Am Balkon vor Markus Hollemanns Rathausbüro prangen zwei große Photovoltaik-Paneele – als gutes Beispiel für die Bürgerschaft. Foto: /Margrit Müller
Kaum eine Stadt in Baden-Württemberg betreibt eine solch ambitionierte Klimapolitik wie Denzlingen. Dort regiert ein politischer Außenseiter: der ÖDP-Politiker Markus Hollemann.
Über so etwas freut sich Markus Hollemann diebisch: Gerade hat der Oberbürgermeister Martin Horn aus dem großen Freiburg wieder einmal die Firma JobRad, ihres Zeichens Trikotsponsor des SC Freiburg, gelobt und darauf hingewiesen, dass es ja auch eine gewisse Logik besitze, dass das Dienstradleasing in der Fahrradstadt Freiburg erfunden worden sei. Da kommt der JobRad-Gründer Ulrich Prediger mit einem geheimen Geständnis auf Hollemann zu. Ja, gegründet habe man die Firma in Freiburg. Der erste Termin, bei dem die Idee einer Stadtverwaltung vorgestellt wurde, sei damals aber nicht in Freiburg, sondern im kleinen Denzlingen gewesen. Offenbar wussten die Jungunternehmer recht genau, wo sie mit ihrem innovativen Leasingmodell am besten landen konnten.
Die 14 Jahre alte Mail, mit der Prediger den Termin bestätigte und sich für die Chance bedankte, hat Hollemann mit wenigen Mausklicks noch einmal auf den Bildschirm seines Computers befördert. Am 11. Mai ist Bürgermeisterwahl. Da will er in Denzlingen nicht noch einmal antreten. Mit 53 Jahren sei es an der Zeit für eine berufliche Veränderung, heißt es in einer Erklärung, die er im Herbst veröffentlicht hat. Noch gibt es im Rathaus viel zu tun. Und doch nutzt Hollemann die Chance für einen kleinen Rückblick auf eine durchaus bewegte Zeit.
Aushängeschild einer Kleinpartei
Überraschend war er 2009 ins Rathaus gewählt worden. Eigentlich hatte der örtliche Kämmerer als Favorit auf den Job gegolten. Im ersten Wahlgang lag der auch mit zweistelligem Abstand vorne. Und dennoch konnte sich Hollemann durchsetzen. Dabei trug er ein virtuelles Label hinter seinem Namen, das von vielen als Handicap wahrgenommen wurde. Die meisten der mehr als 1000 Rathauschefs in Baden-Württemberg sind parteilos, jeder Vierte gehört zur CDU. Zur SPD bekennen sich nur 50, zu FDP und Grünen noch viel weniger. Hollemann hingegen machte kein Geheimnis daraus, dass er das Parteibuch der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) besaß. Sieht man von einem Amtskollegen aus Nordbaden ab, der sich Hubert Aiwangers Freien Wählern angeschlossen hat, ist er bis heute der einzige Bürgermeister in Baden-Württemberg, der einer sogenannten Splittergruppe angehört.
Hollemann selbst spricht lieber von einer „Kleinpartei“, und das tut auch Guido Klamt. Für den ÖDP-Landeschef ist Hollemanns bevorstehender Rückzug ein schwerer Schlag. Ein Aushängeschild gehe verloren. „Das hat natürlich Eindruck gemacht, wenn wir bei Veranstaltungen mit einem ÖDP-Bürgermeister werben konnten“, sagt Klamt. Vor allem aber habe Hollemann immer viel zu erzählen gewusst. Bis 2035 und damit schneller als viele andere, will Denzlingen klimaneutral sein. Und kaum eine Gemeinde verfolgt dieses Ziel mit solchem Ernst und solcher Zielstrebigkeit wie Denzlingen.
