Der Blues und seine Geschichte Der Sound des dunklen Südens
Hierzulande spricht man vom Herbst- und Winterblues – und meint damit ein Stimmungstief. Die Musik der US-Südstaaten erzählt andere Geschichten – von Armut, Rassismus und Kriminalität.
Hierzulande spricht man vom Herbst- und Winterblues – und meint damit ein Stimmungstief. Die Musik der US-Südstaaten erzählt andere Geschichten – von Armut, Rassismus und Kriminalität.
Mondlicht über dem Mississippi-Delta. Die Straßenkreuzung betritt langsam ein großer dunkel gekleideter Mann und nimmt dem jungen Musiker sanft die Gitarre aus der Hand. Er stimmt das Instrument nach, spielt darauf, gibt sie dem erstaunten Musiker zurück und verschwindet wieder in der Nacht. Auf dem Highway, der New Orleans mit Chicago verbindet, ist dieser mythische Ort leicht zu finden. Überragt von zwei ineinander verschlungenen Riesengitarren, öffnet sich dort, wo die Route 61 die Route 49 kreuzt, die Pforte zum Land des Blues. Am Ortseingang von Clarksdale soll in einer Mondnacht des Jahres 1930 der Bluesmusiker Robert Johnson einen Pakt mit jenem Mann geschlossen haben, von dem sie sagen, es war der Teufel selbst. Im Tausch für seine Seele habe Robert so gut Gitarre spielen und singen können, dass er zu einer Legende der amerikanischen Musik wurde.
Eric Clapton hält Johnson für den „größten Blues-Sänger, Gitarrist und Songwriter aller Zeiten“. Robert Johnson, der im zarten Alter von 27 von einem gehörnten Ehemann vergiftet wurde oder – wer weiß das schon – vielleicht doch nur elend an Syphilis starb, kam am 8. Mai 1911 als uneheliches Kind auf die Welt. Zwei Jahre vor seinem Tod betrat Johnson erstmals ein Tonstudio. Eine Besonderheit seiner Lieder besteht darin, dass er sich mit Gesang und Gitarrenspiel in verschiedenen Rhythmen bewegte. So entstand der Eindruck, als ob mehrere Personen spielten. Auch sein Gesangsstil zwischen Jauchzen und Weinen ist für die damalige Bluesmusik untypisch.
Seine Bluesnummern wurden Jahrzehnte später von so unterschiedlichen Musikern wie Bob Dylan, Jimi Hendrix oder Keb’ Mo’ interpretiert, von Bands wie Cream, Fleetwood Mac, Led Zeppelin, den Rolling Stones. Robert Johnson wurden mehrere Tribute-Alben gewidmet, etwa „Me and Mr. Johnson“ von Eric Clapton, „Splinter Group – The Robert Johnson Songbook“ von Peter Green oder John Hammonds „At the Crossroads“. Legenden wie Jimi Hendrix, Mick Jagger oder die Red Hot Chili Peppers haben Titel wie „They’re Red Hot“, „Love In Vain“, „Sweet Home Chicago“, „Hellhound On My Trail“ oder „Crossroads“ interpretiert. Steht die Wiege des Blues also hier bei Clarksdale am Mississippi in Arkansas? Tatsächlich kam der Blues schon Ende des 19. Jahrhunderts an die schlammigen Deltaufer, in die angeschwemmte Ebene, die sich über rund 100 Kilometer zwischen Memphis und Vicksburg erstreckt. Er tauchte auf wie ein blinder Passagier aus dem Laderaum eines Schiffes aus Afrika. John Lee Hooker und Charley Patton lebten, arbeiteten – und sangen hier. Zu ihnen gehörte auch ein Traktorfahrer namens McKinley Morganfield, der später in Chicago Karriere machte. Dort gab er sich einen Künstlernamen, der an seine Heimat erinnert: Muddy Waters (übersetzt: schlammiges Wasser).
