Der Allgäuer Gottfried Härle Pazifist, Ökopionier, Bierbrauer
Gottfried Härle aus dem Allgäu ist vieles in einer Person: Pazifist, Ökopionier, Bierbrauer. Vor 40 Jahren plante er die längste Menschenkette, die das Land bis heute gesehen hat.
Gottfried Härle aus dem Allgäu ist vieles in einer Person: Pazifist, Ökopionier, Bierbrauer. Vor 40 Jahren plante er die längste Menschenkette, die das Land bis heute gesehen hat.
Als er noch ein Kind war, fragte ihn die Großmutter: „Welche Farbe willst du für deine Socken haben?“ Spontan sagte Gottfried: „Rot.“ Seitdem strickte ihm die Oma den Fußwärmer in dieser Farbe. Rote Kniestrümpfe für den Winter, rote Socken fürs Frühjahr.
Die Großmutter von Gottfried Härle lebt nicht mehr, doch diese farbige Anekdote hat sie überdauert. Sie lebt weiter in einer Marotte des heute 69 Jahre alten Enkels. Wenn er die Beine der groben Cordhose hochzieht, blitzt diese Farbe über den Arbeitsschuhen auf.
Härle benötigt solche äußeren Markenzeichen eigentlich nicht. Er ist selbst eines – in seiner Heimat im schwäbischen Allgäu ebenso wie in Stuttgart. Er verkörpert einen Typ von Unternehmer, der in Baden-Württemberg noch immer rar gesät ist: Härle ist Mitglied der Grünen und auch langjähriger grüner Stadtrat in Leutkirch. Zugleich schafft er aus Herzenslust als Unternehmer und Vordenker seiner Branche. Seine Brauerei wagte sich als erste im Land an Biobier. „Das war in den 80er Jahren so ungewöhnlich, dass wir es anfangs nicht auf die Etiketten schrieben“, erzählt Härle. Erst später, als viele begriffen, dass Bio nicht unbedingt ungesund oder ungenießbar sein muss, wanderten die drei Buchstaben auf die Flaschen.
Härle sitzt im Kontor der Brauerei. „Kontor hieß das Büro schon zu Zeiten meines Urgroßvaters Clemens“, bemerkt er lächelnd. Das kann ruhig so bleiben. Oder doch Office? Der Firmenchef sieht keinen Grund, einen alten Betrieb mit sprachlichem Lametta zu veredeln. Das Bier, sein Bier wird dadurch nicht besser. Das Mobiliar im Kontor könnte aus einer alten Wirtschaft stammen, die Eckbank im rechten Winkel inklusive. 16 Grad zeigt das Thermometer an. Das ist kernig und spart zugleich Energie.
Als eines von drei Kindern wuchs Gottfried in einer behüteten Umgebung auf. Die Härles waren im kleinen Leutkirch bekannt. Vater und Onkel leiteten die Familienbrauerei am Rand der Altstadt. So eine Brauerei bildet ein kleines Reich für sich. Die Familie wohnte oben, im Erdgeschoss waren die Büros. Gegenüber lag die Landwirtschaft mit dem Stall für die Rösser. Einige Meter weiter die Produktion in einem hohen Riegel aus der Gründerzeit. Nicht zu vergessen die zugehörige Gaststätte Mohren (die ihren Namen behalten wird).
Der Geruch von Pferden und dampfender Maische durchzog Gottfrieds Kinderzimmer, rollende Fässer und bremsende Lastwagen rauschten in den Ohren. Da brauchte er weder Radio noch Fernsehen, um seine Fantasie in Schwung zu bringen.
Die Pubertät wirbelte dieses großbäuerliche wie auch katholische Gefüge auf. Härles älterer Bruder verweigerte den Wehrdienst, was für das konservative Leutkirch einer Sensation gleichkam. Auch Gottfried erwachte, er wollte den Kopf in die Welt hinausstrecken. So wurde er, die Eltern waren durchaus tolerant, ein Jahr lang aus der Schule genommen. Er verbrachte es in einer Familie im Mittleren Westen der USA. Das war 1971, als die USA noch tief im Vietnamkrieg steckte. Der 17-jährige Gottfried lernte Vietnamveteranen kennen, hörte ihre Frontberichte, erlebte traumatisierte junge Menschen, die kaum ein paar Jahre älter waren als er. Die Berichte magnetisierten ihn. Er wurde zum Pazifisten. So war es konsequent, dass er nach der Rückkehr und nach dem Abitur den Kriegsdienst verweigerte. Das war schon wieder ein Stammtischgespräch. „Man hat erst übers Bier gesprochen, dann über den Bierbrauer und dann über seine Kinder“, sagt er im Rückblick.
Den kritischen Blick auf alles Soldatische und sogenannte militärische Lösungen brachte er mit zurück in die Allgäuer Heimat. Er gründete in den 70ern eine Friedensgruppe in Leutkirch, auch das war ein Novum in diesem bis heute gemächlichen Allgäustädtchen. Die jungen Pazifisten holten prominente Redner in den Ort. Sie lernten Inge Aicher-Scholl kennen, die Schwester von Hans und Sophie Scholl (beide 1943 hingerichtet). Gottfried Härle beobachtete, sammelte, sichtete. Und dann die Berichte des Club of Rome, die ihn elektrisierten. „Damals reifte in mir die Überzeugung, dass es planetare Grenzen des Wachstums gibt.“ Die Frage des Friedens und einer gefährdeten Natur nahmen ihn in Beschlag. Heute noch.