Los ging es schon wenige Monate nach Hollemanns Amtsantritt. Da rief der neue Bürgermeister den Chef seines Gebäudemanagements zu sich. Was er denn davon halte, für alle städtischen Einrichtungen Ökostrom zu bestellen. Der nickte und machte sich an die Ausschreibung. Heute kaufen fast alle Kommunen Ökostrom ein. Doch damals war das neu. „Und wenn mein Mitarbeiter es für eine blöde Idee gehalten hätte, hätte ich das dem Gemeinderat wohl nie vorgeschlagen“, sagt Hollemann.
Förderprogramm für stromsparende Haushaltsgeräte
Es war nur der Auftakt zu einer Fülle weiterer Maßnahmen, die seither die Kleinstadt vor den Toren von Freiburg zu einer „Vorreiterstadt“ in Sachen Klimaschutz gemacht haben, offiziell so ausgezeichnet von der Landesregierung. Als nächstes wurde das Gas- und Stromnetz rekommunalisiert. Hollemann war klar: „Wenn wir klimapolitisch etwas erreichen wollen,“ – und das war sein Ziel, „müssen wir da die Hand drauf haben.“
Für mehr als fünf Millionen Euro übernahm die Stadt die Netze. Gleichzeitig legte man ein Förderprogramm für stromsparende Haushaltsgeräte auf. Wer sich im örtlichen Einzelhandel mit Wasserkochern, Zeitschaltuhren und Energiesparlampen eindeckte, erhielt einen Zuschuss von der Stadt. Es war Klimapolitik und kommunale Wirtschaftsförderung in einem. „Handeln statt reden – mir ist wichtig, dass es vorwärtsgeht“, sagt Hollemann.
Denzlingen liegt vor den Toren von Freiburg. Foto: Stadt Denzlingen
Auch Silke Höfflin, die Grünen-Chefin im Denzlinger Gemeinderat, räumt ein, dass Hollemann die Stadt „ökologisch sehr vorwärtsgebracht hat“. Das Eingeständnis ist nicht selbstverständlich. Denn so richtig grün sind sich Grüne und ÖDP nicht, was auch mit der besonderen Geschichte der beiden Parteien zu tun hat. Anfang der 1980er- Jahre hatte sich die ÖDP von den eben erst gegründeten Grünen abgespalten.
Grüne ohne Gender-Stern
Wie sich die Politikansätze von Grünen und ÖDP unterscheiden, zeigt eine Anekdote aus dem Jahr 2016. Wegen des Flüchtlingszustroms fehlte es überall an Wohnungen. Der bei den Grünen damals noch nicht in Ungnade gefallene Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer drohte seinen Vermietern bei Leerständen mit Strafzahlungen. Hollemann hingegen beschloss mit seinem Gemeinderat einen Bonus für alle, die Wohnraum neu zur Verfügung stellten. „Ich bin nicht so sehr für Verbote“, sagt Hollemann.
Die größten Unterschiede liegen bis heute auf dem Gebiet der Gesellschaftspolitik: Als Grüne ohne Gender-Stern oder als CDU mit Tempolimit wird die ÖDP wahlweise charakterisiert. Vor allem in Bayern erzielte sie damit kleinere Erfolge. Dort ist man fest in den Kreisen vertreten. 5000 der bundesweit 7000 Mitglieder leben im Freistaat. Der baden-württembergische Landesverband folgt mit nur 900 Mitgliedern auf Platz zwei.
Auch Hollemann ist ein Bayernimport. In seiner Münchner Schule war er Schülersprecher und leitete eine Umwelt-AG. „Als 17-Jähriger habe ich mir dann alle Parteiprogramme kommen lassen“, erinnert er sich. Der Opa hatte die CSU mitgegründet, doch den Enkel überzeugte die ÖDP. Es war die Kopfentscheidung eines Öko-Nerds.