Das Land ist voller Legenden. Man hört Geschichten von Messerstechereien und versteckten Gräbern, dunkle Erzählungen, in denen Dichtung und Wahrheit sich mischen. In Clarksdale findet sich heute ein Rock & Blues-Museum. Dahinter Baumwollfelder und die Ruinen ehemaliger Herrenhäuser. Die Rassentrennung ist immer noch spürbar, die Kriminalitätsrate hoch.
Wenn man flussabwärts dem Mississippi Blues Trail folgt, begegnet man der Vergangenheit auf Schritt und Tritt. Im Dornengebüsch hinter einer kleinen Kirche liegt das Grab von Sonny Boy Williamson, dem Virtuosen an der Mundharmonika, auf einem verlassenen Feld stehen ein paar schiefe Bretter mit rostigen Nägeln: Es sind die Reste jener Hütte, die Muddy Waters einst bewohnt hat. Und wenn man Robert Johnsons Grab sucht, findet man gleich drei Friedhöfe von verschiedenen Gemeinden, die Blues-Fans und Johnson-Bewunderer anlocken möchten.
Als in den 1930er Jahren die Baumwollverarbeitung mechanisiert wurde, hat ein Großteil der schwarzen Bevölkerung den Süden verlassen. Drei Millionen von ihnen sind in diesen Jahren mit der Eisenbahn Richtung Norden gefahren, mit der Southern Line. Blues-Songs aus dieser Zeit wie „Yellow Dog“ erzählen davon. Die Einwohnerzahlen von Detroit und Chicago wuchsen entsprechend; die Industrie zahlte höhere Löhne. So wurde der Country Blues städtisch und elektrisch. Er absorbierte die nervöse Energie der City, und Plattenfirmen machten Musiker wie Muddy Waters oder Willie Dixon reich und weltbekannt.
Robert Johnson wurde erst in seinen zwei letzten Lebensjahren zu einem Star. Reich wurde er nicht und weltbekannt erst posthum. Doch bei seinen Live-Auftritten hatte der Blues-Man, der meist von Schmerz, Elend und Verzweiflung sang, auch seinen Spaß. Der gutaussehende junge Musiker wusste seine Wirkung auf Frauen zu nutzen. In jeder Bar fand sich der Legende zufolge eine, die sich um ihn kümmerte. Juke-Joints heißen diese kleinen Clubs, in denen Johnson damals die Leute begeisterte. Noch heute werden sie von einem vorwiegend schwarzen Publikum besucht.
Auf dem großen Platz von Clarksdale liegt schon nachmittags Bluesmusik in der feuchten heißen Luft. Eddie Cusic, ein Musiker vom Sunflower River Blues & Gospel Festival, gibt Kostproben seines Repertoires zum Besten. Mit Ledermütze, kariertem Hemd, löchrigen Jeans und Stiefeln improvisiert der alte Mann über den „Rising High Water Blues“ von Blind Lemon Jefferson. Er klingt noch genauso archaisch und rudimentär wie einst. Da werden keine Hits kopiert, da wird gespielt, als sei es das letzte Mal.
Einige wenige Bluesmusiker wie T-Model Ford oder Robert Belfour touren auf der ganzen Welt herum, aber die meisten leben heute von Gelegenheitsjobs und ihren kümmerlichen Renten. Der Blues ist für sie eine Nebenbeschäftigung, leben können sie davon nicht. Viele sind Analphabeten, die kein Plakat lesen und schon gar keine Website entwerfen können. Manche haben nicht einmal ein Bankkonto.
