Literaturgenie und Kleinbürger, Menschenhasser und Naturliebhaber: der heute vor hundert Jahren geborene Arno Schmidt war eine faszinierende Mischung. Vor allem aber hat er die vitalsten Texte der Nachkriegsrepublik geschrieben.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)

Stuttgart - Mit dem Satz „Hier, darauf warten Sie doch schon lange, das neueste Meisterwerk unseres Großgenies“ dürften wohl nur wenige deutsche Buchhändler ihre Stammkunden zu Lebzeiten Arno Schmidts mit dessen Werken bedrängt haben. Einer enthusiasmuswilden kleinen Schar von Schmidt-Jüngern stand eine desinteressierte, skeptische, wenn nicht gar höhnische literaturinteressierte Öffentlichkeit gegenüber. Schmidt war für sie der Spinner aus der Heide, ein spleengeschüttelter Sprachzerknackungskauz, ein hinter Bildungssperrmüll verbunkerter Menschenfeind, ein frustrationszerfurchter Lebenswegentgleister mit herrenmenschelnden Titanenallüren.

Stimmt ja auch alles. Der heute vor hundert Jahren in Hamburg-Hamm als Polizistensohn geborene Arno Schmidt lässt sich so beschreiben, aber nicht fassen. Je mehr Zeit verstreicht, desto übler vergilben viele Werke, die man in der jungen Bundesrepublik für die vitalste, bedeutsamste Literatur der Epoche hielt. Und desto frischer und unmittelbarer springen uns die auf Abseitigkeit stolz und kunstvoll hingetrimmten Werke des begnadet-verfluchten Selbstinszenierungstricksers Schmidt an.

Er war nicht bloß ein Sprachgewaltiger, auch wenn beispielsweise die Schilderung eines Luftangriffs in „Aus dem Leben eines Fauns“ (1953) ihm diesen Titel schon alleine sichern würde: „Ein dreistöckiger Bunker begann sich zu regen: er brummte verschlafen und bewegte Schulterblättriges; dann warf er gurgelnd Dach und Wände ab und die senkrechte Morgenröte machte uns gleich Kleider aus feuerfarbenem Taft und viele hitzige Rosengesichter (bis der schwarze Schlag die Erde unter uns wegzog wie ein Sprungtuch: Ein Auto mit Löschpersonal stürzte wirbelnd vom Himmel, krümmte sich ein paarmal und verreckte nickend im Kies; die Leichen lehnten animiert umeinander).

Figuren und Plots sind eher nebensächlich

Schmidt hinterfragt und thematisiert das Werkzeug, das er so virtuos nutzt, nimmt es vor unseren Augen auseinander und setzt es neu zusammen, um damit Unerprobtes anzustellen. In Schmidts Büchern geht es um die Sprache: Plots und Figuren sind nur Mittel zum Zweck.

Der Beamtensohn gab sich später gern als polymorphes Bildungswunder, als Neugierkrake in den Meeren der Naturwissenschaften, der Geistes-, Kultur-, Welt- und Landesgeschichte aus, aber den Absprung aus dem häuslichen Wohnküchenmief in ein geisteswissenschaftliches Studium hatte er nicht geschafft. 1934 hatte er eine kaufmännische Lehre bei einem Hersteller von Berufsbekleidung begonnen und war dort Lagerbuchhalter geblieben, bis er 1940 eingezogen wurde.

Das Schreibstubensoziotop hat er gehasst, aber mit Zahlen und Formeln, Kladden und Ordnungssystemen konnte er etwas anfangen. Schmidt gehörte nicht zu jenen Autoren die sich als Ankläger eines naturwissenschaftlichen Angriffs aufs Humane sahen, sondern pochte auf eine ältere Grenzziehung: hie Dichtung und Wissenschaft, dort die Dummheit der Fürsten und der Obskurantismus ihrer Hofkaplane.

Monologe aus Gedankensplittern

Konsequenter als jeder andere griff er auf die Experimente des Expressionismus zurück, obwohl er sich anderseits auf Autoren des 18. Jahrhunderts wie auf Zeitgenossen berief. Den Bewusstseinsstrom bei James Joyce begriff er als große Umwälzung des Erzählens, ließ das bloße Dahinströmen in den eigenen Texten aber nicht zu. Die Monologe seiner fast nur an den Namen unterscheidbaren Erzähler bestehen aus Splittern unterschiedlicher Gedankenschichten, mal kaleidoskopartig geordnet, oft zu den kryptischen Scherbenspielen zerborstener Spiegel gelegt.

In seinen Sätzen bewahrt er Werbe- und Mediensprache auf, Alltagsgeraunze und Dialektformen, konfrontiert das mit Literaturzitaten, eigenen Vulgarismen und Provokationen und ständigen Freud’schen Elmsfeuern der Triebigkeit. In „Seelandschaft mit Pocahontas“ etwa (1953 entstanden), dem „Steinernen Herz“ (1956 erschienen) und bis hin zu „Kaff auch Mare Crisium“ (1960) entsteht so ein faszinierendes Konglomerat aus Kleinbürgerressentiment, Anarchistentrotz, Patriarchenpeinlichkeit, Hirnkometenglanz, Bildungshuberei, Denkmalstürzerwut, Natur- begeisterung, Sprachanalyse, Genialität und Taschenspielerei.

Dann aber verfängt und verbohrt sich der seit 1958 mit seiner Frau Alice in einer Klitsche in Bargfeld in der Lüneburger Heide Lebende in den eigenen Methoden, Besessenheiten und Gaukeleien. Im Großwerk „Zettels Traum“ will er seine von Freud abgeleiteten Theorien über Denken und Sprache vorführen, Edgar Allen Poe zergliedernd würdigen, seine ganzen alten Projekte von der Abrechnung mit deutschem Kleingeist über das bessere Leben vor der Folie des manisch Erlesenen bis hin zum verkniffenen Wüten den unvermeidlichen Verfall des Körpers weitertreiben.

Aber das in drei parallel zu lesende Spalten geteilte, als Typoskript gedruckte Buch wird eine jahrelang die Produktivkraft bindende Selbstkarikatur von Schmidt. Es gab Exegeten, die sich diesem Buch wie einer schwer zu enträtselnden Offenbarung widmeten – und viele enttäuschte, verwirrte, geschockte Leser. Im Nachhinein aber erscheint dieser Fehlschlag von bitterer Logik: Wer unter seinen Zeitgenossen hätte den 1979 gestorbenen Arno Schmidt entzaubern, ihm die Grenzen weisen können? Er musste das schon selbst tun.

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