Denkmalschutz in Baden-Württemberg Weinberge, Bleikristallgläser und Betonbrutalismus

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Ein neues Buch stellt 60 Kulturdenkmale im Südwesten vor, die jüngst saniert oder unter Schutz gestellt wurden – viele sind überraschend.

Das Katholische Gemeindezentrum St. Josef in Stuttgart-Heslach aus dem Jahr 1975 steht seit kurzer Zeit unter Denkmalschutz – es wird ebenfalls im Buch vorgestellt. Foto: LAD, I. Geiger-Messner
Das Katholische Gemeindezentrum St. Josef in Stuttgart-Heslach aus dem Jahr 1975 steht seit kurzer Zeit unter Denkmalschutz – es wird ebenfalls im Buch vorgestellt. Foto: LAD, I. Geiger-Messner

Stuttgart - Denkmalschützer haben’s auch nicht leicht: Immer wieder geraten sie in die Kritik, wenn ein altes Haus jahrzehntelang leersteht und nichts geschieht, wenn ein Eigentümer illegal umbaut und doch nur eine geringe Strafe erhält oder wenn das Denkmalamt stur auf die Erhaltung der Bausubstanz pocht und damit gute Nutzungsideen verhindert. „Wenn ein empörter Bürgermeister anruft, wird es gleich politisch“, sagte Landeskonservatorin Ulrike Plate jetzt in der Zehntscheuer von Ammerbuch-Entringen (Kreis Tübingen): „Aber der Bürgermeister vergisst, dass er 30 weitere unproblematische Kulturdenkmale im Ort hat.“

96 000 Denkmäler gibt es in Baden-Württemberg, jeder Denkmalpfleger hat jedes Jahr mit mehreren hundert Objekten zu tun – nur bei ganz wenigen, so die Botschaft des Landesamts für Denkmalpflege, gebe es Knatsch. Die Zehntscheuer in Entringen etwa ist ein Paradebeispiel: Ein Verein aktivierte hunderte von Bürgern zu Arbeitseinsätzen, ein denkmalerfahrener Architekt sorgte für einen behutsamen Umbau, alle Konflikte wurden im Konsens mit der Denkmalpflegerin Anne-Christin Schöne gelöst. Heute betreibt der Verein das Bürgerhaus in der Ortsmitte, das kulturelle Leben ist aufgeblüht, und die Renovierung hat weitere Verschönerungen im Umfeld ausgelöst.

Immer mehr Kulturdenkmale aus den 1970er Jahren

So war es nur konsequent, die Vorstellung des Buches „Forschen und Erhalten“ in die Entringer Zehntscheuer zu legen. Denn in diesem erstmals erschienenen Jahresbericht der Bau- und Kunstdenkmalpflege gehen Claus Wolf, der Präsident des Landesamts für Denkmalpflege, und seine Mitarbeiter in die Offensive: Sie wollen zeigen, wie reichhaltig die Aufgaben der Denkmalpfleger sind, wie groß die Zahl der geglückten Projekte ist und wie vielfältig sich die Denkmallandschaft im Südwesten darstellt. Diese neue Reihe ist seit Jahrzehnten überfällig: Denn die Archäologie, der zweite große Aufgabenbereich der Denkmalbehörde, gibt schon seit 1978 einen Jahresbericht ihrer Ausgrabungen heraus.

Mehr als 60 Objekte und Projekte werden in dem neuen Band vorgestellt. Sie reichen von den Terrassenweinbergen an Neckar und Enz bis zum „sensiblen Betonbrutalismus“ des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, von Bleikristallgläsern im Warenarchiv der WMF in Geislingen bis zu einer der ersten Ökosiedlungen in Tübingen aus dem Jahr 1984. Daneben werden neue Methoden vorgestellt. Von den Pumpen und Getrieben des historischen Wasserwerkes im Schlossgarten Schwetzingen aus dem Jahr 1765 wurden digitale dreidimensionale Modelle angefertigt, um ihre Wirkweise besser verstehen zu können. Und im Heilig-Kreuz-Münster in Rottweil hat man ein neues „Niederdruck-Strahlverfahren mit Latexgranulat“ angewandt, um den Schmutz an den Wänden schonend zu entfernen. Auch große Projekte werden präsentiert: Aus 1000 geprüften Kirchen der 1960er und 1970er Jahre werden jetzt 150 unter Schutz gestellt, in Oberschwaben hat man 160 Landgasthöfe untersucht. Trotz einer sinkenden Zahl von Mitarbeitern leistet das Landesamt für Denkmalpflege also Erhebliches.

Der erste Jahresbericht ist auch optisch sehr gelungen. Nur die Leserführung könnte noch verbessert werden: Die schmissigen Überschriften im Inhaltsverzeichnis verraten meistens gar nicht, um was es geht; und die Übersichtskarte ist mit Objektziffern versehen, die im Buch dann gar nicht mehr auftauchen.