Als ihn 1983 der Aktivist und Rüstungsgegner Uli Thiel anrief, schlug er sofort ein. Thiel träumte von einer Demonstration, wie sie der Südwesten noch nie gesehen hatte: Eine Menschenkette sollte Ulm und Stuttgart verbinden (in beiden Städten waren US-Einheiten stationiert). Der Anlass war der umstrittene Nato-Beschluss, in der Bundesrepublik atomare Raketen aufzustellen.
Härle, damals 29 Jahre alt und VWL-Student mit Abschluss, schlug seine Zelte im Aktionsbüro auf. Auch seine Freundin Ursula war mit von der Partie. „Wir haben die Menschenkette systematisch vorbereitet. Um die 108 Kilometer abzudecken, rechneten wir optimistisch mit 130 000 Teilnehmern.“ 48 Sonderzüge wurden bestellt und zugeteilt, um auch jeden Streckenmeter abzudecken.
Und es funktionierte. Am 22. Oktober 1983 waren mehr als 300 000 Menschen auf den Beinen, mit und ohne Kinder, an Krücken und mit Wanderstöcken waren sie gekommen, das Vesper im Rucksack. „Und das ohne Handy und ohne Fax – meine Güte.“ Härle kann es bis heute nicht fassen, dass der Plan tatsächlich aufging. Die Gegner stellten zunächst in Abrede, dass die Kette lückenlos bestückt war. Doch gibt es bis heute kein Bild, das eine Unterbrechung belegen würde. Im Gegenteil: Man sieht auf Fotos, wie die Kette immer wieder natürliche Wellen und Dellen bildet, damit sie auch alle Menschen fassen kann.
Dann folgte der Sprung vom studentischen Aktivismus ins Arbeitsleben. Gottfried Härle folgte dem väterlichen Ruf und übernahm die Brauerei. Für ihn schloss sich der Lebenskreis. Er und Ursula, inzwischen seine Frau, kehrten zurück. Er ließ sich in die Pflicht nehmen. Worte wie Verantwortung nahmen einen breiten Raum ein. Für seine Firma entwickelte er ein Wertegerüst. Wer, wenn nicht die Firmen mit ihrem enormen Energiehunger und ausgreifender Mobilität, sind da in der Pflicht?
Härle redete und handelte. Er wurde zum grünen Unternehmer. Damals, in den späten 80er Jahren, war das noch eine seltene Spezies, beäugt wie das Zebra, das sich in einen Kuhstall verirrt hat. Inzwischen glänzt grünes Unternehmertum als eigene Marke. Härle hat es praktiziert, als das nicht nur als exotisch galt, sondern fast schon ein Gschmäckle hatte.
Da lag es nahe, dass er den Grünen beitritt. Bis heute sitzt er für die Partei im Gemeinderat von Leutkirch. Aus der letzten Wahl ging er als Stimmenkönig hervor. Läge da eine politische Karriere nicht nahe, eine Kandidatur für den Landtag zum Beispiel? „Diese Frage hat sich mir nie gestellt“, sagt Härle schnell. „Als Unternehmer habe ich einen größeren Entscheidungsspielraum, ich muss niemanden fragen.“ Ein Beispiel: Vor 15 Jahren rüstete er die Brauerei mit einer Holzschnitzelanlage aus. Viele rümpften die Nase. Sie rieten zur Energiequelle Gas, das sei doch viel billiger. Heute liegt er mit seiner Entscheidung vorne und muss die Politik der russischen Gasbarone nicht fürchten. Das Bier kocht und siedet er mithilfe von zerkleinertem Fundholz. „Wir arbeiten nur mit regenerativer Energie.“
Klar, sagt Härle, er wolle natürlich auch Gewinn machen. Doch sei dessen Maximierung nicht sein oberstes Ziel. In sein Wertegerüst hat er andere Balken eingezogen: Er will ein ehrliches Bier verkaufen, regional soll es sein. Der ungespritzte Hopfen wächst in Tettnang, die Brauergerste hat nie Dünger gerochen. Alle Zutaten werden aus dem Hügelland des westlichen Allgäus geschöpft.
Der grüne Konservative dürfte längst in den Ruhestand gleiten, wenn er denn wollte. Doch schwärmt Gottfried Härle von der Schönheit langen Arbeitens. Er spricht vom „Privileg, selbst zu entscheiden, wann ich gehe“. Seine Nachfolgerin Esther Straub läuft sich längst warm und arbeitet im Kontor als Co-Geschäftsführerin. Er wird sie noch lange begleiten. Härle erinnert an seinen Vater: „Noch eine Woche vor seinem Tod schaute er regelmäßig vorbei.“ Vor allem die Technik hätte den Senior damals interessiert. Bis zuletzt brachte er seine Erfahrung ein.
Und überhaupt: „Ich halte es für ein Unding, dass fitte Leute mit einem Schlag aus dem Arbeitsleben verschwinden“, sagt Gottfried Härle. Die Rente, scheinbar lange ersehnt, werde da schnell zum Keulenschlag. Er werde weitermachen. Hobbys? Keine. Nur der tägliche Spaziergang mit dem Hund. „Arbeit und Freizeit trenne ich nicht so genau.“
Nach zwei Stunden zwischen Kontor und Sudhaus zieht Gottfried Härle eine alte Uhr, die an einer zierlichen Kette hängt, aus der rechten Hosentasche. „Dann schaue ich nicht so oft drauf“, sagt er. Erst jetzt fällt auf: Der Mann in Cord und roten Socken legt kein Smartphone auf den Tisch, bevor er ein Gespräch beginnt. Kein Piepsen, kein Klingeln, kein eiliges Telefonat, das er mal schnell entgegennehmen muss. Härle spricht konzentriert, immer auf den Punkt und bei der Sache. Seine Mitarbeiter haben einen ungewöhnlichen Chef. Einen grünen Patriarchen.