Der Bildhauer Fritz von Graevenitz Ein Plädoyer, sich mit dem Künstler zu beschäftigen

Von Dietrich Heißenbüttel 

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verteidigte Graevenitz vehement die Lehre von Britsch und Kornmann, die Hitlers Chefideologe Alfred Rosenberg als „rassevermischenden Expressionismus“ diffamierte.

Fritz von Graevenitz bewunderte den Bildhauer Wilhelm Lehmbruck. „Ich stand erschüttert vor der Knienden Ihres Vaters in der Entarteten Ausstellung in München“, schrieb er 1937 nach dem Besuch der Ausstellung „Entartete Kunst“ an dessen Sohn Manfred Lehmbruck. In dem Brief versucht Fritz von Graevenitz, sich und Lehmbrucks Sohn zu trösten: „Menschengeist und tiefste Beseeltheit, wie sie die Werke Ihres Vaters adeln, bleiben ewig unverloren“, schreibt er. 1940 sprach er den württembergischen Ministerpräsidenten Christian Mergenthaler, dem er seine Ernennung zum Direktor der Akademie verdankte, auf die Morde an Behinderten auf Schloss Grafeneck an – ohne damit freilich etwas zu erreichen. Für den fanatischen Reichsstatthalter Wilhelm Murr war Graevenitz schlicht ein unsicherer Kantonist. Nicht immer konnte dieser sich dagegen wehren, dass ihm Murr an der Akademie weniger begabte Künstler, aber stramme Parteigenossen zur Seite stellte.

War Graevenitz nun also ein „Nazibildhauer“ oder ein „Aktivist gegen den Nationalsozialismus“? Trotz ihrer umfangreichen Recherchen kommt Julia Müller zu keinem eindeutigen Ergebnis: „Wahrscheinlich haben sich alle, die sich im Dritten Reich nicht gegen die Politik und das NS-Regime stellten, direkt oder indirekt schuldig gemacht“, sagt sie.

Mit Schuldzuweisungen ist es nicht getan

Nebenbei geht Julia Müller auch auf zahlreiche andere Künstler ein, darunter den berühmten Typografen und Stuttgarter Akademielehrer Friedrich Hermann Ernst Schneidler, der wie Graevenitz auf Hitlers „Gottbegnadetenliste“ der wichtigsten und daher vom Kriegsdienst befreiten Künstler stand. Julia Müller behandelt Mitläufer und stramme Nazis, aber auch so bedeutende Künstler wie Heinrich Altherr, Bernhard Pankok, Hermann Sohn oder Rudolf Rochga, die in der nationalsozialistischen Zeit ihre Posten an den Stuttgarter Hochschulen räumen mussten und bis heute nur wenig Beachtung finden.

Julia Müllers Arbeit versteht sich als Plädoyer, sich mit diesen Künstlern zu beschäftigen. Einige wie Sohn oder Altherr standen dem nationalsozialistischen Regime von Anfang an kritisch gegenüber. Andere versuchten, sich zu arrangieren.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema stößt nach wie vor häufig auf Abwehrreflexe, wie Müller im Lauf ihrer Recherchen immer wieder feststellen musste. Doch mit Schuldzuweisungen ist es nicht getan – sie entlasten allenfalls das Gewissen der Nachwelt. „Nicht über diese Zeit zu schreiben“, stellt Julia Müller fest, „lässt ein historisches Vakuum entstehen, umgeben vor allem vom Nebel vager Vermutungen.“ Diesen Nebel versucht sie zu lichten.

Sonderthemen