Denkmalschutz Wengerterhaus wird abgerissen

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Die Tage des Wengerterhauses in der Firnhaberstraße sind nun endgültig gezählt. Der Besitzer des Gebäudes hat den geplanten Abriss am Mittwoch bestätigt. Selbst ein Besuch zur Dokumentation ist nicht mehr erlaubt.

Die Tage des alten Gebäudes sind gezählt. Foto: Achim Zweygarth
Die Tage des alten Gebäudes sind gezählt. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Das Wengerterhaus aus dem 17. Jahrhundert in der Firnhaberstraße 1 wird in den nächsten Tagen aus dem Stadtbild verschwinden – der Besitzer des Gebäudes hat den Abriss am Mittwoch bestätigt. „Aus wirtschaftlichen Gründen ist eine weitere Verzögerung nicht mehr möglich“, sagte er. Er habe mit den Denkmalbehörden im April nochmals den Zustand des Gebäudes geprüft; es handele sich eindeutig nicht um ein Kulturdenkmal. Längst gebe es nun klare Bautermine, und ihm drohe Regress, wenn er länger mit dem Abriss warte. Wie Kirsten Rickes, die Leiterin des Baurechtsamtes, sagte, ist die Abrissgenehmigung seit Anfang Mai erteilt.

Zuletzt hatte noch der Unternehmer und Denkmalliebhaber Peter Seydelmann mit dem Besitzer verhandelt, um zumindest die Fassade zu retten. Diese Gespräche waren nicht erfolgreich – es hätte dem Besitzer zu lange gedauert, um zu klären, was der kontrollierte Rückbau der Fassade kostet und wie er zu bewerkstelligen wäre.

Der Historiker Harald Schukraft, der den Protest gegen den Abriss im März dieses Jahres ins Rollen gebracht hatte, zeigte sich erschrocken über diese Wendung. Bei ihm hatte sich vor einiger Zeit ein Fotograf gemeldet, der bereit wäre, kostenlos eine Dokumentation über das Haus anzufertigen; das dauere einen Tag. Daneben hält es Schukraft für sinnvoll, zumindest die Bohlenbalkendecke aus dem 18. Jahrhundert zu bergen, die ein privater Restaurator entdeckt hatte: „Wir haben nichts Vergleichbares in Stuttgart“, so Schukraft. Auch die barocke Eingangstür müsse erhalten bleiben. Der Besitzer, ein früherer Profifußballer, ist aber nicht mehr bereit, jemanden ins Haus zu lassen. „Ich habe alles getan, wozu ich verpflichtet war“, sagte er gegenüber der StZ. „Bitte haben Sie Verständnis dafür – wir haben genügend Probleme gehabt.“

Haus steht seit 1998 nicht mehr unter Denkmalschutz

Die Denkmalbehörden hatten nach den Protesten und der Entdeckung der Bohlenbalkendecke das Haus, dessen Denkmalstatus 1998 aufgrund eines Gutachtens im Auftrag des neuen Besitzers aberkannt wurde, im April erneut besichtigt. Sie waren zu dem Schluss gekommen, dass es sich um ein Wengerter- oder ein Handwerkerhaus aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert handele. Es sei aber zu oft umgebaut worden, um als Kulturdenkmal zu gelten. Der Landeskonservator Michael Goer zog das Fazit: „Allein ein interessant wirkendes Äußeres reicht nicht aus. Das Haus muss insgesamt genügend historische Substanz und charakteristische Strukturen beisitzen, damit es als Dokument für früheres Wohnen, Arbeiten und Wirtschaften für die Gesellschaft auch einen Zeugniswert besitzt.“

Allerdings hatten die Behörden bei der letzten Besichtigung erneut keine Holzproben genommen, um das Alter des Hauses mit Sicherheit zu bestimmen. Interessant ist auch, dass der Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Claus Wolf, also der oberste Chef der Denkmalbehörden, im jüngsten Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege (auf Seite 69) eine Erhaltung des Hauses durchaus für sinnvoll hält, weil es vom Alter des Viertels zeuge. Seine Behörde sieht er aber nicht in der Pflicht: „Dies muss auch ohne Denkmalschutz, ohne staatliche Hilfe möglich sein.“

Stadt Stuttgart hat ganz ähnliches Haus gekauft

Die Stadt Stuttgart hat im Übrigen vor Kurzem in der Hauptstätter Straße, am Eingang zum Leonhardsviertel, ein ähnliches Handwerkerhaus, ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert, ebenfalls zweigeschossig, ebenfalls mit den typischen Vorkragungen an der Fassade, gekauft. Es steht im Gegensatz zum Wengerterhaus in der Firnhaberstraße unter Denkmalschutz, obwohl die Fassade dort sehr stark verändert worden ist. Die Stadt ist bestrebt, die schwierigen Verhältnisse im Leonhardsviertel durch eigenen Besitz zu verbessern – es waren also auch politische Gründe, das Vorkaufsrecht wahrzunehmen.

Eine solche Chance erhält das Wengerterhaus im Hospitalviertel nun nicht mehr.

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