Depressionen Das Dunkel der Seele erhellen

Von Gerlinde Felix 

Eine tägliche Lichtdusche kann Menschen mit Depressionen helfen. Das hat eine kanadische Studie ergeben. Allerdings sollte sie zusammen mit einer Psychotherapie eingesetzt werden.

Die tägliche Lichtdusche kann den Start in den Tag erleichtern. Foto: Mauritius
Die tägliche Lichtdusche kann den Start in den Tag erleichtern. Foto: Mauritius

Stuttgart - Frühmorgens eine halbe Stunde vor die Lichtdusche sitzen und dabei gemütlich die Zeitung lesen: Das ist für Menschen mit einer Winterdepression ein echter Segen. Die Lichttherapie mit einer Beleuchtungsstärke von mindestens 10 000 Lux kann aber nicht nur Menschen mit dieser sogenannten saisonal abhängigen Stimmungsstörung (SAD) helfen, sondern auch Patienten mit nicht-saisonalen Depressionen. Vermutet hat das die psychiatrische Fachwelt schon länger. Nun hat eine bisher einmalige Studie die wissenschaftlichen Belege dafür geliefert. „Die Studie ist gut und sorgfältig durchgeführt, randomisiert und placebokontrolliert“, sagt der Psychiater und Neurologe Martin E. Keck, Chefarzt und Direktor der Klinik des Max-Planck-Institutes für Psychiatrie in München.

Die kanadische Untersuchung zeigt sogar, dass die Lichttherapie einer medikamentösen Standardtherapie deutlich überlegen ist. Am besten schnitt die Kombination aus Lichttherapie und Antidepressivum, einem sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) ab. Das Antidepressivum (Fluoxetin) allein erzielte keine bessere Wirkung als ein Placebo. „Allerdings war das verwendete Fluoxetin mit 20 Milligramm relativ niedrig dosiert“, gibt Keck zu bedenken. Dieses Ergebnis zeige aber auch, dass die Kombination aus Lichttherapie und Antidepressivum in einer niedrigen Dosierung im Einzelfall ausreichend sein kann. „Durch die Kombination könne man Medikamente einsparen“, sagt der Münchner Mediziner

Kanadische Studie belegt Wirksamkeit

Die Studie der Universität von British Columbia in Vancouver schloss 122 Probanden im Alter zwischen 19 und 60 Jahren ein. Sie litten an mittelschwerer bis schwerer Depression. Im Fachjargon bezeichnet man dies als Major Depression. Die Wissenschaftler teilten die Probanden für acht Wochen vier Gruppen zu: Zum einen wurden sie mit einer Lichttherapie mit einer flächigen LED-Lampe behandelt, die weißes Licht mit 10 000 Lux abgibt. Eine zweite Gruppe erhielt eine Therapie mit Fluoxetin und einem Ionenstrahler, der aber nur einen Piepton von sich gibt. Für die dritte Gruppe wählte man eine Kombination aus Lichttherapie und Fluoxetin. Als vierte Variante fungierte die Gruppe mit dem Placebo, bestehend aus nichtwirksamem Ionenstrahler und einem Scheinmedikament. Mit der Lichttherapie allein erreichte die Hälfte der Probanden eine Beschwerdefreiheit, bei der Kombination von Lichttherapie und Fluoxetin stellte sich dieser Erfolg bei drei Vierteln der Patienten ein. Allerdings muss die Beschwerdefreiheit nicht von Dauer sein. „Eine nur die Lichttherapie umfassende Therapie würde ich nur bei einer leichten Depression anwenden, weil das große Risiko besteht, dass die Depression chronisch wird. Das Selbstmordrisiko ist dann zu groß. Die Lichttherapie sollte unbedingt mit einer Psychotherapie kombiniert werden, um die Heilungschancen von vornherein zu optimieren“, fordert Keck.

