Bauernkrieg vor 500 Jahren Als Stuttgart in Bauernhand war

Bewaffnet mit Sturmsensen dringen die Bauern und ihre Führer nach Stuttgart ein, verhandeln dort mit Räten aus der Bürgerschaft. Ganz so friedlich wie auf dieser digital restaurierten Illustration aus dem 19. Jahrhundert war die Ankunft jedoch nicht: Mindestens im Bebenhäuser Pfleghof kam es auch zu Plünderungen. Foto: Imago/Tschanz-Hofmann

Im April 1525 besetzt ein Bauernheer die Stadt. Die Rebellen kämpfen für die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Rückkehr zu alten Freiheiten und Rechten sowie die freie Wahl der Pfarrer.

Stuttgart ist ein begehrtes Ziel. Schon im März setzte, angeführt von Württembergs vertriebenem Herzog, ein Heer aus Schweizer Söldnern und einigen Bauern der Stadt zu. Erst fiel die Leonhardsvorstadt, dann beschoss man mit Geschützen Stadttor und Gebäude in der Stadt. Von großen Schäden berichtet der Chronist Hans Stockar, der auf Ulrichs Seite an der ersten Belagerung Stuttgarts im Bauernkrieg 1525 teilnahm.

 

Dass die Residenzstadt nicht schon in den Märztagen fiel, ist dem kaisertreuen Schwäbischen Bund zu verdanken. Ihm war es gelungen, kurz vor Beginn der dreitägigen Belagerung, ein starkes Kontingent nach Stuttgart zu verlegen. Zudem erreichte die Belagerer mitten in der Kanonade ein Brief aus dem fernen Pavia: „In Italien hatten die kaiserlichen Truppen der Habsburger am 24. Februar einen Sieg über die Franzosen errungen“, erklärt Erwin Frauenknecht, Mitkurator einer Ausstellung zu Herzog Ulrich und dem Bauernkrieg, die bis 25. April im Hauptstaatsarchiv Stuttgart zu sehen ist.

Ein 6000 Mann starkes Bauernheer rückt Stuttgart zu Leibe

Was diese Nachricht das ferne Württemberg anging? Einiges, denn mit der Niederlage bei Pavia hatte der 1519 durch die katholischen Habsburger geschasste württembergische Herzog von heute auf morgen seinen wichtigsten Geldgeber und Verbündeten verloren: Der französische König François I. war bei der Schlacht in der Lombardei gefangen genommen worden. Die Rückgewinnung Württembergs musste Ulrich, der vermutlich zunächst mehr aus Machtkalkül als aus Überzeugung mit den Bauern und der protestantischen Bewegung sympathisierte, fürs Erste verschieben.

Die Nachricht veranlasste die eidgenössischen Söldner, postwendend die Belagerung Stuttgarts am 13. März abzubrechen. „Ulrich selbst zog sich auf seine Festung auf dem Hohentwiel zurück“, so Frauenknecht.

Knapp sechs Wochen später droht schließlich, die Misere für die Stuttgarter von Neuem zu beginnen. Dieses Mal ohne Herzog Ulrich. Dafür mit einem 6000 bis 8000 Mann starken Bauernheer, das unter der Führung von Matern Feuerbacher und Hans Wunderer der württembergischen Residenzstadt zu Leibe rückt. Mit der Eroberung Stuttgarts wollen die Bauern endlich einen Durchbruch im ganzen Land erzielen.

„Zuvor waren auf dem Wunnenstein bei Großbottwar Hunderte, wenn nicht Tausende zusammengekommen, um ihre Forderungen in Anlehnung an die berühmten Zwölf Artikel der Allgäuer Bauernschaft zu formulieren“, erklärt Andreas Deutsch, Honorarprofessor für Rechtsgeschichte an der Universität Heidelberg. Der Historiker hat die Eroberung Stuttgarts durch die Bauern, vor allem aber deren Übernahme der dortigen Kanzleiverwaltung detailliert rekonstruiert und für einen Aufsatz nachgezeichnet, der im Katalog zur Ausstellung enthalten ist.

