Depressionen in Böblingen Die Angst vor dem Jobverlust durch KI macht Menschen krank
Immer mehr Menschen bleiben im Kreis Böblingen ihrer Arbeit wegen psychischer Erkrankungen fern. Wie die AOK dagegen ankämpfen will.
Immer mehr Menschen bleiben im Kreis Böblingen ihrer Arbeit wegen psychischer Erkrankungen fern. Wie die AOK dagegen ankämpfen will.
Die Zahl der Krankmeldungen wegen psychischer Erkrankungen im Kreis Böblingen steigt. Als mit Abstand größte Krankenkasse legte die AOK jetzt ihren Gesundheitsbericht für das Jahr 2025 vor. Er wertet die anonymisierten Daten von 78 436 AOK-Versicherten im Kreis Böblingen aus.
Daraus geht hervor, dass von allen Krankmeldungen eine wachsende Zahl auf das Konto von psychischen Erkrankungen geht. Entfielen 2024 im Schnitt 11,9 Tage darauf, waren es 2025 schon 12,8 Krank-Tage – ein Anstieg um 7,5 Prozent.
„Psychische Gesundheit ist das Thema Nummer eins“, sagt der Geschäftsführer der AOK Stuttgart-Böblingen, Sven Busch. Und: „Die Arbeitgeber müssen deutlich mehr tun, um die psychische Gesundheit der Arbeitnehmer zu erhalten.“ Noch immer sei das Thema ein Stück weit tabuisiert, doch die Zahlen stiegen in beunruhigendem Maße. „Aus dem Nähkästchen geplaudert: Wir sehen jetzt schon einen weiteren Anstieg in 2026“, sagt Busch.
Mit knapp 44 Prozent Marktanteil ist die AOK mit Abstand Marktführer bei den Krankenversicherungen in Bund, Land und Landkreis. Ihre anonymisierten Daten gelten daher als repräsentativ. Zwar hat die Krankenkasse die Art der psychischen Erkrankungen nicht weiter aufgeschlüsselt, sieht aber Depressionen aufgrund Überlastung (im Volksmund: Burn-out) als häufige Ursache. Auslöser seien ein rascher gesellschaftlicher Wandel und wirtschaftliche Unsicherheiten.
Busch: „Viele Arbeitnehmer haben Angst, ihren Arbeitsplatz an eine Künstliche Intelligenz zu verlieren. Hier ist es wichtig, die Resilienz des Einzelnen im Umgang mit diesen Themen zu stärken.“ Die AOK biete präventive Angebote wie Qigong, Business Yoga sowie Resilienz- und Achtsamkeitsseminare. Doch die Rahmenbedingungen seien laut Busch noch ausbaufähig, hier müsse die Politik nachbessern. Während Busch sich um die psychische Gesundheit sorgt, sieht er insgesamt eine positive Lage im Kreis Böblingen.
„Der Krankenstand bei AOK-Versicherten lag in 2025 im Kreis Böblingen bei 5,4 Prozent, das ist ein leichter Rückgang um 0,1 Punkte zu 2024 und ein Prozentpunkt unter dem Bundesschnitt.“ Überhaupt zeige sich laut der Kasse ein Süd-Nord-Gefälle in Deutschland: In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern etwa liege der Krankenstand fast um ein Drittel höher. „Das Durchschnittsalter der Beschäftigen in Ostdeutschland ist deutlich höher“, sagt AOK-Pressesprecherin Wassiliki Babel zur Erklärung.
Wenig Veränderungen gibt es laut AOK bei den Erkrankungen, aufgrund denen Arbeitnehmer zu Hause bleiben: Gut 30 Prozent der Fälle entfallen auf Atemwegs-Erkrankungen, die aufs Jahr gerechnet durchschnittlich 16 Krank-Tage ausmachen. Muskel- und Skelett-Erkrankungen stehen nur für 13,7 Prozent der Fälle – aber für durchschnittlich 19 Krank-Tage. „Wer sich also am Bewegungsapparat verletzt, fällt im Schnitt länger aus“, sagt Sven Busch.
In der Statistik gehe die Schere außerdem weit auseinander, was die Zahl der Krank-Tage angehe: 36,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeits-Fälle dauerten vier bis sieben Tage. Langzeit-Erkrankungen machten zwar nur 2,7 Prozent der Fälle aus. Die Länge der Krankschreibung betrage aber im Schnitt 35 Tage. „Auch hier sehen wir einen Anstieg um mehr als einen Krank-Tag je Krankmeldung im Vergleich zum Vorjahr“, sagt Babel. Interessant ist außerdem die Aufschlüsselung nach Berufsgruppen.
Am häufigsten krank sind im Kreis Böblingen Kranführer und Aufzugsmaschinisten. Warum, darüber kann die AOK aufgrund der anonymisierten Daten auch nur spekulieren. „In einer Krankanzel ist es zugig, man ist isoliert, hat aber gleichzeitig eine hohe Verantwortung“, sagt Wassiliki Babel. Im Schnitt waren Kranführer in 2025 ganze 36,7 Tage krank. Auch Mitarbeitende in der Ver- und Entsorgung liegen weit vorne: Sie meldeten sich im Schnitt 34,4 Tage krank.
Disparat ist das Bild bei den Geschlechtern: In der Altersgruppe der 30- bis 59-Jährigen sind Frauen im Schnitt häufiger krank als Männer. Nur bei den jungen Männern zwischen 15 und 19 Jahren sowie bei den 60- bis 64-Jährigen ist das Verhältnis deutlich umgekehrt.
All diese Daten lassen eine Gruppe komplett außer Acht, die der AOK wohl am liebsten sind: Arbeitnehmer ohne auch nur einen Krank-Tag im Jahr. Das gelte laut Gesundheitsbericht immerhin für rund 30 Prozent der AOK-Versicherten im Kreis.
Zahl der Fälle
Hierbei liegen 2025 erneut die Atemwegs-Erkrankungen an der Spitze mit 30,1 Prozent der Fälle, gefolgt von Muskel-Skelett-Erkrankungen (13,7), Verdauung (6,3), Verletzungen (5,1), Psyche (4,6) und Herz-Kreislauf (2,5) sowie Sonstige (37,8).
Anzahl der Krank-Tage
Bei der Zahl der Krank-Tage fällt das Ergebnis anders aus: Hier liegen die Muskel- und Skeletterkrankungen mit 19,0 Prozent der Fehltage vor den Atemwegs-Erkrankungen mit 16,2 Fehltagen.