Was müsste sich in Stuttgart verändern, damit der Denkmalschutz mehr Gewicht erhält und der letzte Rest des alten Stuttgarts bewahrt werden kann? Eine kritische Betrachtung von StZ-Redakteur Thomas Faltin.

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)

Stuttgart - Ein bisschen windschief steht es da, mit seinen kleinen Fenstern, den weißen Gefachen und den beinahe blutroten Balken: Das „Klösterle“ in Bad Cannstatt ist im Jahr 1463 gebaut worden, und gilt damit als das älteste Wohnhaus ganz Stuttgarts. Wer die krummen Stiegen in die Kapelle hinaufgeht, kann sich leicht vorstellen, wie sich die Frauen des Beginenordens dort abends unter dem spätgotischen Kreuzrippengewölbe trafen und vor dem Schlafengehen ein Gebet sprachen.

Die meisten Menschen empfinden solche Häuser schlicht als schön, obwohl auch das Klösterle lange Zeit vor sich hin gerottet hatte, als „altes Glomp“ verschrien war und ihm Anfang der 1980er Jahre der Abbruch drohte. Aber woher kommt eigentlich diese emotionale Verbundenheit zu solchen Häusern? Wilfried Lipp, der österreichische Denkmal-Philosoph, hat einmal von den „versteckten Sehnsüchten“ des Menschen gesprochen, die sich in diesen Gebäuden kristallisieren.

Tatsächlich geben sie eine Ahnung davon, wie die Menschen früher gelebt haben, und verleihen dem Leben damit Tiefe und Weite – man fühlt sich eher zugehörig zum großen Strom der Geschichte, der vor uns war und nach uns sein wird. Ein Regisseur düsterer Science-Fiction-Filme, der von der Anonymität und Einsamkeit künftiger Megastädte erzählen will, käme nie auf den Gedanken, ein Fachwerkhaus in seine Superpolis-Zuchthausarchitektur zu stellen.

Eine Wende ist dringend notwendig

In den Schweizer Leitsätzen zur Denkmalpflege lautet der erste Satz: „Der Mensch hat ein Grundbedürfnis nach Erinnerung. Sie stützt sich wesentlich auf Orte und Objekte.“ In diesen Worten liegt ein Verständnis dafür, dass am Anfang eines neuen Umgangs mit Kulturdenkmälern ein neues Bewusstsein stehen muss. Eine solche Wende ist auch in Stuttgart dringend notwendig, denn noch immer werden viel zu viele alte Gebäude abgerissen. Doch was genau müsste sich ändern?

Natürlich würde jeder unterschreiben, dass man alte Häuser im Prinzip erhält; jeder Politiker und jeder Investor würde sich in Fensterreden dafür aus demselben lehnen. Doch wenn es zum Schwur kommt, erhalten oft wirtschaftliche, städtebauliche oder ästhetische Argumente die Oberhand – das Haus wird als störend deklariert und abgerissen. Neues Bewusstsein heißt: man muss die Bedürfnisse der Menschen nach Erinnerung ernst nehmen, ihnen einen Wert an sich beimessen – und nicht beim ersten Problemchen aufgeben.

Egoistische Marktbedingungen

Dazu gehört, dass die zu erwartende Rendite für ein Grundstück nicht das alleinige Kriterium sein darf bei der Entscheidung, ob ein Haus erhalten bleibt oder weg muss. Durchaus könnte die Stadt einem Investor vorschreiben, dass ein Neubau nicht mehr Geschossfläche haben darf als das bestehende alte Gebäude – plötzlich wäre eine Sanierung wieder interessant. Und noch häufiger als heute müsste die Stadt sich ein Vorkaufsrecht sichern, um einen Zugriff zu haben für den Fall der Fälle. Solche Forderungen sind mit den üblichen Marktmechanismen nicht zu vereinbaren und hören sich deshalb vielleicht weltfremd an – aber genau das ist oft wichtig, wenn man alte Häuser retten will: Man muss sie den egoistischen Bedingungen des Marktes entziehen.