Mit den berühmten „Zwölf Artikeln der Bauernschaft“, die im Februar 1525 in Memmingen verfasst wurden, hatten die Rebellen die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung von Frondiensten, die Rückkehr zu alten Freiheiten und Rechten sowie die freie Wahl der Pfarrer verlangt. Vom Wunnenstein zieht das Bauernheer über Lauffen, Bietigheim, Vaihingen auf Stuttgart zu.

Diese Illustration zeigt die mannigfaltigen Arten, einen Aufrührer zum Tode zu bringen. Foto: Bayerische Staatsbibliothek München, Rar. 2311, fol. CLXXIVr

Dass die Statthalter-Regierung der Habsburger angesichts der Bedrohung eilends ihre Sachen in Stuttgart packt, um sich ins sichere Tübingen abzusetzen, ist vermutlich auch der sogenannten „Bluttat von Weinsberg“ geschuldet. Dort hatte am Ostersonntag 1525 das vereinigte Bauernheer „Burg und Stadt erobert, den Grafen Ludwig von Helfenstein und rund ein Dutzend weiterer Adliger gefangen gesetzt und tags darauf grausam hingerichtet“, so Deutsch. Neben anderem war es wohl auch dieses Ereignis, das Martin Luther später dazu veranlasst, sich von den Bauern abzuwenden.

Flucht aus Furcht vor Rache

Unter den aus Stuttgart angesichts der Bedrohung Geflohenen befinden sich der Stadtvogt Burkhard Fürderer von Richtenfels sowie der amtierende Bürgermeister Johann Stickel. „Im Falle einer Rückkehr Ulrichs“, betont der Rechtswissenschaftler Deutsch, „mussten die Amtleute, die alle von der österreichischen Regierung eingesetzt worden waren, dessen Rache fürchten.“ Der Kopf der Verwaltung, der Stadtschreiber und Kanzleichef Johann Elias Meichsner, verbleibt in der Stadt – wohl gegen seinen Willen. Die Redewendung „Bauernopfer“ erhält im Falle Meichsners, der in der Folge eine wichtige Rolle für die Besatzer spielen wird, eine doppelte Bedeutung.

„Schon während das Bauernheer weiter auf Stuttgart vorrückt, sucht die Stuttgarter Bürgerschaft unter Hochdruck die Stadtregierung wieder auf sichere Beine zu stellen“, erklärt Deutsch. Ein neuer Bürgermeister und Vogt werden bestimmt. Zudem soll eine Delegation mit den Bauern verhandeln, um eine Plünderung zu verhindern.

Unter ihnen: der Maler Jörg Ratgeb. „Von dessen bauernfreundlicher Haltung erhofft man sich wohl einen besseren Verhandlungserfolg“, sagt Deutsch. Ein schwerwiegender Fehler: Denn Ratgeb verrät der Bauernschaft, dass Stuttgart parallel Emissäre in noch nicht eroberte Städte gesandt hat, um eine gemeinsame Verteidigung aufzubauen. Ratgeb empfiehlt sich damit den Bauern als verlässlicher Parteigänger ihrer Sache.

„Immerhin erklären sich die Bauern dazu bereit, ihr Lager in Cannstatt aufzuschlagen, wenn die Stuttgarter im Gegenzug die Nahrungsversorgung übernehmen“, schildert Andreas Deutsch die Lage am 25. April 1525. Dann lässt ein Unwetter die Situation eskalieren: Um sich vor Regen und Hagel zu schützen, drängen die Bauern nun doch in die Stadt. Vor dem Siechentor, heute die Kreuzung Königstraße/Bolzstraße, versuchen Meichsner und der neu gewählte Bürgermeister Stähle, Bürger an dem aussichtslosen Unterfangen zu hindern, sich dem Heer entgegenzustellen. „Andere, vor allem ärmere Stuttgarter“, sagt Deutsch, „sympathisierten dagegen mit den Bauern.“

