Der Agnelli-Clan Die Kennedys Italiens

John Elkann, Enkel von Giovanni Agnelli, ist heute das Familienoberhaupt. Unter seiner Führung ist das Vermögen der Familie in den letzten 20 Jahren raketengleich gewachsen. Foto: dpa/Antonio Calanni

Von Ferrari über Iveco zu Juventus Turin: Die Industriellenfamilie Agnelli ist nicht nur bei diesen Unternehmen größter Aktionär. Die Agnellis werden oft als die heimlichen Herrscher des Landes bezeichnet. Was den Erfolg ausmacht.

Als Ferrari am 16. Juni am Firmensitz in Maranello bei Modena mit Journalisten, Analysten und Kunden den 75. Geburtstag feierte, blieb ein Gast ein wenig im Hintergrund: John Elkann. Gekleidet in einen leuchtend blauen, schmal geschnittenen Anzug, schüttelte der auch mit 46 jugendlich wirkende Manager Hände, plauderte ein wenig und nahm auf dem Podium Platz.

 

Er ist der entscheidende Mann bei Ferrari. Er ist Repräsentant der Familie Elkann/Agnelli, die über ihre börsennotierte Holding Exor nicht nur größter Aktionär bei Ferrari, sondern auch beim Autokonzern Stellantis, dem Land- und Baumaschinenkonzern CNH Industrial, dem Nutzfahrzeughersteller Iveco, dem Pressekonzern Gedi („L’Espresso“, „La Stampa“, „La Repubblica“), dem Fußballverein Juventus Turin, der Zeitschrift „Economist“, dem chinesischen Luxusgüterkonzern Shang Xia, dem französischen Luxus-Schuhhersteller Christian Louboutin und anderen Unternehmen ist. Die Agnellis werden oft als die Kennedys Italiens, die heimlichen Herrscher des Landes, bezeichnet.

Die Familie Agnelli ist heute diskreter

In der Öffentlichkeit ist die Familie viel weniger sichtbar als unter dem legendären Giovanni Agnelli (l’Avvocato). Der Lebemann und Playboy sowie langjährige Fiat-Chef machte einst mit Partys und teuren Jachten von sich reden. Sein Vater Giovanni Agnelli senior war Senator. Und mit Susanna Agnelli, Schwester des Avvocato, stellten die Agnellis in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts sogar eine Außenministerin.

Mit ihren Affären und Skandalen, ihrem wirtschaftlichen und politischen Einfluss, tragischen Schicksalsschlägen und Krankheiten, Flugzeugabstürzen und Autounfällen sowie des Suizids von Edoardo Agnelli, Sohn des Avvocato, haben die einstigen Großgrundbesitzer aus der Nähe von Turin, die 1899 den Autokonzern Fiat mitbegründeten, die Geschichte Italiens mitgeprägt. Sie überstanden Monarchie, Faschismus, Kriege und Wirtschaftskrisen sowie die diversen Phasen der manchmal schwierigen italienischen Demokratie.

Die Familie ist heute diskreter. Unter der Führung John Elkanns, des Enkels des Avvocato, ist das Vermögen in den letzten 20 Jahren raketengleich gewachsen. Die aus neun Familienzweigen in drei Obergruppen und mehr als hundert Einzelvertretern bestehende Familie ist wirtschaftlich erfolgreicher denn je.

Die Investmentgesellschaft Exor hat eine gut gefüllte Kasse

Die diversen Beteiligungen werden überwiegend über die in den Niederlanden börsennotierte Holding Exor gehalten. Sie wiederum wird von der Giovanni Agnelli BV kontrolliert, die 53 Prozent der Exor-Kapital- und 85 Prozent der Stimmrechte hält. An der Giovanni Agnelli BV sind die drei Geschwister John, Lapo und Ginevra Elkann über ihre Privatholding Dicembre mit 38 Prozent beteiligt.

Zwar hat die jüngste wirtschaftliche Entwicklung den Börsenwert vieler Beteiligungen gedrückt. Doch die Einnahmen sind noch immer üppig. Und Exor hat dank des Verkaufs des Rückversicherers Partner Re rund neun Milliarden Euro in der Kasse, die größtenteils in Investitionen in den Sektoren Luxusgüter, Technologie und Gesundheit fließen sollen.

Entscheidend für die positive Entwicklung war der langjährige Fiat-Chrysler-Chef Sergio Marchionne. Der Finanzfachmann nahm den damals blutjungen und schüchtern wirkenden John Elkann Anfang des Jahrtausends an die Hand. Der Sohn von Giovanni Agnellis Tochter Margherita und des französischen Schriftstellers Alain Elkann war vom Avvocato zu seinem Nachfolger bestimmt worden.

Marchionne rettete den Fiat-Konzern, fusionierte ihn mit Chrysler, gliederte CNH Industrial und Ferrari aus und schuf so die Grundlage für den gewaltigen Aufschwung. Er starb 2018. Elkann, der Fiat-Chrysler mit Peugeot fusionierte, ist heute unumstrittener Herrscher des Clans. Nach Berechnungen der Zeitung „Domani“ gehört er durch seine diversen Posten als Exor-, Ferrari- und Stellantis-Präsident sowie Exor-Chef auch als Manager zu den absoluten Spitzenverdienern. In den letzten zehn Jahren soll er so jährlich mindestens 20 Millionen Euro „dazuverdient“ haben.

Auch die anderen Familienzweige kommen nicht zu kurz. John Elkanns Cousin Alessandro Nasi, Jahrgang 1974, ist Vizepräsident von Exor, sitzt im Board von CNH und ist Präsident der Robotik-Tochter Comau. Cousin Andrea Agnelli, Jahrgang 1979, sitzt im Stellantis-Verwaltungsrat und ist Chef von Juventus Turin. Er steht im Mittelpunkt von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Turin wegen angeblicher Bilanzfälschung, der Verbreitung von Falschinformationen und der Ausstellung fingierter Rechnungen.

John Elkanns Bruder Lapo hat in der Vergangenheit durch Drogen- und Sexexzesse von sich reden gemacht. Nach vielen unsteten Jahren lebt er seit der Heirat mit der ehemaligen portugiesischen Autorennfahrerin Joana Lemos in deren Heimat und unterstützt aktiv soziale Organisationen. Mit Santiago Marone Cinzano, Jahrgang 1994, rückte bereits ein Vertreter der sechsten Generation in den Familienrat ein.

Ganz friedlich ist die Lage in der Familie nicht. John und Lapo Elkanns Mutter Margherita, Tochter des Avvocato, fühlt sich und die fünf Kinder aus ihrer zweiten Ehe ums Erbe betrogen und klagt gerichtlich in Genf gegen ihre Söhne aus erster Ehe. Insofern sind auch die Agnelli-Elkanns nicht anders als andere Familien.

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