Die Häuser sollen nicht unter eine Käseglocke

Zu einem neuen Bewusstsein gehört auch, dass die Stadtverwaltung und der Gemeinderat sich zuerst einmal klar darüber werden, welche Häuser sie schützen wollen über die reine Denkmalliste hinaus. Es wäre deshalb wünschenswert, alle denkmalgeschützten Häuser – und alle, die aus Gründen des Stadtbildes erhalten bleiben sollten – einer Prüfung zu unterziehen. Bislang weiß die Stadt nur ansatzweise, in welchem Zustand die denkmalgeschützten Häuser sind und welche Perspektiven es für sie gibt. Mit einer grundlegenden Prüfung könnte man zum Beispiel Unternehmen bedienen, die einen besonderen Ort für ihren Firmensitz suchen. Und es wäre leichter, Nutzungskonzepte für die betagten Bauten zu entwickeln.

Denn daran krankt es häufig: Politiker, Investoren und Behörden wissen nicht so recht, was man in den Häusern mit ihren unzeitgemäßen Grundrissen unterbringen könnte; man kann nicht überall ein Kulturzentrum einrichten. Gerade dies aber ist von zentraler Bedeutung: die Häuser sollen nicht unter eine Käseglocke, sondern sie müssen Teil einer lebendigen Stadt werden. Im Leonhardsviertel zum Beispiel wäre es denkbar, ein Quartier für Künstler und Kreative zu entwickeln, oder einfach das Wohnen im Altbau wieder zu stärken. Stattdessen zieht in fast jede frei werdende Wohnung des Viertels ein Bordell ein.

Mit 100 voller Denkmal-Charme

Weiter darf die Stadt den Denkmalschutz nicht nur als Last begreifen, sondern sollte erkennen, welche immensen Chancen auch wirtschaftlicher Natur ein attraktives Stadtbild eröffnet. Es zieht Touristen an, es macht es begehrten Fachkräften leichter, sich für Stuttgart statt für Berlin zu entscheiden, und es erhöht die Lebensqualität der Stuttgarter ungemein. Man denke nur an das heimelige Quartier um den Hans-im-Glück-Brunnen, das mit seinen Fassaden und Kneipen einen Glücksfall für Stuttgart darstellt. Der Platz zeigt nebenbei, dass man nicht einer Mittelaltertümelei das Wort reden muss: Das Viertel ist trotz seines jugendlichen Alters von 100 Jahren voller Denkmal-Charme.

Ein neues Bewusstsein zu leben bedeutet auch, dass die Denkmalbehörde mehr Personal einstellen muss, um endlich jenseits der Routinetätigkeiten mehr kreative Impulse geben zu können. Und es bedeutet, dass die Stadt öfters als Retter alter Häuser in die Bresche springen muss, wenn die privaten Besitzer an die Beseitigung denken. Das kostet Geld. Sogar viel Geld.

Die schönste Gasse Alt-Stuttgarts

Die Stadt kann dieses verstärkte Eintreten für das historische Erbe sicherlich nicht allein schultern. Das muss jedem Bürger bewusst sein, der gerne mit dem Finger auf die Behörden zeigt. Deshalb ist es wichtig, ein Netz zu stricken, in das viele Bürger und Institutionen einbezogen sind. Der Verschönerungsverein oder der Verein Pro Alt-Cannstatt sind solche Einrichtungen, die schon in der Vergangenheit bereit waren, ideelle und finanzielle Beiträge zu leisten. Ohne den Verschönerungsverein würde die Weberstraße, die schönste Gasse Alt-Stuttgarts, nicht in der heutigen Pracht erstrahlen.

Selbst viele Stuttgarter wissen viel zu wenig Bescheid

Interessierte Bürger könnte die Stadt einbinden, indem sie einen Denkmal-Beirat wie in Hamburg gründet: Historiker, Architekten, Denkmalpfleger und Politiker reden miteinander, anstatt sich zu beargwöhnen oder gar zu beschimpfen. Da könnte Gutes herauskommen. Um mehr Bürger für die Sache zu gewinnen, muss die Stadt aber erst einmal ihre historischen Schätze in der Öffentlichkeit bekannt machen.