Das Stadttor wird geöffnet

Es kommt, wie es angesichts der Übermacht des Bauernheers kommen muss: Das Tor wird geöffnet. Die Bauern strömen in die Stadt. „Die Bauernführer lassen keinen Zweifel daran, dass nun alle ihren Befehlen gehorchten müssen“, sagt Deutsch. Forderungen werden aufgestellt: So müssen die Stuttgarter neben einem gut bewaffneten Kontingent von 300 Mann auch drei „Buren Räth“ stellen. Sie sollen Stuttgart im Kriegsrat der Bauern vertreten. Jörg Ratgeb ist einer davon und wird sich fortan „Bauernkanzler“ nennen lassen.

„Die Besonderheit des württembergischen Haufens ist, dass er anders als andere Bauernverbände sehr gut organisiert ist“, sagt Deutsch. Die Bauernschaft kapert in der Folge regelrecht die in Stuttgart bestehende Verwaltungsstruktur, um sie geschickt für sich zu nutzen. Das Heer verlässt die Stadt schon wieder am 28. April.

Vor Ort sorgt Ratgeb jedoch weiter dafür, dass Stadtschreiber Meichsner und seine Gehilfen sich „gehorsam erzaigen“. Sie erstellen Schriftsatz um Schriftsatz für die Bauern. Möglich, dass Meichsners Frau verschleppt wird, um ihn gefügig zu machen.

„Als das Heer des Schwäbischen Bunds herannaht, formen die württembergischen Bauernkrieger Anfang Mai bei Nürtingen zusammen mit anderen Haufen ein großes Bauernheer“, sagt Deutsch. Auf Anordnung verschickt Meichsner Mobilmachungsschreiben in alle Richtungen. „Die Vorlage dazu liefert Bauernkanzler Ratgeb.“

Herzog Ulrich lässt Meichsner foltern

Der Meister des Herrenberger Altars werde in der Kunstgeschichte als „eine Art Märtyrer dargestellt – und Meichsner als Bösewicht“, sagt Andreas Deutsch. Einer der mutmaßlichen Gründe: Der Stadtschreiber tritt später im Prozess gegen Ratgeb als Zeuge in Erscheinung. Deutsch sieht nach seinem Quellenstudium vor allem Johann Meichsners Rolle differenzierter: So sei ihm später unterstellt worden, er habe freiwillig mit den Bauern paktiert und hätte im Anschluss an den Bauernaufstand Ulrichs Anhänger verfolgt. Herzog Ulrich wird ihn deshalb foltern lassen. Erst 1540 findet der Stadtschreiber Zuflucht in Baden.

Mit der entscheidenden Schlacht von Böblingen am 12. Mai 1525, bei dem 15 000 schlecht bewaffnete Bauern von einem deutlich kleineren Heer des Schwäbischen Bundes vernichtend geschlagen werden, bricht auch die Bauernherrschaft in Stuttgart schlagartig zusammen. „Ratgeb hält bis zuletzt die Kommunikation in der Kanzleizentrale in Stuttgart aufrecht“, sagt Erwin Frauenknecht. Wer fliehen kann, flieht jetzt – „Bauernkanzler“ Ratgeb nach Pforzheim.

Es nützt ihm nichts: 1526 wird der Maler wie viele Rädelsführer der Bauern hingerichtet. Württemberg und damit auch Stuttgart sind wieder in der Hand Habsburgs. Der „Bauernfreund“ Ulrich, der einst für seine Verschwendungssucht bekannt war und noch 1514 den Aufstand des Armen Konrad hat niederschlagen lassen, wird es erst neun Jahre später gelingen, seine Herrschaft zurückzugewinnen und die Reformation in Württemberg einzuführen.

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