Denkmalpfleger berichten über Grabungen Städtischer Lebensstil im Dorf Beutelsbach

Von Luitgard Schaber 

Die archäologischen Rettungsgrabungen auf dem Areal des Bücherei-Neubaus in der Ortsmitte des Weinstädter Teilorts Beutelsbach sind abgeschlossen und haben Interessantes zu Tage gebracht. Doch die Arbeiten auf dem Areal verzögern sich, denn die Baufirma ist insolvent.

Die Denkmalpfleger haben ihre Arbeit getan. Nun klafft in Beutelsbach dort, wo die Bücherei entstehen soll, eine große Lücke. Wann der Bau beginnt, ist fraglich. Foto: Stoppel
Die Denkmalpfleger haben ihre Arbeit getan. Nun klafft in Beutelsbach dort, wo die Bücherei entstehen soll, eine große Lücke. Wann der Bau beginnt, ist fraglich. Foto: Stoppel

Weinstadt - Die Rettungsgrabungen in der Beutelsbacher Ortsmitte sind abgeschlossen. Für die Fachleute des Landesamts für Denkmalpflege am Regierungspräsidium Stuttgart haben sie Unerwartetes zu Tage gebracht. Der Anlass für die Grabungen war, dass die Stadt auf dem Gelände den Bau eines Wohn- und Geschäftsgebäude mit Tiefgarage plant, in dem auch die Stadtbücherei ein neues Domizil im Erdgeschoss finden soll. Zwar ist die Auswertung des Fundmaterials noch nicht ganz abgeschlossen. Aber Aline Kottmann, die Gebietsreferentin für archäologische Denkmalpflege, weiß dennoch bereits Interessantes zu berichten.

So habe man einige Siedlungsstrukturen gefunden, die bis ins späte Mittelalter zurückreichen, geschätzt bis ins 14. Jahrhundert. Das Ungewöhnliche an ihnen: „Obwohl sie am Dorfrand liegen, haben sie trotzdem eine Steingründung.“ Eine solche Bauweise sei sonst eher stadttypisch. Allerdings sei im Falle von Beutelsbach wohl der hohe Grundwasserspiegel und der sehr matschige und wenig tragfähige Untergrund durch die Lage im Schwemmland Grund hierfür. In einem Fall sei gar eine Holzkonstruktion mit einem Steinsockel nachträglich unterfangen worden.

Gläserne Pilgerflasche als Fundstück

Doch das Gelände in Beutelsbach hielt noch mehr Überraschungen für die Fachleute bereit. „Wir haben steinerne Entwässerungen beziehungsweise Drainageleitungen entdeckt, die sich von dem Areal zum Flusslauf ziehen. In einem Fall war die Leitung sogar direkt an das Fundament eines Hauses angeschlossen“, berichtet Kottmann. Derartiges kenne sie sonst nur von Funden aus dem 17. und 18. Jahrhundert in Isny oder Heilbronn. Zudem sei man in den Latrinen auf ein kostbares Fundstück gestoßen: eine gläserne Pilgerflasche. „Die Flasche spricht ebenfalls für einen gehobenen Lebensstil in Beutelsbach“ – ebenso die Tatsache, dass es überhaupt Latrinen gab. „Das ist eher typisch für einen städtischen Kontext.“ Ein Stadtrecht habe Beutelsbach zu dieser Zeit indes noch nicht gehabt, aber immerhin schon Marktrecht.

Außerdem stieß man auf Brunnen, Sickergruben sowie diverse Keramikscherben, Metall- und Glasfragmente, die nun ausgewertet werden. Dabei könnten sich eventuell auch noch interessante Erkenntnisse ergeben. Schließlich fanden sich bereits bei ersten Sondagen vorab der Ausgrabung Fragmente so genannter Rotbemalter Feinware aus Buoch, die vor 1190 datieren und damit laut Kottmann aus einer Zeit stammen, aus der es nur marginale schriftliche Überlieferungen gibt. Gemeinsam mit dem Stadtarchivar Bernd Breyvogel plant Kottmann für den Sommer eine Ausstellung der Funde im Beutelsbacher Württemberg-Haus.

Rutschungen im Bereich einer Schmiede

Keine weiteren Nachforschungen konnten die Fachleute in einem Keller aus dem Jahr 1691 anstellen, in dem sie bei den Sondagen die Feuerstelle einer Schmiede entdeckt hatten. Denn das Abbruchunternehmen, das einen danebenliegenden Keller ausheben sollte, sei etwas überfleißig gewesen und habe diesen komplett mit allen seitlichen Mauern ausgehoben, erklärt Kottmann.

Dadurch habe man wegen nachrutschendem Material aus Sicherheitsgründen den Bereich der Schmiede nicht mehr weiter öffnen können. Aufgrund der vorangegangenen Sondage sei dadurch aber nichts verloren gegangen. Nach den Rettungsgrabungen könnte nun eigentlich mit dem Bau des Wohn- und Geschäftshauses begonnen werden. Im Februar hätte es losgehen sollen, sodass das Gebäude im Oktober 2021 hätte fertig gestellt werden können, wie der Pressesprecher der Stadt, Holger Niederberger, auf Nachfrage zum Zeitplan mitteilt.

Firma Realgrund stellt Insolvenzantrag

Damit wäre der Neubau gerade noch rechtzeitig bezugsfertig gewesen. Denn den Mietvertrag für die bisherigen Büchereiräume hat die Stadt bereits gekündigt. Zum 31. Oktober 2021 muss die städtische Einrichtung aus den jetzigen Räumen raus. Doch jetzt gibt es ein unerwartetes Problem: Die Baufirma, an welche die Stadt das Grundstück für den Neubau verkauft hat, ist insolvent. Vor dem Amtsgericht Ulm habe die Realgrund einen entsprechenden Antrag gestellt, erläutert Niederberger die neueste Entwicklung: „Die Ursache der Zahlungsschwierigkeiten ist offensichtlich ein Großprojekt in Neu-Ulm, welches nicht wirtschaftlich abgewickelt werden kann.“ Wie die Firma gegenüber der Stadt mitgeteilt habe, sei das Projekt in Beutelsbach jedoch wirtschaftlich und solle voraussichtlich gebaut werden. „Die Stadt prüft aktuell mit einem Rechtsanwalt die Situation und einen raschen eigenen Handlungsbedarf.“