandel und von mancher schaurigen Geschichte.
Der Schönbuch – für die einen ein Wirtschaftsraum, für andere eine Sportarena, für dritte ein Ort der seelischen Gesundung. Und für die Naturparkverwaltung Schönbuch? Zur Zeit ein archäologisches Archiv, in dem die Kulturgeschichte Mitteleuropas abgebildet ist. Dieses Archiv lernt die Naturparkverwaltung gerade zu lesen.
Für den 16-Jährigen Forstgehilfen Wilhelm Pfeiffer war der Schönbuch der Ort, wo sich sein Schicksal erfüllen sollte, am 26. Februar 1822 fand man ihn erschlagen in einem Dickicht liegend. Seine Vorgesetzten hatten ihm noch abgeraten, alleine in den Wald zu gehen, zu unsicher waren die Zeiten nach den Napoleonischen Kriegen.
Das Sandsteinkreuz erinnert an den feigen Mord im Februar 1822. Foto: Michael Memmler
Bis heute erinnert ein Sandsteinkreuz an den feigen Mord. Es liegt unweit vom Wanderparkplatz Pfeifferstein an einem grob geschotterten Waldweg, der an diesem Tag im Vorfrühling kaum zu erkennen ist. Eine alte Eiche erhebt sich einen Meter von dem Kreuz, dessen Sandsteinbalken hell glitzern.
Ein bis zwei Jahre Arbeit
Das im Wald versteckte Kreuz illustriert das neue Projekt der Naturparkverwaltung Schönbuch. Ein bis zwei Jahre lang sollen die Klein- und Kulturdenkmäler im Schönbuch kartografiert werden. Seit ein bis zwei Jahren sitzt also der Historiker und Archäologe Christoph Morrissey am Projekt, mit dem ihn Anja Peck, die Vorsitzende des Naturparks Schönbuch und Mathias Allgäuer, der Geschäftsführer des Naturparks beauftragt haben.
Wobei das Verb „sitzt“ nicht immer ganz richtig ist. Es müsste eher heißen, seit ein bis zwei Jahren durchstreift Christoph Morrissey den Schönbuch, um die bekannten Kulturdenkmäler zu kartografieren. Dabei musste er zunächst acht Datenbanken der verschiedenen Waldbesitzer in eine zusammenfassen. Dann suchte er die Denkmäler auf, um sie bis auf fünf Meter genau einmessen. Das Ziel war, Forstarbeitern eine Hilfe an die Hand zu geben, worauf sie bei den Waldarbeiten Rücksicht nehmen müssen, um nicht unabsichtlich einen Grabhügel oder einen alten Grenzgraben zu zerstören.
Was jetzt schon dabei herauskam, war nichts weniger als eine Entdeckungstour in die Vergangenheit des Schönbuchs. Als Christoph Morrissey zu den 200 bekannten Kleindenkmälern aufbrach, entdeckte er mindestens rund 200 weitere bislang unbekannte Kleindenkmäler. Vor allem keltische Grabhügel, keltische Viereckschanzen, Brücken, Brunnen, aufgefächerte alte Hohlwege, historische Entwässerungsgräben, Grenzgräben, Tongruben und historische Steinbrüche. Sogar weggeworfene Mühlsteine fand er zwischen den Bäumen des Schönbuchs. Und die Arbeit ist lange noch nicht abgeschlossen.
„Der Schönbuch war früher eine Kulturlandschaft, die man sich heute kaum mehr vorstellen kann“, sagt Anja Peck. Er war früher kein zusammenhängender Wald mit Unterholz, sondern eher eine Parklandschaft mit einzeln stehenden Bäumen. Etwa 15 000 Tiere wurden in jener Zeit im Wald geweidet, es wurde gejagt, gefischt und Holz geschlagen.
