Der Autor Arno Schmidt Der Sprachzerknacker aus der Heide

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Literaturgenie und Kleinbürger, Menschenhasser und Naturliebhaber: der heute vor hundert Jahren geborene Arno Schmidt war eine faszinierende Mischung. Vor allem aber hat er die vitalsten Texte der Nachkriegsrepublik geschrieben.

Undurchdringbar unscheinbar: der Autor Arno Schmidt Foto: dpa
Undurchdringbar unscheinbar: der Autor Arno Schmidt Foto: dpa

Stuttgart - Mit dem Satz „Hier, darauf warten Sie doch schon lange, das neueste Meisterwerk unseres Groß­genies“ dürften wohl nur wenige deutsche Buchhändler ihre Stammkunden zu Lebzeiten Arno Schmidts mit dessen Werken bedrängt haben. Einer enthusiasmus­wilden kleinen Schar von Schmidt-Jüngern stand eine desinteressierte, skeptische, wenn nicht gar höhnische literaturinteressierte Öffentlichkeit gegenüber. Schmidt war für sie der Spinner aus der Heide, ein spleengeschüttelter Sprachzerknackungskauz, ein hinter Bildungssperrmüll verbunkerter Menschenfeind, ein frustrationszerfurchter Lebenswegentgleister mit herrenmenschelnden Titanenallüren.

Stimmt ja auch alles. Der heute vor hundert Jahren in Hamburg-Hamm als Polizistensohn geborene Arno Schmidt lässt sich so beschreiben, aber nicht fassen. Je mehr Zeit verstreicht, desto übler vergilben viele Werke, die man in der jungen Bundes­republik für die vitalste, bedeutsamste Literatur der Epoche hielt. Und desto frischer und unmittelbarer springen uns die auf Abseitigkeit stolz und kunstvoll hingetrimmten Werke des begnadet-verfluchten Selbstinszenierungstricksers Schmidt an.

Er war nicht bloß ein Sprachgewaltiger, auch wenn beispielsweise die Schilderung eines Luftangriffs in „Aus dem Leben eines Fauns“ (1953) ihm diesen Titel schon alleine sichern würde: „Ein dreistöckiger Bunker begann sich zu regen: er brummte verschlafen und bewegte Schulterblättriges; dann warf er gurgelnd Dach und Wände ab und die senkrechte Morgenröte machte uns gleich Kleider aus feuerfarbenem Taft und viele hitzige Rosengesichter (bis der schwarze Schlag die Erde unter uns wegzog wie ein Sprungtuch: Ein Auto mit Löschpersonal stürzte wirbelnd vom Himmel, krümmte sich ein paarmal und verreckte nickend im Kies; die Leichen lehnten animiert umeinander).

Figuren und Plots sind eher nebensächlich

Schmidt hinterfragt und thematisiert das Werkzeug, das er so virtuos nutzt, nimmt es vor unseren Augen auseinander und setzt es neu zusammen, um damit Unerprobtes anzustellen. In Schmidts Büchern geht es um die Sprache: Plots und Figuren sind nur Mittel zum Zweck.

Der Beamtensohn gab sich später gern als polymorphes Bildungswunder, als Neugierkrake in den Meeren der Naturwissenschaften, der Geistes-, Kultur-, Welt- und Landesgeschichte aus, aber den Absprung aus dem häuslichen Wohnküchenmief in ein geisteswissenschaftliches Studium hatte er nicht geschafft. 1934 hatte er eine kaufmännische Lehre bei einem Hersteller von Berufs­bekleidung begonnen und war dort Lagerbuchhalter geblieben, bis er 1940 eingezogen wurde.

Das Schreibstubensoziotop hat er gehasst, aber mit Zahlen und Formeln, Kladden und Ordnungssystemen konnte er etwas anfangen. Schmidt gehörte nicht zu jenen Autoren die sich als Ankläger eines naturwissenschaftlichen Angriffs aufs Humane sahen, sondern pochte auf eine ältere Grenzziehung: hie Dichtung und Wissenschaft, dort die Dummheit der Fürsten und der Obskurantismus ihrer Hofkaplane.