Der beste Karosseriebauer-Geselle kommt aus Böblingen Schönheitschirurg für Opas S-Klasse

Arbeit an einem Senior: Leonard Hämmerlin passt das hintere Seitenteil einer alten Mercedes S-Klasse ein Foto: Stefanie Schlecht

Leonard Hämmerlin ist bester Karosseriebauer-Geselle der Region. Sein erster Job bei seinem Böblinger Lehrbetrieb: Aus einem Metallgerippe wieder einen Merceds gestalten.

Böblingen - Passt. Ein sanfter Druck und ein kleiner Klapps – schon sieht das Metallgerippe wieder etwas mehr nach Auto aus. Der Kotflügel, den Leonard Hämmerlin an das hintere Ende einer ausgebeinten Karosserie anbringt, lässt ahnen, was der 19-Jährige vorhat: Aus einem gesichtslosen Stahlgeflecht soll wieder eine Mercedes S-Klasse werden.

 

Seit über vier Wochen ist der Oldtimer das Projekt des 19-Jährigen Karosseriebauers. „Ein großes Projekt“, sagt Leonard Hämmerlin, und ein bisschen Ehrfurcht schwingt dabei mit. Sein Chef Michael Schulth hat ihn mit dieser Aufgabe betraut. Der Inhaber der gleichnamigen Lackier- und Karosseriebau-Werkstatt im Böblinger Industriegebiet Hulb weiß, dass er seinen jungen Mitarbeiter damit nicht überfordert. Leonard Hämmerlin ist seit Anfang des Jahres ausgelernter Geselle. Mit Prädikat: Unter 45 Azubis in der Region Stuttgart war er der Jahrgangsbeste. Michael Schulth hält große Stücke auf ihn.

Dass Leonard Hämmerlin nach der Realschule im Kraftfahrzeug-Metier landen wird, war vorgezeichnet. „Väterlicherseits geprägt“ sagt er. Seit er sich erinnern kann, gehören Oldtimer zur Familie. Zusammen mit seinem Vater hat Leonard sich schon früh als Autoschrauber geübt. Nach diversen Praktika war dann klar: Der Sohn wird Karosseriebauer.

Der Job ist mehr, als Allerweltsdellen auszubeulen

Der Blick in die Werkstatthalle, wo das S-Klasse-Gerippe aufgebockt ist, macht deutlich, dass dieser Job mehr ist, als nur Allerweltsdellen auszubeulen und Folgen von Ampel-Unfällen oder Hagelschäden wieder gutzumachen. Eine alte BMW-Limousine steht genauso zur Rundum-Erneuerung bereit wie ein schnittiger Porsche, der gerade eine froschgrüne Farbauffrischung verpasst bekommt. Daneben erhält der 70er-Jahre-Mercedes das Finish vom Chef, in der Ecke steht ein Daimler-Renner aus den Wirtschaftswunder-Zeiten, der darauf wartet, für ein neues Leben auf den Straßen des 21. Jahrhunderts präpariert zu werden. „Seit Corona“, erzählt Michael Schulth, „haben wir weniger Unfallfahrzeuge.“ Zeit für die Wiederherstellung der Auto-Ahnen.

Leonard Hämmerlins Ahn stammt aus dem Jahr 1984 – ist fast doppelt so alt wie sein Sanierer und ein Herzblut-Projekt des Kunden, der ihn vom Großvater vererbt bekommen hat. Der Auftrag: Die Limousine des Opas soll wieder so über die Straßen rollen wie am ersten Tag. Möglichst originalgetreu. Renommier-Projekt und Herausforderung zugleich für einen Fachmann.

„Da ist alles drin, was ein Karosseriebauer können muss“, sagt Michael Schulth. Leonard Hämmerlin hat schon ganze Arbeit geleistet und den Merceds in ein rohes Gerippe verwandelt. Sämtlich Teile sind ausgebaut und werden restauriert. Was nicht mehr verwendbar ist, muss irgendwie beschafft werden. „Einige Teile gibt es noch bei Mercedes“, erzählt Hämmerlin, einige auch nicht mehr.

Als Ersatzteil-Lieferant fungiert die daneben stehende Limousine. Eine S-Klasse, die nicht mehr zu retten ist. So wechselt der Innenkotflügel die Karosse, genauso wie der komplette Kofferraumboden. Rund sechs Stunden hat Leonard Hämmerlin gebraucht, bis das Ding draußen war. Zehn Stunden wird es dauern, bis es wieder drin ist. Nichts für Ungeduldige. „Manche rasten da schon mal aus“, sagt der junge Mann aus Gechingen und grinst, „ich nicht.“ Frust und Unlust sind keine guten Kollegen in diesem Metier. „Alles ist richtbar“, sagt Leonard Hämmerlin. Und eines nimmt ihm keiner: Wenn der Mercedes wieder fährt, schreibt das Auto weiter Geschichte, weiß er, „und ich bin ein Teil davon.“

Wenn Ersatzteile vergriffen sind, müssen sie nachgebaut werden

Speziell wird es, wenn nichts mehr geht. Wenn weder Mercedes noch das Ersatzteilwrack von nebenan noch das Internet weiterhelfen können. Dann ist der Spezialist im Karosseriebauer gefragt, Leonard Hämmerlin wird zum Schönheitschirurgen der automobilen Art: Teile selber bauen ist angesagt. Stolz zeigt er auf die Achsaufhängung, die er selbst gefertigt hat. Hammer, Winkelschleifer, Schweißgerät und ganz viel Feinarbeit waren die Begleiter, bis das massive Metallteil gepasst hat. Ein elementares Bestandteil des Autos, genau wie der Lenkträger. Den hat Hämmerlin selbst ausgerichtet. „Das kann man nicht einfach irgendwie machen“, erklärt er. Pfusch am Oldie sei keine Kunst. Denn die meisten Teile verschwinden für immer hinter Blech oder dem Lack. Daher wird für den Kunden jeder Arbeitsschritt dokumentiert und am Schluss genau geschaut, ob alle Abstände und Türspalten passen.

Wenn Leonard Hämmerlin das Fahrzeug seinem Lackierer-Kollegen übergibt, ist es so weit. Der Karosseriebauer hat seinen Beitrag zur Verjüngungskur des Auto-Senioren geleistet. „Das ist der größte Moment. Dann mach ich mir ein Bier auf“, versichert er. Bis der Kronkorken ploppt, wird es mindestes noch zwei Monate dauern.

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