Der äthiopische Künstler Tesfaye Urgessa Entblößte Figuren

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Tesfaye Urgessa kam vor sechs Jahren mit einem Stipendium an die Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste. Heute sind die Werke des Äthiopiers nicht nur hochgelobt, er kann auch von ihnen leben.

Urgessa in seinem Nürtinger Atelier: „Meine Bilder sind eine Art Sprache. Ein Gedanke, verkörpert in menschlichem Fleisch.“ Foto: Horst Rudel, privat
Urgessa in seinem Nürtinger Atelier: „ Meine Bilder sind eine Art Sprache. Ein Gedanke, verkörpert in menschlichem Fleisch.“ Foto: Horst Rudel, privat

Nürtingen - Nein, er ist nicht in einem überfüllten Schlauchboot unter Lebensgefahr nach Europa gekommen. Doch wegen seines dunklen Teints und der Bilder, mit denen uns das Fernsehen und die Zeitungen Tag für Tag konfrontieren, vermuten viele Leute in Tesfaye Urgessa, wenn sie ihm auf der Straße begegnen, erst einmal einen Flüchtling. Dabei ist alles ganz anders.

„Die Beobachteten 11“

Vor sechs Jahren kauft Tesfaye Urgessa in einem Reisebüro in Addis Abeba ein Ticket und fliegt damit in die baden-württembergische Landeshauptstadt. Im Gepäck hat er die Zusage für einen Studienplatz an der Akademie der Bildenden Künste und ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdiensts. Vier Jahre lang studiert Tesfaye Urgessa bei Cordula Güdemann.

Schon vor dem Abschluss versucht er, auf dem Kunstmarkt Fuß zu fassen. Seine Bilder elektrisieren den Stuttgarter Galeristen Marko Schacher, der Urgessas Werke ausstellt. Seitdem ist der 32-jährige Künstler auf einem steilen Weg nach oben. Seine Bilder verkaufen sich gut, das Kunstmagazin „art“ stellte ihn im Dezember in seiner „Starter“-Serie vor: „Entdecken Sie die großen Künstler von morgen in unseren Kurzporträts“.

Allüren sucht man bei dem Äthiopier vergebens, der in Nürtingen lebt und arbeitet. Unprätentiös, warmherzig und offen – diesen Eindruck vermittelt er auf den ersten Blick. Sein frisch bezogenes Atelier, das er sich mit zwei Künstlerinnen teilt, ist fast fertig eingerichtet. Ein Mischbrett für die Ölfarben, Pinsel, Leinwände. In der Werkstatt hängt an der Wand eine Kohleskizze. Mit ihr ist Urgessa nicht zufrieden, er wird die Zeichnung verwerfen. Dennoch vermittelt dieser „Rohling“ eine Vorstellung davon, welche Art von Werken der Künstler schafft.

Geschundene Subjekte

Die großformatigen Bilder zeigen geschundene Subjekte – „verlorene Seelen“, wie Adrienne Braun in ihrem Beitrag für „art“ schreibt. Die halb abstrakten Figuren sind nackt und damit den Blicken des Betrachters ausgeliefert. „Wie von Überwachungssystemen beobachtet und in beklemmenden Situationen gefangen, wortwörtlich in Leibeigenschaft genommen kommen uns da die Dargestellten vor“, so charakterisierte die Kunsthistorikerin Corinna Steimel die Bilder von Tesfaye Urgessa bei einer Ausstellung im Galerienhaus Stuttgart West. Doch die Blickbeziehung bleibt nicht einseitig. Die Figuren schauen zurück. Aus Voyeuren werden Beobachtete.

Wer sind diese Figuren, die den Dialog provozieren? „Wenn ich male, versuche ich, in den menschlichen Gestalten nicht bestimmte Personen darzustellen. Da mich die psychische Verfassung des Menschen interessiert, wie sie sich in Beziehung zu politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen herausbildet, sind die Figuren die wichtigsten Elemente meiner Bilder“, sagt Tesfaye Urgessa. „Sie sind eine Art Sprache, ein Gedanke, verkörpert in menschlichem Fleisch. Aus diesem Grund bin ich auch an ihrer Blöße interessiert. Sie deckt einen Teil jener Realität auf, die wir oft hartnäckig, berechnend und künstlich verbergen.“

Ungerechtigkeit macht ihn wütend. Urgessa schildert eine Situation, in der er sich so nackt und verletzlich fühlte wie seine Protagonisten. Eines Tages wird er zusammen mit einem befreundeten Afrikaner in der Stuttgarter U-Bahn von der Polizei kontrolliert. An diesem einen Tag muss er gleich drei Mal seinen Ausweis vorzeigen. Die anderen Fahrgäste mustern die Kontrollierten aus dem Zug heraus. Die letzte Bahn an diesem Tag fährt ohne sie ab. Der Student und sein Begleiter müssen zu Fuß nach Hause gehen. Urgessa fällt kein anderer Grund für die Kontrollen ein als seine Hautfarbe. „Ich war schockiert, weil ich davor noch nie in meinem Leben kontrolliert worden war.“ Die Erfahrung zieht ihn erst einmal runter. „Ich war damals entmutigt von der Vorstellung ständiger Kontrolle. Manche meiner Freunde, die schon länger in Deutschland leben, erzählten mir, dass ich mich mit der Zeit daran gewöhnen würde.“