Auch sonst wirkt Gotthardt vor der Erfüllung seines großen Traums, den er mit dem Sieg bei der Hylo PDC Europe Super League Anfang November hat wahr werden lassen, reichlich unaufgeregt. Sein Training läuft, nach einer kurzen krankheitsbedingten Pause direkt nach der Qualifikation, „nicht anders als sonst“, wie er sagt: entweder im heimischen Übungsraum in Aichelberg oder auch mal bei seinem langjährigen Sponsor Evolution, dem einzig ernsthaften deutschen Darts-Hersteller, der seine Pfeile in Möglingen bei Ludwigsburg fertigt. „Hauptsächlich spiele ich aber gerade Turniere, um in den Wettkampfmodus zu kommen“, betont Gotthardt.
Als Zuschauer nicht, als Spieler sofort
Auch seinem Erst-Runden-Match in der Nachmittagssession am 16. Dezember – das Los hat ihm den vor allem bei der WM meist stark spielenden Schotten Alan Soutar als Gegner beschert – blickt der Vater einer vierjährigen Tochter gelassen entgegen: „Es hätte leichter werden können als gegen die Nummer 50 der Welt, aber auch schwerer.“ Er mache sich jedoch keine großen Gedanken darüber und schon gar nicht verrückt, fügt er hinzu. „Ich gehe das an, wie jedes Turnier.“ Situationen, wie es sie beim Kampf um den Weltmeistertitel im Ally Pally geben könne, ließen sich eh nicht simulieren.
Nach England reisen wird Kai Gotthardt, der in der Szene den Spitznamen „The Tunnel“ trägt, mindestens zwei Tage vor seiner Premiere im altehrwürdigen Darts-Palast. Dort gewesen ist er noch nie. „Für mich war immer klar, dass ich da nur als Spieler hin möchte und nicht als Zuschauer“, erklärt er. Druck macht er sich deshalb allerdings keinen. „Natürlich will ich das erste Spiel gewinnen, wichtiger ist es mir aber, da mal dabei zu sein. Und wenn ich meine Leistung zeige, wird man dann weitersehen“, sagt er.
Gotthardt: Ich hab’ öfter mal ’ne Doppelschwäche
Dass er bei einem Sieg in Runde eins von Weltranglistenplatz 135 in die Top 100 der Order of Merit klettern würde, hat Gotthardt nicht auf dem Schirm. „Tatsächlich weiß ich das nicht. Ich denke von Runde zu Runde, nicht weiter.“ Und das werde er auch nicht umstellen oder nur auf den Gegner schauen, sondern sich auf seine eigenen Stärken besinnen. Diese liegen zweifellos im Scoring, also im Punktesammeln. Das notwendige Finishen über die Doppel ist hingegen noch ausbaufähig. „Ich hab’ öfter mal ’ne Doppelschwäche, das stimmt“, räumt der Aichwalder ein. „Warum es dann aber plötzlich doch wieder funktioniert, weiß ich nicht.“
Während er an diesem Punkt weiter arbeiten wird, wird er das an einer anderen Stelle nichttun: Obwohl viele vermeintliche Experten seine oft emotionale Art kritisieren, wird Gotthardt daran nichts ändern: „Ich zeige auf der Bühne, ob ich zufrieden bin oder nicht, damit fühle ich mich wohl. Was andere darüber denken, kümmert mich nicht.“ Schließlich gebe es den einer oder anderen Darts-Profis, der ebenfalls aus sich herausgehe. Apropos Profi: Bei der WM dabei zu sein, findet er „wirklich schön“.
Wichtiger sei für ihn aber die Zeit danach, betont der frühere Außendienstler ausdrücklich: „Dass ich mir im Januar bei der Qualifying School die Karte für PDC-Tour hole, ist aber viel entscheidender.“ Da wäre er dann in der Tat sehr gerne „Unstoppable“.
Vom 15. Dezember an fliegen im Ally Pally die Pfeile
Weltmeisterschaft
Die PDC-Darts-WM in London geht vom 15. Dezember bis zum 3. Januar. 96 Spielerinnen und Spieler haben sich für das Titelrennen im Alexandra Palace, dem legendären Ally Pally, qualifiziert, darunter sechs Deutsche. Neben Kai Gotthardt treten auch Martin Schindler, Gabriel Clemens, Ricardo Pietreczko, Florian Hempel und Niko Springer ans Board.
Modus
Gespielt wird im Ally Pally in einem – im Darts eher unüblichen – Satzmodus und von Beginn an im K.o.-System. In der zweiten Runde greifen die gesetzten Spieler ins Geschehen ein. Dotiert ist das Turnier mit 2,5 Millionen Pfund (3 Millionen Euro). Allein dem Sieger winken 500 000 Pfund (rund 600 000 Euro). Titelverteidiger ist Luke Humphries.
Fernsehen
So gut wie alle Sessions der WM, meist sind es zwei pro Tag, werden von Sport 1 im Free-TV live übertragen. Spielfrei sind lediglich die drei Weihnachtstage sowie der 31. Dezember.