Der Bundesliga-Stopp und die Folgen Das Ende der goldenen Ära im Fußball

Den Fußballclubs wie dem VfB fehlt es an Einnahmen – bei laufenden Kosten. Foto: imago//Michael Weber

Durch das Aussetzen des Spielbetriebs treffen die lange erfolgsverwöhnten Vereine der Bundesliga auf eine dramatische Realität. Wie sollen sie die fehlenden Einnahmen kompensieren – das fragt man sich jetzt nicht nur beim VfB?

Sport: Heiko Hinrichsen (hh)

Stuttgart - Um zu verstehen, wie sehr ein Profifußballverein am Tropf des Geldes hängt, weil er im Stile eines Goldschürfers auf der Suche nach Nuggets immer neue Millionen Euro zu generieren hat, reicht ein Zitat des ehemaligen IBM-Deutschlands-Chefs Erwin Staudt. „Im Fußball pressen wir jeden Geschäftsbereich aus wie eine Zitrone“, sagte der heutige VfB-Ehrenpräsident Staudt bereits zu seiner aktiven Zeit im Stuttgarter Clubhaus über die dringend notwendigen Zuwächse in den Bereichen TV-Gelder, Business-Logen, Sponsoring-Partner, Merchandising, Ticketing etc.: „Und jeden zusätzlich erwirtschafteten Euro, den stecken wir dann in die Mannschaft. Denn sportlicher Erfolg ist unser oberstes Unternehmensziel.“ Und der monetäre Konkurrenzdruck auf dem Transfermarkt, bei Ablösesummen, Gehältern oder Beraterhonoraren, er wurde immer größer.

 

Krisentreffen am Frankfurter Flughafen

Lange Zeit lief trotzdem alles planmäßig. Nun aber hat das Corona-Virus auch den Bundesliga-Fußball infiziert. Nichts geht mehr. Die Spiele sind vorerst bis zum 2. April ausgesetzt. Ob und wann es danach weitergeht, dies vermag auch keiner der Protagonisten zu sagen, die sich an diesem Montag am Frankfurter Flughafen zur größten Krisensitzung in der Geschichte des Bundesliga-Fußballs zusammenfinden werden. Der Berliner Senat jedenfalls hat schon jetzt entschieden, dass bis mindestens 19. April in der Hauptstadt auch im Sport nichts geht.

Wenn die Manager der 36 Proficlubs aus Liga eins und zwei, die in der Deutschen Fußball-Liga (DFL) vereint sind, zu ihrer Konferenz im Sheraton Hotel zusammenkommen, dreht es sich vorab auch um Fragen des kurzfristigen Infektionsschutzes. Mundschutz ja oder nein? Doch im Kern des Krisentreffens einer so erfolgsverwöhnten Branche geht es „für einige Clubs ganz knallhart um eine Insolvenz-Vermeidungsstrategie“, wie es Hans-Joachim Watzke, der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, ausdrückt.

Die Bundesliga steht vor einer Horror-Realität

Denn der Fußball, der sich auch nach den Zeiten des beim VfB 2011 abgetretenen Präsidenten Erwin Staudt in einem scheinbar nie enden wollenden Wachstum sah, trifft durch die Corona-Pandemie auf ungeahnte Horror-Realitäten. Ein Rekord hatte ja zuvor den nächsten getoppt, wenn der DFL-Geschäftsführer Christian Seifert alljährlich seine Geschäftszahlen präsentierte. 2016 etwa wurde der letzte TV-Vertrag über vier Jahre abgeschlossen, der mit der Saison 2017/18 seinen Anfang nahm – und der durch ein um 83 Prozent gesteigertes Ergebnis die Kassen der Vereine nicht klingeln, sondern laut scheppern ließ. Sage und schreibe 4,84 Milliarden Euro kassieren die 36 Bundesligisten für die vier Spielzeiten allein aus der TV-Vermarktung, dem in ihren Bilanzen mit Abstand wichtigsten Segment.

Aus unserem Plus-Angebot: Pause im Fußball – und dann?

Von der Saison 2020/21 an wird nun ein neuer Vertrag ausgehandelt, für den das Bieterverfahren bis Ende April diesen Jahres läuft. Wie die Szene noch im Januar tickte, als die Corona-Krise vor allem ein chinesisches Problem zu sein schien, das belegt ein Zitat von Karl-Heinz Rummenigge, dem Vorstandschef des FC Bayern München. „Sky steht jetzt völlig nackt da“, sah sich Rummenigge in einer ganz starken Position, gerade vor dem Hintergrund, dass der Pay-TV-Sender die Rechte an der Champions League an die Streamingdienste DAZN und Amazon verloren hatte. „Diese Lage könnte Sky dramatisch unter Druck setzen.“

Doch plötzlich finden sich der Bayern-Boss, sein VfB-Kollege Thomas Hitzlsperger wie die 34 restlichen Clubchefs durch die Corona-Pandemie, gegen die selbst die Kirch-Krise vor 18 Jahren als Bubenstreich erscheint, in einem dramatischen Szenario wieder.

82 Partien stehen in der Bundesliga noch aus

82 Partien sind in dieser Saison in der ersten Bundesliga noch zu spielen. Fallen sie komplett aus, gehen den Vereinen 750 Millionen Euro an Einnahmen verloren. Denn eine Ausfallversicherung etwa gegenüber den TV-Partnern (hier geht es um 370 Millionen Euro) gibt es nicht. Auf der anderen Seite müssen die Vereine ihre angestellten Spieler – beim VfB etwa bezieht allein der Spitzenverdiener Mario Gomez ein Jahresgehalt von rund vier Millionen Euro – weiter bezahlen.

Welche Wege führen aus dem Dilemma? Ein finanzielles Entgegenkommen der Spieler dürfte kaum zu erwarten sein. Und andere Aktionen wie die von Union Berlin, das mit „der virtuellen Bratwurst“ im Fanlager bereits erfolgreich auf Spendenjagd geht, sind nur Tröpfchen auf den heißen Stein. Zum Vergleich: Ein Zweitliga-Spitzenspiel gegen den Hamburger SV vor Geisterkulisse würde für die Stuttgarter 1,5 Millionen Euro Verlust bedeuten.

Vage Hoffnungen der Clubs ruhen nun auf einer Absage oder Verschiebung der Europameisterschaft, worüber die Mitglieder der Uefa auf einer Konferenz am Dienstag beraten und möglicherweise entscheiden. Fällt die EM aus, hätte die Bundesliga womöglich Zeit, ihre Spiele nachzuholen. Doch der ehemalige Bayern-Präsident Uli Hoeneß mahnt bei Sport 1 zu einem gesunden Realitätssinn: „Wir müssen jetzt alles auf Null stellen. Alles andere ist Schaumschlägerei. Vielleicht müssen wir ja bis zum Oktober aufhören, Fußball zu spielen.“

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