Der 1. Mai im Kreis Esslingen Gewerkschaften wollen Menschen Halt geben

Benjamin Stein, Martin Auerbach, Hans Dörr, Peter Schadt und Alessandro Lieb (von links) verteidigen das Streikrecht. Foto: Tim Kirstein

Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter aus unterschiedlichen Branchen werden am 1. Mai in Esslingen, Nürtingen und Kirchheim Flagge zeigen. „Gewerkschaft ist gelebte Demokratie“, sagt der DGB-Kreisvorsitzende Martin Auerbach.

Mit dem Motto „Mehr Lohn, mehr Freizeit, mehr Gerechtigkeit“ begehen die Einzelgewerkschaften und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) den diesjährigen 1. Mai. Als Gewerkschaft wolle man den Beschäftigten und den Bürgern in der derzeit herrschenden Unsicherheit einen Halt geben und versuchen, komplexe Sachverhalte zu erklären, sagt Alessandro Lieb, der erste Bevollmächtigter de IG Metall Esslingen.

 

„Gelebte Demokratie“

„Gewerkschaft ist gelebte Demokratie“, erläutert Martin Auerbach, Kreisvorsitzender des DGB Esslingen-Göppingen und Linken-Gemeinderat in Esslingen. Traditionell ist der Landkreis Esslingen gewerkschaftlich stark aufgestellt, was drei Veranstaltungen zum 1. Mai in Esslingen, Nürtingen und Kirchheim zeigten. Im Nahverkehr habe man jüngst eine Einigung im Tarifstreit erzielen können, erklärt Benjamin Stein. „Es ist ein sehr gutes Ergebnis aus unserer Sicht“, sagt er. Der Einigung waren Streiks, darunter auch in Esslingen und Stuttgart, vorausgegangen. „Wir müssen gute Arbeitsbedingungen an vielen Stellen über Streiks durchsetzen“, erklärt Stein. Leider träfen diese zwar oft die Kundinnen und Kunden, jedoch sei der Streik ein wirksames Mittel, um Interessen von Arbeitnehmern durchzusetzen. Mit Sorge sehen Stein und Lieb Debatten über eine mögliche Einschränkung des Streikrechts. „Hände weg vom Streikrecht“, fordert Lieb. Es sei die Grundlage, um gute Lebens- und Arbeitsbedingungen auszuhandeln. Deutschlandweit seien mittlerweile weniger als die Hälfte der Unternehmen tarifgebunden, erklärt Peter Schadt, Gewerkschaftssekretär des DGB in der Region Stuttgart. Bei diesem Thema wolle man aber nicht auf die Politik setzen, sondern durch gute Gewerkschaftsarbeit vorangehen.

Ein Bereich, den die IG Metall stärken will, sei der Maschinenanlagenbau, sagt Lieb. Allein im Kreis Esslingen gebe es etwa 25 000 Beschäftigte in diesem Sektor. „Wir wollen ihn nun breiter in die politische und öffentliche Debatte bringen“, erklärt Lieb. In diesem Bereich müssten Herausforderungen wie der demografische Wandel, Dekarbonisierung und Digitalisierung besprochen werden. Veränderungen bei der Mobilität seien ein wichtiger Faktor, aber auch digitale Prozesse spielten eine zentrale Rolle. „Künstliche Intelligenz kommt nicht erst noch, sie ist schon da“, sagt Lieb. Man müsse lernen, damit umzugehen, Chancen zu ergreifen und Risiken zu vermeiden. „Wir müssen bereit sein und die Beschäftigten mitnehmen.“

Bildung braucht Qualität

Ein zentrales Problem im Landkreis sei die Personalsituation im vorschulischen und schulischen Bereich, erklärt Hand Dörr von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Durch Abwesenheiten und die Personalnot sei nicht einmal mehr der Normalbetrieb zu stemmen. „Unterrichtsqualität hat auch damit zu tun, dass der Unterricht regelmäßig stattfindet“, sagt Dörr. Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation sieht er in sogenannten Handschlaglehrkräften, Pensionäre, die bei der Vertretung aushelfen. Im Moment gebe es für diese jedoch noch kontraproduktive Begrenzungen.

Das Motto „Mehr Lohn, mehr Freizeit, mehr Gerechtigkeit“ bildet den diesjährigen Rahmen für den 1. Mai. Da das Motto jedoch sehr abstrakt sei, habe die DGB ihre Mitgliedsgewerkschaften und deren Mitgliedern gefragt, was sie konkret mit den Wörtern verbinden und wie sie die Errungenschaften der Tarifverhandlungen nutzen. Die Antworten waren bei vielen Befragten ähnlich. „Die Leute sind gestresst. Sie wünschen sich Entlastung“, sagt Benjamin Stein. Für viele bedeute „mehr Freizeit“, auch generell wieder mehr Zeit für sich zu haben.

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