Der Autor Eugen Ruge über Neonazis Das Rumoren des Umbruchs

Eugen Ruge ist ein Chronist ostdeutscher Befindlichkeiten Foto: dpa
Eugen Ruge ist ein Chronist ostdeutscher Befindlichkeiten Foto: dpa

In Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ driftet ein Professorenenkel nach rechts ab. Parallelen zum Thüringer Terrortrio drängen sich auf.

Kultur: Stefan Kister (kir)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Der Rechtsextremismus ist kein spezifisch ostdeutsches Problem. Und doch ist es kein Zufall, dass sich die Blutspur der neonazistischen Bombenbastler von Thüringen aus durch das Land gezogen hat. Der ostdeutsche Schriftsteller Eugen Ruge verfolgt in seinem preisgekrönten Romandebüt, wie der Schatten der Diktatur in die Nachwendejahre hineinreicht. Er erklärt, warum das titelgebende „abnehmende Licht“ in Teilen diese bräunliche Färbung angenommen hat.


Herr Ruge, Sie leben in Berlin und auf Rügen. Das gehört zu Mecklenburg-Vorpommern, dem Bundesland mit dem höchsten Rechtsextremistenanteil in Deutschland. Wie erleben Sie das?
Es gibt Unterschiede zwischen der Lage in Mecklenburg-Vorpommern und auf Rügen. Und es gibt Unterschiede zwischen dem Zentrum der Insel und den touristischen Küstengegenden. Dort, wo ich lebe, geht es den Menschen nicht schlecht, der Tourismus funktioniert. Prompt bekommt man dort auch zu Wahlzeiten keine NPD-Plakate zu Gesicht.

Ist der Zusammenhang so einfach?
Neonazismus hängt nun einmal elementar mit der wirtschaftlichen Lage einer Region zusammen. In den strukturschwachen Gegenden dort oben kann man schon einmal durch Dörfer kommen, in denen die NPD das Straßenbild dominiert.

In Ihrem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, der die DDR-Dämmerung gewissermaßen als Familiengeschichte erzählt, gibt es eine Figur, die in die rechte Szene abdriftet; kein Professorensohn, wie einer dieses Thüringer Terrortrios, aber immerhin ein Professorenenkel. Das sind doch vergleichsweise begünstigte Umstände.
Natürlich erklärt das soziale Herkommen nicht allein, warum Menschen in den Sog rechtsradikaler Ideen geraten. Andererseits ist es aber so, dass die sogenannte ­Generation Hoyerswerda, ob Professorensohn oder Arbeiter, doch wieder von sozialen Umständen geprägt ist, nämlich von der Wende und den damit verbundenen Folgen: der radikalen Verunsicherung hinsichtlich aller Bezugspersonen, der plötzlichen Angst vor Arbeitslosigkeit. Die gab es in der DDR nicht. Zum Selbstverständnis der DDR gehörte, dass jeder gebraucht wurde. Und dieses Gefühl wurde auch vermittelt. Mit der gegenteiligen Erfahrung zurechtkommen zu müssen war nicht leicht. All dies hat einen Effekt der Entwurzelung bewirkt, der in dieser Generation sichtbar wird. So auch bei der Figur in meinem Roman. Die jüngsten Enthüllungen über das Ausmaß des Rechtsterrors haben mich allerdings zutiefst schockiert und überrascht. Bei allem Pessimismus, der mir sonst zu eigen ist: das habe ich für unmöglich gehalten.

Wie viel DDR steckt im Rechtsextremismus?
Ich bin da skeptisch. Was wir immer noch erleben, ist eine typische Erscheinung, die Zusammenbrüche begleitet: Die Menschen suchen nach Halt. Für viel explosiver als wie auch immer geartete regimebedingte Erziehungsdeformationen oder diktatoriale Spätfolgen halte ich andere, ganz konkrete Umstände: die Situation der männlichen Jugend etwa, die rebellischer ist, in der Schule schlechtere Noten hat, auf den Dörfern zurückbleibt mit besonders schlechten Ausbildungs- und Entwicklungschancen. Dass dies nicht gutgeht, ist fast schon berechenbar. Natürlich liegt es auch in der Hand des Einzelnen, sich anders zu orientieren. Aber es gibt eben gesellschaftliche Faktoren, die seine Freiheit massiv einschränken. Und solche Orientierungsstörungen gibt es auch im Westen.

In der DDR ersetzte die offizielle antifaschistische Staatsdoktrin die Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Könnte dies nicht doch der Wiederkehr brauner Wahnideen den Weg bereitet haben?
Die DDR, nicht anders als die alte BRD, ist auf einem nationalsozialistisch verseuchten Boden errichtet worden. Die Villa, die in meinem Roman die Großeltern übernehmen, stammt von einem alten, vor der russischen Besatzung geflohenen Nazi, der darin all seinen Krempel zurücklässt, bis hin zu den Tellern und dem mit kleinen Hakenkreuzen verziertem Besteck. Der kommunistische Großvater kommt aus einem proletarischen Milieu und tendiert nach seinem Aufstieg zu einem kleinbürgerlichen Geschmack – ästhetisch liegen der Altkommunist und der geflohene Nazi ganz eng beieinander.



Unsere Empfehlung für Sie