Bei seinen Opfern hat sich der 26-Jährige entschuldigt. „Es tut mir unfassbar leid, dass ich sie angefahren habe“, sagte der junge Mann mit fester Stimme zu der 42-Jährigen, als diese bei einem früheren Verhandlungstermin als Zeugin aussagte. Die Mutter und ihr zweijähriger Sohn wurden bei der Attacke mit einem Auto in Altbach schwer verletzt. Eine weitere Frau konnte sich nur mit einem Sprung zur Seite retten. Was ihn zu der Tat am Morgen des 22. September 2021 unweit der Schillerschule bewogen hat, dazu wollte der Mann sich damals nicht äußern.
Seit 10. März musste sich der Bankkaufmann vor dem Stuttgarter Landgericht wegen versuchten Mordes verantworten. Die Staatsanwältin hatte ihm vorgeworfen, er habe die drei Menschen auf dem Gehweg töten wollen. Er habe die Mutter und ihren Sohn körperlich misshandelt und die Opfer seelisch geschädigt. Weil der Mann an einer paranoiden Schizophrenie leidet, habe er sich während der Fahrt aber in einem Zustand der Schuldunfähigkeit befunden. Die Staatsanwältin hatte deshalb in einem Sicherungsverfahren beantragt, dass er in einer Psychiatrie untergebracht wird.
Gericht folgt Staatsanwältin
Dieser Auffassung hat sich jetzt die 1. Große Strafkammer nach sieben Verhandlungstagen angeschlossen. Da der 26-Jährige schuldunfähig war, sei er für die Tat zwar nicht zu bestrafen, so das Gericht. Da er jedoch gefährlich für die Allgemeinheit sei, hat die Kammer seine Unterbringung im Maßregelvollzug in der forensischen Psychiatrie angeordnet. Der junge Mann aus dem Landkreis Esslingen fühlte sich von Nachbarn verfolgt und hörte deren Stimmen.
Zugespitzt habe sich die Situation, die schleichend im Jahr 2018 begonnen habe, als eine enge Freundin sich umbrachte. Über diesen Verlust hätten sich die Stimmen lustig gemacht, hatte er am zweiten Verhandlungstag geschildert. Um den vermeintlichen Nachstellungen der Nachbarn zu entkommen, zog er 2020 bei seinen Eltern aus und gründete mit einem Freund eine Zweierwohngemeinschaft.
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Nach einigen Monaten fühlte er sich aber auch hier von Nachbarn belästigt. Sie hätten ihn verfolgt und Sex-Bilder von ihm in Umlauf gebracht. In der Wohngemeinschaft hat er deshalb die Fenster seines Zimmers zugeklebt und die Linse seines Laptops abgedeckt. Einmal habe er sich mit einem Freund über die Stalker aus der Nachbarschaft ausgetauscht. In einem Fall habe er sogar die Polizei gerufen, weil die Nachbarn angeblich sein Auto beschädigen wollten. Die Beamten hätten ihm aber nicht geglaubt. Auf die Idee, zum Arzt zu gehen, sei er aber nie gekommen. „Ich dachte, alles ist real“, sagte der 26-Jährige, „ich hatte gehofft, dass es irgendwann besser wird.“
Irgendwann hörte er überall Stimmen
Später habe er die Stimmen auch am Arbeitsplatz gehört. Seinen Berufsalltag konnte er offenbar dennoch bewältigen. Sein Arbeitgeber hatte ihm kurz vor der Tat sogar zugetraut, eine Filiale zu leiten. Medikamente bekommt der 26-Jährige erst seit seiner Festnahme. Seitdem seien die Stimmen weg, sagte er während des Prozesses aus.
Die Tat hatte damals für großes Entsetzen gesorgt, passierte sie doch zu einer Uhrzeit, als viele Kinder und Eltern auf dem Weg zur Schule waren. Anfangs ging die Polizei von einem tragischen Unfall aus, korrigierte das aber schnell. Die 42-Jährige, die zwei Mal überrollt wurde, erlitt schwerste Verletzungen am ganzen Körper. Auch der Junge kam mit einem Knochenbruch ins Krankenhaus.