Zwischenzeitlich gilt Hollemann als christlicher Fundamentalist
In seiner Heimat München konnte Hollemann indes nicht landen, auch nicht 2015, als sich für ihn eine Karrierechance auftat. 2008 hatte er in der Landeshauptstadt für die ÖDP als Oberbürgermeister kandidiert. Nun sollte eine neue SPD-CSU-Stadtregierung gebildet werden. Für die Stelle des Umweltdezernenten besaß die CSU das Vorschlagsrecht und man erinnerte sich in Ermangelung eigener Kandidaten an den als konservativ geltenden Ökoexperten. Doch die Besetzung scheiterte. Jemand hatte auf Hollemanns Homepage entdeckt, dass er passives Mitglied in einer Antiabtreibungsorganisation war. Das linksbürgerliche München lief Sturm. Die Schwangerenkonfliktberatung hätte zu seinem Ressort gehören sollen.
Auch in Denzlingen sorgte der Fall für Unruhe. Plötzlich galt Hollemann als christlicher Fundamentalist. Selbst seine Wiederwahl schien gefährdet. Die Grünen, in Denzlingen zwischenzeitlich stärkste Fraktion, gingen mit einem eigenen Kandidaten ins Rennen. Nur knapp konnte sich Hollemann im zweiten Wahlgang behaupten.
Spricht man ihn heute auf die damalige Affäre an, ist er immer noch tief verletzt. Ja, er sei katholisch erzogen worden, aber nicht streng. „Meine Mutter stammt aus Südkorea und war nicht gläubig.“ In seinem Büro hängt dennoch ein Kruzifix, das habe er aber von seinem Vorgänger geerbt. Darunter befindet sich eine beleuchtete Krippe, das Geschenk eines Bürgers. „Die darf bis Lichtmess bleiben“, sagt er. Als ehemaliger Ministrant und Pfadfinder weiß er das. „Aber eigentlich habe ich immer Fußball gespielt.“
Anstatt darüber zu reden, was in seinem Büro an der Wand hängt, möchte Hollemann ohnehin lieber die Aufmerksamkeit darauf lenken, was vor seinem Büro außen am Balkon angebracht ist. Dort prangen zwei große Photovoltaik-Paneele – als gutes Beispiel für die Bürgerschaft. Tatsächlich boomen die Balkonkraftwerke in Denzlingen. Auch hier hat die Stadt offensiv nachgeholfen. Denn das ist eigentlich das Thema, das Hollemann interessiert. „Ich brenne für Umweltschutz und erneuerbare Energien.“
Bioäpfel für die ABC-Schützen
In Denzlingen ist das nicht nur an den Häuserfronten zu besichtigen. Auch viele Dächer sind mit Photovoltaikanlagen bestückt. Um Dachflächen von Mehrfamilienhäusern nutzbar zu machen, gibt es ein Programm zur Anmietung der Dächer durch die Stadt auf. Sieben Waldkindergärten gibt es in der Stadt, und für Abc-Schützen gibt es vom Bürgermeister einen Bioapfel. 2020 wurde der komplette städtische Fuhrpark auf Elektromobilität umgestellt. Und um die Bürger zum Umsteigen zu bewegen, initiierte die Stadt eine eigene deutschlandweit beachtete Abwrackprämie. Anders als beim bundespolitischen Vorbild, bei der mit staatlicher Förderung lediglich alte Stinker durch neue Stinker ersetzt wurden, leistete sie tatsächlich einen Beitrag zur Verkehrswende. 500 Euro erhielt derjenige, der seinen Verbrenner durch ein Elektroauto ersetzte oder gleich auf die Jahreskarte des Nahverkehrs umstieg. Im Lauf von drei Jahren bezuschusste die Stadt 52 Umsteiger. „Ja, das war eine gute Aktion“, sagt Hollemann.
Noch gibt es für ihn einiges zu tun. In den nächsten Wochen soll der Baubeschluss für das nächste Großprojekt fallen. Für den Schulneubau, das Bürgerhaus, ein Neubauviertel und die Hochhaussiedlung aus den 1970er-Jahren soll ein Wärmenetz gebaut werden. „Die Probebohrungen waren erfolgreich. Das Grundwasseraufkommen eignet sich für die Wärmepumpen“, sagt Hollemann. Was danach kommt, ist offen. „Wir hätten diesmal keinen Gegenkandidaten aufgestellt“, sagt die Grüne Höfflin.