Haben die USA sich verändert, seit Billie Holiday 1939 mit dem Song „Strange Fruit“ die Lynchjustiz in den Südstaaten mit drastischen Bildern geißelte und mit ihrer ausdrucksvollen Jazzstimme zahlreiche Menschen aufrüttelte? Mag sein, dass vieles besser geworden ist. Doch unter US-Präsident Donald Trump zeigt der Rassismus im Land immer offener sein hässliches Gesicht. Trump, der bei Verbrechen von Migranten auf seiner Plattform Truth Social schnell reagiert und Mexikaner pauschal als „Vergewaltiger“ bezeichnet, verhält sich auffällig zögerlich, wenn Gewalttaten vom Ku-Klux-Klan und White-Supremacy-Fanatikern ausgehen. Die rechtsextreme Demonstration 2017 in Charlottesville endete damit, dass ein Neonazi mit seinem Auto in eine Gegendemonstration raste, eine 32-jährige Frau tötete und viele andere verletzte. Trump sprach danach erst mit Verzögerung von dem Hass „auf allen Seiten“.
Furchtbare Berühmtheit erlangte jenes Video aus dem Jahr 2020, das den weißen Polizeibeamten Derek Chauvin zeigt, der neun Minuten auf dem Hals des Afroamerikaners George Floyd kniete, so lange bis der Tod eintrat. Trump verunglimpfte immer wieder Künstlerinnen wie Beyoncé, Lady Gaga, Billie Eilish und Bluessänger wie Robert Cray und Keb’ Mo’, die sich dagegen verwahren, von ihm vereinnahmt zu werden oder gar – wie Bruce Springsteen – ihre Stimme gegen ihn erheben. In der Heimat des Blues ist der Rassismus ohnehin nie verschwunden. Die Zeit scheint dort stehen zu bleiben. In Clarksdale muss man nur ein paar Schritte gehen, um das zu wissen. Dahin, wo die Fensterscheiben zerbrochen sind, wo 20 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben, wo die Arbeitslosigkeit am höchsten ist. Hier im ärmsten Staat der USA scheint der Mississippi durch das 20. Jahrhundert geflossen zu sein, ohne dass sich viel verbessert hat.
Immerhin: Der große schwarze Schauspieler Morgan Freeman hat mit seinem Freund, dem demokratischen Gouverneur Bill Luckett, eine Million Dollar investiert, um in einer stillgelegten Fabrik ein Blueszentrum aufzubauen. Im Ground Zero Blues Club wird jetzt das ganze Jahr Blues gespielt. Das hat andere ermutigt, Clubs wie das Red’s aufzumachen, einen der authentischen Juke-Joints, die entlang des träge fließenden Stromes die Musiklandschaft prägen. Das Publikum ist schwarz, Weiße verirren sich hierher kaum.
Mark Massey, ein Musiker um die 30, den sie Maultiermann nennen, malträtiert seine abgegriffene Stratocaster: Knochentrockene Klänge und sparsame Harmonien verglühen im Halbdunkel des Clubs. Die Luft scheint zu brennen. Red, der schweigsame Eigentümer, bewacht den Eingang und serviert kühles Bier. Auf der Bühne singt der Mule Man von einer Farm bei Senatobia, von heißen Mississippi-Nächten und seinem Aufenthalt im Knast. „Down Home Mississippi“ heißt das Lied. Im Gefängnis von Parchman, das 1901 erbaut wurde, sitzen heute 5000 Häftlinge. Blues-Helden wie Son House und Bukka White besangen einst das Elend hinter Anstaltsmauern. Auch im Red’s klingen die Blues-Gitarren kein bisschen nach Vorkriegsromantik, eher nach der unaufhörlichen Wiederholung der Geschichte, nach der Kriminalität, die dem sozialen Elend zu folgen pflegt. Das ist noch der alte, der unverfälschte Blues des Südens.
Auch T-Model Ford hat in Parchman schon seinen bitteren Blues aus den Gefängnisgittern hinausgeschrien. Heute unterhält er lieber das Publikum im Po’ Monkeys, einem anderen alten Juke-Joint. Dort trinken und tanzen die Besucher bis in den Morgen, um die Misere des Alltags zu vergessen. Sie tanzen zu den Songs von Robert Johnson, der teuflisch guten Blues-Legende.