Der Bodypainter Udo Schurr Lebende Leinwand

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Der Mögglinger Udo Schurr bemalt gerne nackte Menschen. Per Airbrush verwandelt er Körper in Kunstwerke. Ein bunter Nachmittag mit dem Bodypainter.

Hochkonzentriert arbeitet Udo Schurr mit seinen Airbrush-Pistolen Foto: Frank Eppler 5 Bilder
Hochkonzentriert arbeitet Udo Schurr mit seinen Airbrush-Pistolen Foto: Frank Eppler

Mögglingen/Schwaikheim - Anja führt normalerweise ein bürgerliches Leben. Sie ist Anfang 30 – ihr genaues Alter will sie nicht verraten –, verheiratet, hat zwei Kinder und arbeitet als Controllerin in einem großen Unternehmen. Nun steht sie nackt bis auf einen schmalen String-Tanga in der Schwaikheimer Galerie Yellow Arts. Ihre bloße Haut dient als Leinwand. Claude Monets Gemälde „Frau mit Sonnenschirm“, Sandro Botticellis „Venus“, Salvador Dalís „The Persistence of Memory“ und René Magrittes „Der Sohn des Mannes“ sollen Anja in den folgenden fünf Stunden in ein lebendiges Kunstwerk verwandeln.

Vor ihr kniet Udo Schurr, 46. Schurr ist ein Könner seines Fachs: zweifacher Weltmeister, vierfacher Vizeweltmeister. Er trägt Jeans, die mit Farbe verschmiert sind. Unter seinem Hemd schimmert ein schwarzes, eng anliegendes Muskelshirt durch. Seine Haare sind zu einer Stehfrisur hochgegelt. Schurr ist gelernter Glas- und Fensterbauer, er jobbt in Teilzeit in der Produktion eines Automobilzulieferers. Seine Passion ist aber das Bodypainting.

Udo Schurr erschafft seine Körpergemälde nicht mit einem Pinsel, sondern per Airbrush. Als Erstes verpasst er Anja eine, wie er sagt, „leichte Grundierung“. Mit zarten Sprühstößen hüllt er sein Model in weiße Farbe ein. „Dann kommen die Farben später besser raus“, sagt er.

Seine Freundin wird zum Übungsobjekt

Schurr war schon als Jugendlicher von den Airbrush-Bildern fasziniert, die er in Motorsportzeitschriften entdeckte. Eines Tages kaufte er sich im nächstbesten Malergeschäft eine Aibrush-Ausrüstung und legte „einfach mal los“. Bald waren die Werke des Autodidakten im Freundeskreis gefragt. Die ersten Auftragsarbeiten wurden bestellt, beispielsweise großflächige Dekorationen für Restaurants. „Aber irgendwann ist es mir zu langweilig geworden, nur auf Wände zu malen“, sagt er.

So kam er auf die Idee, Menschen zu besprühen. Dass diese Kunstform nicht seine Erfindung ist, sondern es diverse Airbrush-Bodypainter in der weiten Welt gibt, wusste er. Doch was soll’s? Man muss ja nicht der Erste sein, der etwas Ausgefallenes tut. Hauptsache, man zählt zu den Besten. Seine damalige Freundin wurde zum Übungsobjekt. Es folgten weitere Freundinnen und somit weitere Übungsobjekte. Das war Anfang der 1990er Jahre.

Körperbemalung ist quasi so alt wie der Homo sapiens. Schon Steinzeitmenschen verzierten sich mit Farben, die sie aus Brauneisenstein, Tonmineralien, Quarz, Kalk oder Holzkohle herstellten. Krieger bemalten sich martialisch, um ihre Gegner einzuschüchtern. In der Moderne kam der Begriff „Körperkunst“ auf: In den 1960er Jahren entdeckten Künstler ihre eigene Gestalt als Kunstobjekt und setzten sich selbst in Szene. Die Body-Art wurde ein Teil der Hippiekultur.

Im 21. Jahrhundert gehören Tätowierungen auf der Epidermis, Wangenrouge und Lippenstift zu einem kommerzialisierten Körperkult. Auch britische Herrensakkos, französische Haut Couture und italienische Schuhe dürfen als eine Art Bemalung gelten: „Wenn wir es recht überdenken, so stecken wir doch alle nackt in unseren Kleidern“, schreibt Heinrich Heine.