Denkmalserie Die Sehnsucht nach der alten Stadt

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Frankfurt lässt ein Quartier direkt am Dom nach historischer Vorlage wieder auferstehen. Ein Vorbild für Stuttgart?

Der historische Hühnermarkt könnte zu einer neuen Attraktion von Frankfurt werden. Foto: HHVision/Dom-Römer GmbH 16 Bilder
Der historische Hühnermarkt könnte zu einer neuen Attraktion von Frankfurt werden. Foto: HHVision/Dom-Römer GmbH

Stuttgart - Was für eine Vorstellung: Breuninger entscheidet sich plötzlich, sein Einkaufszentrum neben die neue Bibliothek zu verlagern – und veräußert den gesamten Besitz zwischen Marktplatz und Karlsplatz an die Stadt. Nach langen Diskussionen und einer Planungswerkstatt mit Bürgern reißt Stuttgart das gesamte Viertel ab und rekonstruiert es so, wie es früher einmal ausgesehen hat, mit seinen kleinen Gassen und den vielen Fachwerkhäusern. Das gute alte Stuttgart würde neu entstehen.

Undenkbar? In Stuttgart vielleicht, aber nicht in Frankfurt am Main. Dort vollzieht sich diese Geschichte gerade in ganz ähnlicher Weise, mitten in der Stadt, an der Keimzelle Frankfurts zwischen Römerberg und Dom. In diesen Tagen werden dort bereits die Keller der 35 geplanten Häuser gebaut, 2016 soll alles fertig sein. „Frankfurt hatte vor dem Krieg die größte zusammenhängende gotische Altstadt in Deutschland“, sagt Patrik Brummermann von der städtischen Dom-Römer GmbH, die das Jahrhundertprojekt managt: „Das wollen wir in Teilen wieder sichtbar machen.“

Das Ende eines Monstrums

Während fast überall in Deutschland alte Häuser abgerissen werden, um Platz zu schaffen für neue Viertel aus Glas und Stahl, geht Frankfurt den umgekehrten Weg: Es besinnt sich auf seine Herkunft. Dieser Weg begann im Jahr 2004, als das Technische Rathaus, ein Monstrum aus Beton auf einem 7000 Quadratmeter großen Grundstück, erneuert werden musste.

Der erste Entwurf sah ein modernes Zentrum vor, doch die Bürger gingen auf die Barrikaden, eine Planungswerkstatt wurde einberufen. Das Ergebnis war überraschend einhellig: „Der Bürgerwille war, den historischen Grundriss wiederaufleben zu lassen“, erinnert sich Linda Thielemann, die Pressesprecherin des Projektes.

Der heutige Stand sieht so aus: von den 35 Häusern werden 15 originalgetreu rekonstruiert – darunter das prachtvolle Haus zur Goldenen Waage, das ein reicher flämischer Zuckerbäcker 1619 hatte bauen lassen, oder das Rote Haus, das ab 1350 für Jahrhunderte der Sitz der Metzgerszunft gewesen war und das nur auf drei Säulen steht. Mit dem Hof zum Rebstock (um 1750) wird noch dieses Jahr begonnen, die Häuser Esslinger (16. Jahrhundert), Goldenes Lämmchen (1750) und Klein Nürnberg (16. Jahrhundert) folgen unmittelbar.

Vor allem der bisher ausgelöschte Hühnermarkt mit seinem Brunnen dürfte dann eine neue Attraktion in Frankfurt werden. Zwischen den rekonstruierten Gebäuden baut die Projektgesellschaft 20 neue Häuser, die aber in der Dachneigung, dem Baumaterial oder den Fensterfronten Anklänge der alten Häuser aufnehmen. Und auch die alten Gassen leben wieder auf, wie der Krönungsweg, auf dem die deutschen Kaiser nach ihrer Krönung im Dom zum Rathaus, dem Römer, geschritten waren.

Vorbehalte aus Architektenkreisen

Das ist doch Disneyland, sagen viele abschätzig in einem ersten Impuls, wenn sie von dem Vorhaben hören. Patrik Brummermann kennt die Vorbehalte vor allem aus dem Kreis seiner Berufskollegen, den Architekten, aber auch von Denkmalpflegern. Disneyland, das wäre für Brummermann eine frei erfundene Stadt, womöglich noch mit viel Plastik versehen. Das Dom-Römer-Areal aber sei anders. Erstens gebe es mit dem Jahr 1944 einen genauen Stichtag: Man baue nicht irgendetwas Beliebiges auf, sondern exakt jene Gebäude, die damals auf dieser Fläche standen.

So wird es kommen, dass ein gotisches Haus direkt an ein klassizistisches Gebäude angrenzt. Zweitens wende man keine Tricksereien an: Man baut keine Betonhäuser, an die man eine Fachwerkfassade klatscht, sondern alle rekonstruierten Häuser werden mit alten Handwerkstechniken als Fachwerkkonstruktion errichtet. Drittens halte man sich außen bis ins Detail ans historische Vorbild. Mancher Besitzer – 33 der 35 Häuser werden an Privatleute verkauft – habe zum Beispiel darum gebeten, die Haustür etwas höher oder die Fenster etwas breiter zu planen. Da beißt man bei Brummermann auf Granit.

Viertens aber, und das ist für den Magistrat der Stadt Frankfurt das Hauptargument, gibt es bei den Menschen eine große Sehnsucht nach dem alten Frankfurt. „Die Stadt hat eine sehr wichtige Rolle in der deutschen Geschichte gespielt“, sagt Brummermann, „aber das ist im Stadtbild gar nicht mehr abgebildet. Viele sehnen sich nach einer neuen historischen Identifikation.“ Es gebe deshalb keinen Anlass, diese städtebauliche Nostalgie von oben herab zu beurteilen: Sie sei legitim und in Zeiten der Globalisierung wohl eine normale Gegenbewegung. Vor allem werde sie durch die moderne Architektur verstärkt, schimpft Brummermann über seine eigene Zunft: „Für viele sind moderne Bauten eine große Enttäuschung. Diese Architektur ist austauschbar und nimmt oft keinen Bezug auf den Ort und die Herkunft.“

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