„20 Kilometer durch den Wald laufen“
Es gab aber noch einen weiteren Anlass zu dem Treffen am Gedächtniskreuz des unglücklichen Forstgehilfen. Denn die Naturparkverwaltung Schönbuch wollte bei dem Termin auch auf ihren Dachverband hinweisen, der Arbeitsgemeinschaft Naturparke. Dieser Verband bündelt die sieben Naturparks in Baden-Württemberg, die zusammen immerhin 36 Prozent der Fläche des Bundeslandes ausmachen. Darin hat der Schönbuch zwar nur einen vergleichsweisen kleinen Anteil neben den mächtigen Flächen von Nord- und Südschwarzwald, aber er gilt doch auch als die größte zusammenhängende Waldfläche in Süddeutschland. „Wo sonst kann man 20 Kilometer durch den Wald laufen, ohne auf eine Straße zu treffen“, sagt Anja Peck.
Die Naturparkverwaltung Schönbuch versteht sich auch als Organisation, die Fördermittel in die Region holt, einer Region, die vielfältig vom Naturpark profitiert. Da gibt es zum Beispiel die Demenzbotschafter, die versuchen, alten Menschen ein paar Erholungsstunden im Wald zu verschaffen, nicht zu vergessen die vielen Naturparkschulen, die ihren Lehrinhalt auf den Naturpark abgestimmt haben. Gerade macht sich die Schönbuchschule Hildrizhausen auf den Weg, das begehrte Zertifikat zu erlangen.
In den Naturparkschulen geht es nicht nur um Biologie und um das Zusammenleben der Arten, sondern auch um den aktiven Naturschutz, wie den Vogelschutz oder Hilfe für Insekten. Man kann auch Mathematik unter den grünen Kronen des Schönbuch treiben, Entfernungen messen und Geschichte treiben natürlich sowieso.
Beide Augen ausgestochen
Bis heute weiß man nicht, was am 26. Februar 1822 passiert ist. Vermutlich hatte der Gehilfe Wilhelm Pfeiffer Holzdiebe erwischt. Das Kloster Bebenhausen war aufgelöst worden, die alten verbrieften Rechte der Dörfer, die im Wald Holz schlagen oder ihre Tiere weiden lassen durften, hatte der württembergische König kassiert. Die Dörfler kümmerte das wenig. Doch standen auf Wilderei oder Waldfrevel seit je her drakonische Strafen, der Historiker Christoph Morrissey, berichtet von einer Quelle aus dem 16. Jahrhundert, nach der solchen Übeltätern zur Strafe beide Augen ausgestochen wurden.
Auch in jenen Zeiten hatten Holzdiebe nichts zu verlieren. Also galt es, den unliebsamen Zeugen zu beseitigen. Die Waffe, mit der Wilhelm Pfeiffer von hinten erschlagen wurde, war eine so genannte Pfahlhaue, ein Reisigbeil mit langer nach innen geschwungener Schneide. Die Suchtrupps fanden die Leiche in einem Dickicht versteckt, der Jugendliche erhielt ein Ehrengrab im Bebenhäuser Kloster, der oder die Täter wurden nie gefunden.
Ein Schicksal in bewegten Zeiten
Man kann das steinerne Kreuz, das an den unglücklichen Forstgehilfen Wilhelm Pfeiffer erinnert, nicht nur als Dokument eines einzelnen Schicksals begreifen, sondern auch als ein Ausdruck eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels. Als mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation verbriefte Rechte, die mehr als 1000 Jahre gegolten hatten, aufgelöst wurden und die deutsche Kleinstaaterei begann, die wiederum den Aufstieg der Großmächte Preußen und Österreich begünstigte.
Nur der Wald kann noch diese Geschichte archäologisch erzählen, denn auf den intensiv genutzten Ackerflächen außerhalb der Naturparks werden die historischen Spuren von den schweren Landmaschinen weggewischt. Und auch die Erinnerung an Wilhelm Pfeiffer wäre dort wohl für immer verschwunden.