Selbst viele Stuttgarter wissen viel zu wenig Bescheid über die Hunderte von Kleinode jenseits von Altem Schloss, Solitude und Grabkapelle. Hamburg macht es besser und lädt regelmäßig zu einem „Denkmalsalon“ ein, in dem über den richtigen Weg in der Denkmalpflege nachgedacht wird. Und in Köln haben Künstler mit ihrem Projekt „Liebe deine Stadt“ Kulturdenkmäler der Nachkriegszeit bekannt gemacht, indem sie riesige Verdienstschleifen an die Fassaden klebten.

Den großen Schritt wagen

Ein neues Bewusstsein und die Einbindung der Öffentlichkeit reichen aber nicht immer aus, um ein abrissbedrohtes Haus zu retten. Man muss deshalb den großen Schritt wagen und auch das geltende Denkmalschutzgesetz für Baden-Württemberg entweder gleich erneuern oder doch zumindest in den Behörden neu interpretieren. Bis jetzt nämlich legt das Gesetz größten Wert auf die originale Bausubstanz: Nur, was möglichst unverändert die Zeiten überdauert hat, darf den Schutz des Staates genießen. In Wirklichkeit müsste das Gesetz sehr viel mehr Wert auf das Stadtbildprägende eines Gebäudes legen.

Für die Bürger steht nämlich bei der Beurteilung, ob ein Haus für die Stadt wichtig ist oder nicht, keineswegs die Bausubstanz im Vordergrund. Sie fragen vielmehr: Prägt ein Haus eine Straße? Wie sehr ist es mit der Geschichte der Stadt verbunden? Und ganz schlicht: Wie schön ist es? Beim Wengerterhaus im Hospitalviertel, das nächste Woche abgerissen werden soll, haben die Behörden mit ihrer Argumentation den Stab über das Gebäude gebrochen: Es sei egal, ob das Haus wichtig sei für das Viertel – es habe kaum alte Bausubstanz. Ein solches Gesetz ist unvernünftig. Oder muss zumindest ergänzt werden.

Die Denkmalbehörden sind kompromissbereit

Daneben benötigen private Bauherren bessere Unterstützung, wenn sie ein altes Haus sanieren wollen. Die Denkmalbehörden sind heute schon kompromissbereit und wollen nicht stur ihre Position durchsetzen. Dennoch müssen sich die Bauherrn nach wie vor auf einen beträchtlichen Mehraufwand einlassen. Wenn sie organisatorische und größere finanzielle Hilfe erhielten, wären sicherlich mehr Hausbesitzer bereit zu sanieren statt zu beseitigen.

Progressive Vorschläge wie jene der Züricher Denkmalprofessorin Uta Hassler sind deshalb bedenkenswert: Sie schlägt vor, ähnlich wie beim Emissionshandel für Kohlendioxid, jene mit einer Gebühr zu belegen, die historisches Erbe vernichten, und mit dem eingenommenen Geld jene zu fördern, die bewahrenswerte Gebäude restaurieren. Sicher ist das eine ungewöhnliche Idee – doch nur wenn man neue Wege geht, lässt sich der rapide Verlust alter Bausubstanz bremsen.

Auch Modernes kann die Menschen mit ihrer Stadt verbinden.

Jenseits aller Diskussionen um alte Häuser sollte sich Stuttgart im Übrigen bemühen, bei neuen Bauprojekten höchste Qualität anzustreben. Denn die jetzige Generation hat nicht nur eine Pflicht, das Alte zu bewahren, sondern auch das Recht, neue herausragende Gebäude, ja neue Wahrzeichen zu schaffen. Auch Modernes kann die Menschen emotional mit ihrer Stadt verbinden. Bestes Beispiel ist der Fernsehturm, der zu Stuttgart gehört wie kaum ein anderes Gebäude – dabei ist er nicht 1000 Jahre alt, sondern noch nicht einmal 60. Es war die Kreativität des Architekten Fritz Leonhardt und der Mut des Bauherrn SDR, der zu dem herausragenden Ergebnis geführt hat. Mut und Kreativität – das sollte bei jedem Projekt der Maßstab sein.

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