Otto-Katalog Abschied vom gedruckten Warenhaus

Immer ein bisschen mondäner als die Konkurrenz: die Kataloge des Versandhauses Otto Foto: dpa

Nach 68 Jahren wird der Otto-Katalog, das Warenhaus auf Papier, abgeschafft. Die Erinnerungen an den dicken Freund werden aber überleben. Ein Nachruf auf den Vorgänger von Amazon.

Stuttgart - Mit diesem fetten Wälzer flatterte einst Aufgeregtheit in die Stuben. Wer sich den Otto-Katalog schnappen konnte, verfiel in stundenlange Stillarbeit. Jeder auf seine Weise. Großmütter neigten dann in den siebziger Jahren dazu, ihr Cognac-Fläschchen schon bei Tageslicht zu köpfen, um im Wohnzimmer kettenrauchend das bildgewordene Wirtschaftswunder zu feiern. Das Schaufenster zur Welt bot außer Föhnhauben und Popeline auch ein großes Versprechen: Es kann nur besser werden.

 

Die Männer im Otto-Katalog präsentierten guten Stil lange Zeit mit Whiskey und Zigarre. Frauen wurde eher Putzzeug nahegelegt, Kindern – früh übt sich – ebenfalls („Für sie und es“). Für die Kleinen waren aber auch Revolver und Negerpuppen im Angebot. Damals ging noch alles.

Handfester als eine App

Diese ausgiebigen Schmökerstunden jenseits des Internets, dieses gedruckte Warenhaus gibt es bald nur noch in der Erinnerung. Angeblich haben zuletzt nur noch drei Prozent der Kunden mit Bestellschein, Fax oder Telefon beim Otto-Versand eingekauft. Alle anderen sind längst digital unterwegs, per App.

So bleibt der Otto-Versand als Amazon-Konkurrent erhalten. Aber das Rascheln von Seiten, das Groß und Klein dahin entführt hat, wo sie sich hingewünscht haben, verstummt. Der letzte Katalog ist Ende 2018 erschienen. Lange nachdem Konkurrenten wie Quelle und Neckermann, die nie ans Mondäne von Otto heranreichten, aufgeben mussten. Heute ist alles überall erreichbar. Per Mausklick. Das ist bequem, bietet aber keinen sinnlichen Mehrwert. Mit dem Katalog hatte man bereits etwas Festes in den Händen, eine greifbare Verheißung jener Waren, die – um einiges später als im heutigen 24-Stunden-Handel – vom Postboten gebracht werden konnten.

Auflage 10 Millionen

In den fünfziger und sechziger Jahren huschten die Blicke der Mütter noch über von Hand gezeichnete Unterwäschebilder, später über Dessous auf Fleisch und Blut. Hier und da wurde ein Eselsohr geknickt, später folgten stundenlange Telefonate. Die Länge einer heutigen I-Ban-Nummer ist nichts gegen eine Bestellzahl in diesem Sammelband aller Möglichkeiten. Hipper ging es damals nicht.

Der erste Otto-Katalog kam 1950 in einer Auflage von 300 Exemplaren auf den Markt und präsentierte auf 14 Seiten, die von einer Kordel zusammengehalten wurden, nichts anderes als 28 Paar Schuhe. Deren Bildchen waren einzeln eingeklebt wie in einem Sammelalbum. Bald gab es in ganz anderer Ausfertigung rauchende Männer und halbnackte Damen zu beträumen, schließlich Ali-Baba-Höhlen voll mehr oder weniger nützlicher Güter. Jahrzehntelang erschien der Hauptkatalog zweimal jährlich kiloschwer in einer Auflage von rund zehn Millionen Exemplaren.

Griff zur Schere

Alle Kinder wussten: wenn die Erwachsenen genug gestaunt und bestellt hatten, waren sie dran. Ihnen war herzlich egal, ob sie einen Spiegel der Gesellschaft vor sich hatten. Oder wie chic es war, dass Topmodels wie Heidi Klum oder Claudia Schiffer das Titelbild zierten. Der Otto-Katalog gehörte jetzt ganz ihnen und ihrer Vorstellungskraft. Viele der kleinen Konsumenten manifestierten ihren Besitzanspruch an das gewichtige Stück mit dem Griff zur Schere.

Die einen schnippelten sich Wunschzettel draus, blätterten raschelnd und zielsicher über die vielen Modeseiten hin zu den Spielsachen, richteten ihr Wunschzimmer ein: unten links, Seite soundso, bitte. Andere bastelten sich Anziehpüppchen aus den ausgeschnittenen Frauen, Frisuren und Kleidern. Wie viele kunterbunte Collagen werden in all den Jahren aus Katalogpapier wohl entstanden sein?

Mehr Lockung ging nicht

Die Mädchen waren entzückt darüber, dass man Anfang der siebziger Jahre Ponys („Jetzt Schulterhöhe 80 cm, bei Kauf vermutlich 89 cm“) für 745 Mark bestellen konnte, „springlebendige, süße Ponys“. Mehr Angebot ging nicht. Die Jungs werden die Unterwäscheseiten nicht vergessen. Mehr Lockung ging nicht.

Ein bisschen Wehmut kam immer auf, wenn ein Otto-Katalog zum Ende seiner Gültigkeit in den Müll wanderte: Er war ja mehr als Warenkatalog gewesen, war Traumsammlung, Spielkamerad, Hoffnungszündholz, Erinnerungsalbum. Vielleicht glitt über der Mülltonne noch ein gepresstes Kastanienblatt aus den Seiten. Abschied und ein leichtes Gefühl des Verpassthabens gehörten auch zum Otto-Katalog. Aber der alte hatte nur ausgedient, weil ein neuer herandrängte. Ritual und Träumen gingen weiter. Damit ist nun Schluss. Dieser Otto-Katalog geht irgendwann in den Müll – und es kommt kein neuer nach.

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