Denkmalschutz Vom Wert der alten Steine

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Was müsste sich in Stuttgart verändern, damit der Denkmalschutz mehr Gewicht erhält und der letzte Rest des alten Stuttgarts bewahrt werden kann? Eine kritische Betrachtung von StZ-Redakteur Thomas Faltin.

Gar nicht so alt und doch Altstadt pur: das Viertel um den Hans-im-Glück-Brunnen aus dem Jahr 1909Gar nicht so alt und doch Altstadt: das Viertel um den Hans-im-Glück-Brunnen Foto:Mierendorf Foto: Mierendorf 16 Bilder
Gar nicht so alt und doch Altstadt pur: das Viertel um den Hans-im-Glück-Brunnen aus dem Jahr 1909 Gar nicht so alt und doch Altstadt: das Viertel um den Hans-im-Glück-Brunnen Foto:Mierendorf

Stuttgart - Ein bisschen windschief steht es da, mit seinen kleinen Fenstern, den weißen Gefachen und den beinahe blutroten Balken: Das „Klösterle“ in Bad Cannstatt ist im Jahr 1463 gebaut worden, und gilt damit als das älteste Wohnhaus ganz Stuttgarts. Wer die krummen Stiegen in die Kapelle hinaufgeht, kann sich leicht vorstellen, wie sich die Frauen des Beginenordens dort abends unter dem spätgotischen Kreuzrippengewölbe trafen und vor dem Schlafengehen ein Gebet sprachen.

Die meisten Menschen empfinden solche Häuser schlicht als schön, obwohl auch das Klösterle lange Zeit vor sich hin gerottet hatte, als „altes Glomp“ verschrien war und ihm Anfang der 1980er Jahre der Abbruch drohte. Aber woher kommt eigentlich diese emotionale Verbundenheit zu solchen Häusern? Wilfried Lipp, der österreichische Denkmal-Philosoph, hat einmal von den „versteckten Sehnsüchten“ des Menschen gesprochen, die sich in diesen Gebäuden kristallisieren.

Tatsächlich geben sie eine Ahnung davon, wie die Menschen früher gelebt haben, und verleihen dem Leben damit Tiefe und Weite – man fühlt sich eher zugehörig zum großen Strom der Geschichte, der vor uns war und nach uns sein wird. Ein Regisseur düsterer Science-Fiction-Filme, der von der Anonymität und Einsamkeit künftiger Megastädte erzählen will, käme nie auf den Gedanken, ein Fachwerkhaus in seine Superpolis-Zuchthausarchitektur zu stellen.

Eine Wende ist dringend notwendig

In den Schweizer Leitsätzen zur Denkmalpflege lautet der erste Satz: „Der Mensch hat ein Grundbedürfnis nach Erinnerung. Sie stützt sich wesentlich auf Orte und Objekte.“ In diesen Worten liegt ein Verständnis dafür, dass am Anfang eines neuen Umgangs mit Kulturdenkmälern ein neues Bewusstsein stehen muss. Eine solche Wende ist auch in Stuttgart dringend notwendig, denn noch immer werden viel zu viele alte Gebäude abgerissen. Doch was genau müsste sich ändern?

Natürlich würde jeder unterschreiben, dass man alte Häuser im Prinzip erhält; jeder Politiker und jeder Investor würde sich in Fensterreden dafür aus demselben lehnen. Doch wenn es zum Schwur kommt, erhalten oft wirtschaftliche, städtebauliche oder ästhetische Argumente die Oberhand – das Haus wird als störend deklariert und abgerissen. Neues Bewusstsein heißt: man muss die Bedürfnisse der Menschen nach Erinnerung ernst nehmen, ihnen einen Wert an sich beimessen – und nicht beim ersten Problemchen aufgeben.

Egoistische Marktbedingungen

Dazu gehört, dass die zu erwartende Rendite für ein Grundstück nicht das alleinige Kriterium sein darf bei der Entscheidung, ob ein Haus erhalten bleibt oder weg muss. Durchaus könnte die Stadt einem Investor vorschreiben, dass ein Neubau nicht mehr Geschossfläche haben darf als das bestehende alte Gebäude – plötzlich wäre eine Sanierung wieder interessant. Und noch häufiger als heute müsste die Stadt sich ein Vorkaufsrecht sichern, um einen Zugriff zu haben für den Fall der Fälle. Solche Forderungen sind mit den üblichen Marktmechanismen nicht zu vereinbaren und hören sich deshalb vielleicht weltfremd an – aber genau das ist oft wichtig, wenn man alte Häuser retten will: Man muss sie den egoistischen Bedingungen des Marktes entziehen.

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