Wie erklärt sich die überaus positive Wirkung von Licht bei Depressionen? Der circadiane, innere Rhythmus hilft einem Organismus, sich auf täglich wiederkehrende Phänomene einzustellen. Er steuert oder beeinflusst beispielsweise die Herzfrequenz, den Schlaf-Wach-Rhythmus, den Blutdruck und die Körpertemperatur. Zudem wirkt sich dies auch darauf aus, wie oft und wann Gene an- und abgeschaltet werden. Bei einem depressiven Menschen ist aber der circadiane Rhythmus massiv gestört. „Folglich ist auch die Stresshormonausschüttung des Betroffenen derangiert und die ist das Hauptsymptom einer Depression“, schildert Keck. Der gestörte Tag-Nacht-Rhythmus sei der Grund, warum etwa Schichtarbeiter und Krankenschwestern anfälliger für Depressionen seien. „Licht fungiert als Zeitgeber. Das Licht wird morgens über die Netzhaut des Auges aufgenommen und aktiviert den Nucleus suprachiasmaticus im Hypothalamus des Gehirns. Genau dort befindet sich die „Master-Clock“ – eine innere Uhr, welche die circadianen Rhythmen kontrolliert. Durch den frühmorgendlichen Lichtinput bei einer Lichttherapie wird sie nach und nach reprogrammiert. „Damit die Lichttherapie wirklich wirksam ist, sollte sie so früh wie möglich erfolgen. Auf der Homepage www.cet.org kann jeder selbst schauen, welche Uhrzeit für ihn am besten ist“, erzählt Keck. Viele Kliniken setzen die Lichttherapie schon länger erfolgreich bei Depressionen ein, obgleich die Leitlinien sie bislang nur im Zusammenhang mit der Winterdepression erwähnen. „Vorteilhaft ist, dass die Therapie bis auf möglicherweise leicht gerötete Augen oder schwache Kopfschmerzen nebenwirkungsfrei ist und später Zuhause erfolgen kann. Mittlerweile sind die Geräte deutlich billiger geworden“, sagt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Helge Frieling, Professor für Molekulare Psychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Betroffene werden oft nicht richtig therapiert

Eine Therapieverbesserung ist dringend nötig. „Nur etwa zehn Prozent aller depressiven Menschen erhalten eine adäquate Behandlung. Entweder wird die Erkrankung nicht oder erst spät erkannt“, bedauert Keck. Dabei spiele es auch eine Rolle, dass sich eine Depression bei einem Mann anders äußert als bei einer Frau. Je schwerer die Depression, desto mehr nähern sich Männer und Frauen an. „Die Diagnose braucht Zeit, die die Hausärzte aber zumeist nicht haben“, so der Münchner Psychiater. Sein Hannoveraner Kollege Frieling fordert zudem zumindest langfristig eine individuellere Behandlung der Patienten. Biomarker sollen das möglich machen. „Im Moment sind sie jedoch noch Zukunftsmusik“, sagt Frieling.

Die kanadische Studie zeigt auch, dass Antidepressiva nicht ganz so wirkungsvoll sind wie oft angenommen. „Wenn ausreichend lang und hoch dosiert eingesetzt, sprechen auf das erste Antidepressivum etwa 50 Prozent der Patienten an, aber nur 30 Prozent werden damit völlig beschwerdefrei. Mit jeder weiteren medikamentösen Behandlung steigt die Erfolgsrate“, so Frieling. Unterm Strich würden Antidepressiva nur etwa 70 bis 80 Prozent der Patienten helfen, aber nur 60 Prozent könnten auch am Sozialleben teilnehmen. Deshalb fordert Frieling, dass die sogenannte Elektrokonvulsionstherapie bei Patienten, die auf Medikamente nicht gut ansprechen, früher eingesetzt wird. Bei dieser Methode wird ein epileptischer Anfall im Gehirn unter kontrollierten Bedingungen ausgelöst. Das klingt erst einmal abschreckend, aber tatsächlich soll die Methode gut wirksam sein. Sie führt offenbar zu Veränderungen im Gehirn, die denen einer dauerhaften Antidepressivabehandlung ähneln.

Nötig sei nach Kecks Aussage auch eine integrierte Behandlung bei Depressionen, da sie mit einem erhöhten Risiko für Herzgefäßerkrankungen assoziiert sind. „Das muss von vornherein mitbehandelt werden. Und deshalb ist es auch wichtig, ein individuelles Therapiekonzept für den einzelnen Patienten über die Klinik hinaus zu haben, wie etwa bei Diabetes“, sagt Keck.